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Die Leichtigkeit des Papiers

Punkt, Linie, Fläche, Raum: Das Dresdner Kupferstich-Kabinett feiert 300. Geburtstag.

Drei Werke, drei Techniken: Eine Faltung Hermann Glöckners...
Drei Werke, drei Techniken: Eine Faltung Hermann Glöckners... © Kupferstich-Kabinett, SKD

Wenn sich das Tor zum Kleinen Schlosshof öffnet, kommen die zarten Papierbahnen über den Köpfen der Besucher ins Schwingen und werfen Schatten auf den Boden und an die Wände. Die Bildhauerin Monika Grzymala gratuliert mit ihrer „Raumzeichnung (stop motion)“ dem Dresdner Kupferstich-Kabinett zum 300. Geburtstag, der in diesem Jahr mit diversen Ausstellungen gefeiert wird. „300 Jahre Sammeln in der Gegenwart“ ist der Titel der großen Jubiläumsschau, die ab sofort im Schloss zu sehen ist. Monika Grzymalas „Raumzeichnung“ nimmt vielerlei Bezug auf den Jubilar: Sie ist gemacht aus handgeschöpften modellierten Papierbändern. Aus den unterschiedlichsten Papieren sind auch die 500.000 Kunstwerke, die im Kabinett bewahrt werden.

Der transparent überdachte Hof ist das Besucherzentrum des Dresdner Schlosses, wie das Kupferstich-Kabinett mit seinen universalen Beständen von der Grafik über Zeichnung und Fotografie bis hin zu Plakaten und Künstlerbüchern das Herz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) ist. „Das Kabinett hat eine zentrale Stellung in den SKD“, sagt Generaldirektorin Marion Ackermann. „Es ist das geistige Zentrum, Berater und Leihgeber intern und international. Und sein Studiensaal ist der demokratischste Ort der SKD.“ Dessen Eingang ist direkt gegenüber der Ausstellung. 

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...die jüngste Erwerbung, eine Zeichnung von Adolph Menzel...
...die jüngste Erwerbung, eine Zeichnung von Adolph Menzel... © Kupferstich-Kabinett, SKD

Aber wie in der Gesellschaft ist auch im Museum Eigeninitiative gefragt: Noch viel zu selten bitten neugierige Besucher um Einlass in den Studiensaal, um sich ein Blatt aus dem 500.000 Werke umfassenden Bestand zeigen zu lassen. Das funktioniert unkompliziert und geht etwas schneller, wenn man seinen Wunsch vorher anmeldet. Nun lädt ein fröhliches Werbefilmchen direkt neben dem Studiensaal ganz unverblümt dazu ein. „Gerahmt“ wird dieses Video Wände füllend von Ausstellungsplakaten vergangener Jahrzehnte.

In der Ausstellung selbst steuert man zunächst neugierig auf eine Kupferplatte aus dem Jahr 1766 zu. Es ist die einzige erhaltene Druckplatte im Kabinett. Davon wurde das Titelblatt für die Klebebände des Kupferstich-Kabinetts gedruckt, in denen die Zeichnungen und Kupferstiche der Fürstenhochzeit des Jahres 1719 verwahrt sind. Alle anderen Kupferplatten aus dem Bestand des Museums wurden im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen.

Vorreiter für die Fotografie

Dann tauchen die Besucher ein in die Universalität dieser Sammlung, die August der Starke 1720 gründete, weil er Ordnung schaffen wollte in seinem exotischen und Kuriositätenkabinett, der Kunstkammer. Die sehr diversen Bestände wurden systematisiert. Spezialmuseen entstanden in einer Ordnung, die in ihren Grundzügen bis heute Bestand in den SKD hat.

Im Grafik-Kabinett der Kurfürsten wurden im 18. Jahrhundert unter dem ersten Direktor Johann Heinrich von Heucher Werke von Lucas van Leyden, Albrecht Dürer oder Lucas Cranach gesammelt, aber natürlich auch von bedeutenden Künstlern, die am sächsischen Hof arbeiteten.

Hundert Jahre nach ihrer Gründung begab sich die Sammlung auf den Weg zum Museum für Zeichnung, Druckgrafik und Fotografie. Nicht jedes grafische Kabinett sammelt Fotografien. Das Dresdner war weltweit das erste, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts Zeugnisse der „Lichtmalerei“ in seinen Bestand holte. Außerdem hatte Max Lehrs, Direktor von 1908 bis 1924, ein Faible für die Plakatkunst, was sich in der Sammlung mit bedeutenden Objekten niederschlug.

... und eine Fotografie vom Studiensaal 1908.
... und eine Fotografie vom Studiensaal 1908. © Kupferstich-Kabinett, SKD

Brüche und Kontinuitäten prägten das 20. Jahrhundert. Arbeiten der „Brücke“-Künstler, von Otto Dix und Oskar Kokoschka zogen ins Kabinett ein. Doch 1937 entfernten die Nationalsozialisten 381 Arbeiten als „entartet“. Nach dem 2. Weltkrieg nahm die Rote Armee den Großteil des Bestandes als Kriegsbeute mit in die Sowjetunion. Das meiste davon kam 1958 zurück. „Doch 5.000 Zeichnungen und 45.000 Druckgrafiken sind bis heute vermisst“, sagte Direktorin Stephanie Buck.

Ihr Team hat der Ära Werner Schmidt ein eigenes Kapitel gewidmet. Schmidt war 29, als er 1959 Direktor des Kupferstich-Kabinetts wurde. 1990 übernahm er als Generaldirektor Verantwortung und leitete die SKD bis 1997. Schmidt war ein Freund der Künstler, die ihn gern beschenkten, privat und im Museum. Er kannte sich in der Szene der DDR und international bestens aus, setzte sich auch für Künstler ein, die abseits des sozialistischen Realismus arbeiteten und keine Ausstellungsmöglichkeiten bekamen. Arbeiten von Hermann Glöckner, Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus und A. R. Penck kamen unter seiner Regie ins Kabinett, auch Druckgrafik von Picasso, die der Pariser Galerist Kahnweiler dem Museum schenkte.

Einzige Zeichnung Jan van Eycks

Die Ausstellungen des Kabinetts waren international und brachten dem Museum und seinem Direktor weltweites Ansehen. In der Ausstellung hängt Picasso neben Dora Maurer, Wilhelm Müller und Hermann Glöckner. Ein Aquarell von Claus Weidensdorfer bekam eine Federzeichnung von Ilja Kabakov als Nachbarn und eine Zeichnung von A. R. Penck.

Schmidt ist der Letzte in einer Reihe von Direktoren, deren Konterfeis in unterschiedlichen Techniken im Kabinett bewahrt werden. Stephanie Buck sagt: „In der Ausstellung zeigen wir nur die verstorbenen Direktoren, die noch lebenden dürfen für sich selbst sprechen im Programm.“ Die Kunsthistorikerin, die das Museum seit vier Jahren leitet, hat im Zuge der Ausstellungsvorbereitung zu Jan van Eyck geforscht. In einer „Schatzkammer“ hängt nun neben neun anderen Meisterwerken aus sechs Jahrhunderten die einzige erhaltene Zeichnung des Flamen. Er hatte das „Bildnis eines älteren Mannes“ um 1435/40 mit Silber- und Goldstift gezeichnet und links auf dem Blatt Notizen zu den Farbtönen des Gesichts gemacht, die er im Ölgemälde verwendete. Das befindet sich im Kunsthistorischen Museum Wien. Lange meinte man, der alte Mann sei Kardinal Albergati. Doch das ließ sich nicht beweisen, vermutlich war der Porträtierte ein Gelehrter. Die Schatzkammer wird nach dem 13. Juli noch dreimal neu bestückt, weil Meisterzeichnungen äußerst empfindlich sind und immer nur für kurze Zeit ihre geschützten Fächer im Depot verlassen dürfen.

Das Sammeln zu allen Zeiten ist der chronologische Leitfaden dieser Schau, in der auch die jüngsten Erwerbungen, die dank des Freundeskreises der SKD ins Kabinett kamen, nicht fehlen. „Das Sammeln muss gerade in Krisenzeiten fortgesetzt werden“, sagt SKD-Chefin Marion Ackermann. „Museen sind in Sachen Beständigkeit und Nachhaltigkeit Modelle für die Gesellschaft.“ So viel Zuversicht muss sein.

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Bis 14. September im Kupferstich-Kabinett und im Studiolo, geöffnet täglich außer dienstags von 11 bis 17 Uhr. Blaue Stunde an diesem Freitag bis 20 Uhr, danach jeden letzten Freitag im Monat (26. 6., 31. 7., 28. 8.)

Studiensaal: Mo/Mi 11 – 13, 14 – 17 Uhr; Do 11 – 13 Uhr, Fr 14 – 17 Uhr, zur Blauen Stunde jeweils bis 20 Uhr

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