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Feuilleton

Die Legende von den Gentlemen-Räubern

Viele zollen den Juwelendieben im Grünen Gewölbe Respekt. Daran sind auch Egon Olsen, George Clooney und Robin Hood schuld.

Hatten sie den perfekten Plan? Die Diamantenräuber bei ihrer „Arbeit“ im Grünen Gewölbe, frühmorgens am 25. November.
Hatten sie den perfekten Plan? Die Diamantenräuber bei ihrer „Arbeit“ im Grünen Gewölbe, frühmorgens am 25. November. © Screenshot/SKD

Sie haben binnen weniger Minuten Dresdens Theaterplatz ins schützende Dunkel getaucht, im toten Winkel Gitterstäbe durchtrennt, das Fenster dahinter ausgehebelt, sich durch die Öffnung ins Schlossinnere gezwängt, mit wenigen Axthieben eine Vitrine zerstört, unschätzbar wertvollen Schmuck an sich genommen, per Auto den Tatort verlassen, den Fluchtwagen zwecks Spurenvernichtung verbrannt und sich danach in Luft aufgelöst. Kurz: Sie haben offenbar den perfekten Coup hingelegt.

Schon die Worte „perfekt“ und „Coup“ klingen nach dem, was viele Menschen den Juwelendieben von Dresden entgegenbringen: Respekt. Gut, sie sind natürlich Kriminelle, die ein Verbrechen begangen haben. Das aber auf scheinbar vollendet professionelle Weise, noch dazu ohne Leben zu gefährden und sich das Eigentum anderer Menschen anzueignen – es traf ja „nur“ Sachsen und dessen Staatsschatz. „Ich verurteile den Raub zwar, aber ich muss den Dieben auch Anerkennung zollen“; solche Kommentare sind keine Seltenheit.

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Obwohl es nicht nur moralisch höchst widersinnig ist, Verbrechern Respekt für die technische Qualität ihrer Verbrechen zu zollen, machen wir bei Dieben und Räubern gerne eine Ausnahme. Das hat eine lange Tradition, die im 20. Jahrhundert durch das Massenmedium Film popularisiert und verfestigt wurde. 

Doch schon der wahrscheinliche Urvater des Mythos vom guten Gauner war selber nur eine Legende: Robin Hood, jener besitzlose Adelige, der vor 1.000 Jahren in England den Reichen nahm, um den Armen zu geben. Kapitalismuskritik samt Sozialfürsorge als Motiv für Gesetzesbruch, karitatives Engagement sticht Verbrechen; diese moralisch-mathematische Gleichung hatte über Jahrhunderte hinweg viele Freunde.

Immer wieder wurde berühmten Räubern gutgeschrieben, dass sie zumindest einen Teil ihrer Beute an Bedürftige weitergaben und deren Not linderten. Das rechtfertigte nicht nur ihre Taten, vielmehr verblasste vor dem Glanz solchen Edelmutes das Motiv der persönlichen Habgier ebenso wie die Brutalität bis hin zu Verstümmelung und Mord, mit der sie vorgingen. 

Obgleich der Mythos vom politisch und sozial angeblich wohlgesinnten hessischen Schwerverbrecher Johannes Bückler längst widerlegt ist, bleibt die über 200-jährige Legende des tapferen „Schinderhannes“ als Kämpfer gegen Reiche und Franzosen bis heute quicklebendig. Nicht schlechter erging es spanischen Banditen wie „El Tempranillo“ und „El Barbudo“, die im frühen 19. Jahrhundert erst gegen napoleonische Besatzung, dann gegen Ausbeutung von Kleinbauern durch Großgrundbesitzer raubten, brandschatzten, mordeten.

In diesen Beispielen verband sich noch das karitative Motiv mit dem revolutionären. Doch seit dem 19. Jahrhundert braucht es die Wohltätigkeit der Verbrecher nicht mehr zwingend, wenn sich ihre Taten in der Überlieferung irgendwie gegen irgendwelche Unterdrücker ausrichten lassen. Wie bei den Banditen Jesse James und John Reno in den USA. Die bevorzugten Opfer ihrer Raubzüge waren Banken und Unternehmer in den Nordstaaten. In ihrer Südstaaten-Heimat machte sie das zu Helden; es war die Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg.

Die Legenden, die ihre Nachwelt um die beiden berühmtesten Gangster der „Wildwest“-Ära gerankt hat, spiegeln das zentrale Bedürfnis vieler Menschen nach dem Mythos des ehrenwerten Verbrechers wider: Endlich wehrt sich jemand gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Endlich verzweifelt jemand nicht an seiner Ohnmacht, sondern schlägt im Namen aller Ohnmächtigen zurück, mit den gleichen Mitteln, Auge um Auge.

Doch noch während Jesse James sein Unwesen trieb, wurde der Mythos des edelmütigen Banditen abgelöst: von dem des Gentleman-Einbrechers. Sein Geburtsort war New York, dessen Banksafes anfangs leichte, dann aber immer schwerere Beute für Tresorknacker wurden. 

Ihr großes Idol war George Leonidas Leslie. Ihm gelang mit seiner Bande 1878 der mit zweieinhalb Millionen Dollar bis dato größte Bankraub der Geschichte. Aber nicht, weil sie, wie üblich, den Tresor mit Dynamit sprengten; Leslie hatte sich nach drei Jahren Vorbereitung die Kombination besorgen können.

Keine Gentlemen, aber Sympathiebolzen

Im 20. Jahrhundert schließlich begann ein regelrechter Wettlauf zwischen Banken, Museen, reichen Privatiers samt deren Sicherheitsexperten und Räubern. Je ausgefeilter die Schutzsysteme wurden, desto geschickter, professioneller, cleverer mussten die Knacker vorgehen. Und je cleverer sie wurden, desto mehr fiel den großen Hollywood-Studios deren Eignung als Vorlage für Gentleman-Gangsterfilme auf, die seit den Sechzigern einen wahren Boom erlebten.

Was sie gegenüber den handelsüblichen Gangsterfilmen auszeichnete, war neben der Geschicktheit ihrer Protagonisten die weitgehende Abwesenheit von Gewalt gegen Menschen und das komödiantische Element. „Der Rosarote Panther“ um den trotteligen Inspektor Cluseau wuchs sich zur Kultreihe aus, und in „Wie klaut man eine Million“ mit Audrey Hepburn und Peter O’Toole war bereits 1966 alles drin, was Steven Soderbergh 35 Jahre später im ersten Film der „Ocean’s“-Reihe mit George Clooney und Brad Pitt zur Perfektion trieb: gut aussehende und extrem spezialisierte Gangster, eine makellose Vorbereitung, eine hoch spannende und hoch witzige Durchführung ihres Raubzuges.

Womit wir – fast – direkt bei der Olsenbande wären. Jenem dänischen Gaunertrio, das zwischen 1968 und 1998 in insgesamt 14 Filmen versuchte, nach einem neuen Plan von Bandenchef Egon das ganz große Ding zu drehen. Tatsächlich sind die Pläne äußerst raffiniert und klappen fast immer. Bis sie, anders als in der Ocean’s-Reihe, doch auffliegen, Benny und Kjeld entkommen können, Egon aber zurück hinter dänische Gardinen muss. Zwar waren die drei keine Gentlemen. Aber enorme Sympathiebolzen und so besehen ebenfalls Verstärker des Nette-Räuber-Mythos. Gerade im deutschen Osten, auch unter den Sachsen, denen vier rabiate Gangster nun ihren Staatsschatz geraubt haben.

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Selbst wenn sie so clever vorgegangen sind wie George Leonidas Leslie, Ocean’s Eleven und die Olsenbande; es macht sie nicht zu Gentlemen-Gangstern geschweige denn zu etwas Besserem als Verbrecher. Zumal es höchst unwahrscheinlich ist, dass sie jenen prekären Massen von der Beute abgeben, die vom Freistaat Sachsen ausgebeutet und unterdrückt werden.