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Die letzte Bastion

Die Landtagswahl wird die politische Landkarte massiv verändern. Aber die vielleicht einzigen wirklich Konservativen könnten störrisch bleiben: die katholischen Sorben.

„Die Infrastruktur ist ja nicht so schlecht hier“, sagt Bürgermeister Marko Klimann über Crostwitz.
„Die Infrastruktur ist ja nicht so schlecht hier“, sagt Bürgermeister Marko Klimann über Crostwitz. © Matthias Schumann

Marko Klimann schaut den Kindern einen Moment beim Toben zu. Ein Junge rollt mit einem Skateboard über den Hof, haarscharf an dem 38-Jährigen vorbei. Klimann, blaues Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, guckt hinterher. Er hat selbst vier Kinder. „Uns geht es hier eigentlich ganz gut“, sagt er und läuft vom Schulhof in die Gemeindeverwaltung. Sein Büro ist noch neu, obwohl er schon seit 2016 ehrenamtlicher Bürgermeister von Crostwitz ist.

„Eigentlich gut“ geht es, denn auch hier zeichnet sich die Stimmung im Land ab, nur eben anders. Das kleine Crostwitz ist bis heute eine schwarze CDU-Insel im blauen AfD-Meer Ostsachsens. So wie die anderen Sorben-Gemeinden im Verwaltungsverband „Am Klosterwasser“. Vor 100 Jahren zog sich das Siedlungsgebiet noch über Bautzen Richtung Görlitz. Davon sei kaum mehr etwas zu spüren, sagt Klimann, die ursprüngliche Tradition konzentriere sich hier auf das katholische Gebiet, wo auch die sorbische Sprache gesprochen wird.

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"Was hast du zu essen mit, Mama?"
"Was hast du zu essen mit, Mama?"

Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Crostwitz ist ein Kleinod: hübsche Häuser, die über allem thronende Kirche, Feldkreuze. Am Ortseingang grüßt ein goldener Jesus am schwarzen Kreuz, darunter der Schriftzug: „Gott segne uns“. An der Kirche starten die Osterreiter zum Kloster St. Marienstern in Panschwitz, Heimat von Ex-Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Crostwitz ist ein Ort katholischen Lebens, wie es ihn kaum gibt im Freistaat, in dem mancher das christliche Abendland im Munde führt, ohne Christ zu sein.

93 Prozent der Bevölkerung sind hier katholisch, in ganz Sachsen sind es weniger als vier. „Tradition, Glaube, alles spielt hier rein“, sagt Bürgermeister Klimann, „Das ist ein eigener Menschenschlag, ein eigenes Volk und es gehört dazu, dass alles ein bisschen ordentlich oder hübsch ist.“ Vielleicht ist die Tradition eine Erklärung, warum die AfD hier nicht in den Himmel wächst und die CDU nicht ganz abstürzt.

Bei der Europawahl hat jeder zweite Crostwitzer CDU gewählt. „Das war das beste sächsische Wahlergebnis für die Partei“, sagt der Bürgermeister, der selbst Mitglied ist. „Die Wahlbeteiligung lag bei über 70 Prozent.“ Zur Bundestagswahl 2017 war die CDU hier von 65 Prozent auf 47,2 Prozent abgestürzt – der umgekehrte Trend zu Sachsen, der sich im Erzgebirge in Dorfchemnitz mit 47,4 Prozent für die AfD manifestierte.

In Crostwitz ist alles etwas kleiner und etwas weniger als in der Stadt. Beim letzten Zensus lebten hier 1 058 Einwohner, Durchschnittsalter 44, ein Siebtel sind Kinder. Im Dorf gibt es eine Bäckerei, zwei Baufirmen, zehn Landwirtschaftsbetriebe und 126 Rinder. Neue Schule, Kita und das Gemeindebüro sind alle auf einem Gelände. Die Verwaltung residiert seit ein paar Wochen in der alten Schule.

340 000 Euro hat die Sanierung gekostet. Crostwitz profitiert von 70 000 Euro Investitionspauschale pro Jahr, die es bis mindestens 2020 vom Freistaat für jede Gemeinde gibt. „Das ist für große Kommunen marginal, aber für uns bedeutsam“, sagt der Bürgermeister, der im Hauptberuf Leiter eines Behindertenheims ist. Das Geld kann die Gemeinde als Eigenanteil für Fördermittel verwenden. Die alte Schule ist eine Art Bürogemeinschaft geworden: Neben der Gemeinde sitzen dort auch die Domowina, der Bund Lausitzer Sorben, ein Sprachzentrum, die Stiftung für das sorbische Volk und der Schulverein. Für das alte Gemeindehaus suchen sie eine Verwendung. Ein Dorfladen für Dinge des Alltags wäre gut. So was gibt es hier nicht mehr.

Verändern, aber nicht alles

Vor der Bäckerei Gärtner an der Hauptstraße ist an diesem Vormittag nicht viel los. Ein wenig Laufkundschaft, ab und zu fährt ein Auto mit auswärtigem Kennzeichen. Die Bäckerei liegt am Weg nach Hoyerswerda und ist auch Treffpunkt des Dorfes. Raphaela Gärtner gebietet hier über zwölf Sorten Brot, zehn Brötchensorten, Spitzgebäck, Kekse und Kuchen. Weil es keinen Lebensmittelladen gibt, hat sie auch Wurst vom Fleischer aus der Gegend und Honig aus dem Dorf in der Vitrine. Sie erzählt, dass sie die verunsicherte Stimmung, die Hinwendung mancher zur AfD immer noch spüre. „Aber keiner würde das hier öffentlich sagen, keiner würde sich outen“, sagt die 51-Jährige. „Es kommen nur ab zu Sprüche.“ Von der CDU weiß man, dass sie seit dem Fiasko von 2017 sogar drei neue Mitglieder im Dorf gewinnen konnte.

Ein Stammkunde ist gekommen. Der 49-Jährige sagt, „diese Protestwähler“ wollten doch nur der CDU auf die Nase steigen. „Die Asylpolitik steht vorn dran bei der AfD, aber dahinter kommt nichts.“ Ausländer gebe es keine in der Gegend. Raphaela Gärtner nickt. „Keiner kennt einen Ausländer, hat aber trotzdem ein Problem damit.“

Der Stammkunde sagt, die Asylbewerber sollten gemeinnützig arbeiten, für die Unterstützung, die sie bekommen. „Klar“, sagt Gärtner. „Das müsste aber auch bei unseren Landsleuten so sein.“ Und schon ist man auch beim Thema Fachkräftemangel und wie schwierig es ist, heute noch jemanden für das Handwerk zu begeistern. „Einer, der null Bock hat, der würde das hier nicht packen“, sagt Raphaela Gärtner. Ihre Familie hat Glück im Gegensatz zu vielen, die mangels Nachfolger schließen müssen. Immerhin sind acht Mitarbeiter beschäftigt, in Crostwitz und in Kamenz.

Tochter Diana wird die Bäckerei einmal weiterführen. Die 24-Jährige Konditorin ist seit zwei Wochen Meisterin. Sie bezeichnet sich als konservativ, zumindest ein Stück weit. „Ich hänge an Tradition und Kultur, bin aber offen für Neues“, sagt sie. „Man will verändern, aber nicht alles.“ Diskussionen im Bekanntenkreis, vor allem rechte Sprüche, ärgern sie. „Klar sind unter Ausländern auch Idioten, aber man kann nicht alle über einen Kamm scheren.“ Als im August Dynamo-Fans in Kamenz einen Busfahrer angriffen, habe das dagegen kaum jemanden aufgeregt. Fünf bis sechs Männer schlugen den Busfahrer, raubten seine Brille, brüllten verfassungsfeindliche Parolen und zeigten ebensolche Symbole.

Raphaela (r.) und Diana Gärtner bieten in Crostwitz nicht nur Brot und Kuchen an. Die Bäckerei ist auch Treffpunkt des Dorfes.
Raphaela (r.) und Diana Gärtner bieten in Crostwitz nicht nur Brot und Kuchen an. Die Bäckerei ist auch Treffpunkt des Dorfes. © Matthias Schumann

Diana Gärtners Bruder Christian, gelernter Bäcker, Ingenieur und angehender Berufsschullehrer, hatte sich nach der Bundestagswahl kritisch über die AfD geäußert. Darauf erhielt er einen Brief, darin Zeitungsartikelausschnitte und eine dreizeilige Belehrung, man solle besser die Augen öffnen. Der 30-Jährige wollte es nicht als Drohung verstehen. „Ich hab das in den Papierkorb geschmissen“, sagt er. Nicht einschüchtern lassen. „Ich bin gespannt, was jetzt bei der Wahl rauskommt.“

Er glaubt, die Stimmung im Dorf ist seit 2017 neutraler geworden, man spreche nicht mehr so sehr über Politik. Das Folklore-Festival sei viel präsenter. Vier Tage lang musizierten jüngst Künstler aus aller Welt unter den Augen von 22 000 Besuchern, tanzten sich durch Bautzen, Drachhausen und Crostwitz. „Was das Dorf da auf die Beine gestellt hat, war toll“, sagt Christian Gärtner. „So viele verschiedene Kulturen und alle friedlich miteinander.“

Das Festival, nur ein bunter Augenblick? Diana Gärtner sagt, die Stimmung, die sich seit Jahren einschleicht, habe mit Pegida und der AfD begonnen. Sie habe eine iranische Freundin, da merke man, wie die Leute ihr begegnen. „Man kann nicht sonntags in der Kirche sitzen und ausländerfeindliche Sprüche klopfen.“ Vielleicht haben manche zu viel Zeit zum Nachdenken. „Die vergessen, mal danke dafür zu sagen, das es uns so gut geht und wir Frieden haben.“ Im Zweiten Weltkrieg wären die Sorben nach den Juden die nächsten gewesen, die man umbringen wollte, sagt sie.

Ausbau des Internetempfangs

Die Sorben unter den Nazis – ein Thema, bei dem Bürgermeister Klimann auch ein bisschen stolz ist. „In der Lausitz hatten nur 400 Menschen ihre sorbische Volkszugehörigkeit nicht aufgegeben und 300 davon kamen aus Crostwitz.“ Sorben haben ein feines Sensorium für Ausgrenzung und für Versuche, ihre Traditionen zu instrumentalisieren. Wie bei einem Wahlplakat, das schon zur Bundestagswahl benutzt wurde. Zwischen einer Frau mit Dirndl und einer mit Schwarzwälder Hut ist auf dem AfD-Plakat eine Frau mit der Tracht der Sorben und Wenden zu sehen. Dazu der Slogan: „Bunte Vielfalt? Haben wir schon.“

„Das missbraucht unsere Kultur, um andere Minderheiten auszugrenzen“, sagt Klimann. Zu weiteren in Deutschland lebenden Minderheiten zählten auch Sinti und Roma. „Da würde mich mal interessieren, wie die AfD zu denen steht.“ Klimann ist skeptisch, was die AfD angeht. Wenn die CDU mit dieser Partei koalieren würde, „dann hätten wir italienische Verhältnisse, das würde unsere Partei schwächen“. Denn die könnten einfach alles fordern und alles behaupten. „Dem hinterherzuhecheln, da kann man nur verlieren.“ Für Klimann besonders bitter: Frühere Wahlkreisabgeordnete in den Parlamenten hätten den Kontakt zu den Kommunen gesucht. Der derzeitige AfD-Abgeordnete Karsten Hilse habe sich noch nie in Crostwitz gemeldet. „Wenn das Arbeitsmuster der Blauen ähnlich ist, sehe ich schwarz.“ In Dorfchemnitz im Erzgebirge hatte die jahrelange Abwesenheit von Abgeordneten mit dafür gesorgt, dass sich die Menschen von der CDU abwandten.

Klar kämpfe auch Crostwitz mit dem demografischen Wandel, sagt Marko Klimann. Aber immerhin gibt es hier noch einen Hausarzt und in den Nachbarorten Zahnärzte und sogar einen Nuklearmediziner. „Die Infrastruktur ist ja nicht so schlecht hier“, sagt der Bürgermeister. „Der Landkreis baut hier das Breitbandnetz aus, das ist vergleichbar mit Straßen oder Bahnbau, so wichtig ist das heute für uns.“ Am Ende kann vielleicht auch der Ausbau des Internetempfangs auf dem Land dafür sorgen, dass die sorbisch-katholische Tradition und Kultur weiter existiert, weil junge Leute weniger abwandern.

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