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Die letzte Bastion vor der Grenze

Auch wenn Grenzkontrollen abgeschafft sind, bleibt für die Bundespolizei viel zu tun. Unterwegs mit einer Streife auf der A 4.

© Ronald Bonß

Von Alexander Buchmann

Was ist es für ein Auto? Woher kommt es? Wie viele Leute sitzen drin? Diese Fragen gehen Hauptkommissar Frank Wittig und Polizeiobermeisterin Katrin Jurk bei jedem Fahrzeug durch den Kopf, das an diesem Nachmittag an ihnen vorbeirauscht. Die beiden Bundespolizisten haben sich an der A 4 nahe der polnischen Grenze postiert und beobachten den Verkehr Richtung Dresden. Jurk auf dem Fahrersitz, Wittig ist Beifahrer. Die Sonne brennt auf das silber-blaue Autodach, das Radio spielt leise einen Popsong. „Man muss das in Sekunden erfassen“, sagt Wittig, „und dann entscheiden.“ Und schon nach fünf Minuten gibt er seiner Kollegin das Signal zum Losfahren. Der BMW der Bundespolizei setzt sich in Bewegung. Die Beamten nehmen die Verfolgung auf.

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Endspurt Richtung Zukunft
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Die Halbjahresnoten glattgebügelt und der Vorsatz, nochmal richtig Gas zu geben, zeigen es!

Bevor die Bundespolizei ein Auto stoppt, wird bereits das Kennzeichen überprüft.
Bevor die Bundespolizei ein Auto stoppt, wird bereits das Kennzeichen überprüft. © Ronald Bonß
Auch der Fingerabdruckscanner gehört zur Ausrüstung.
Auch der Fingerabdruckscanner gehört zur Ausrüstung. © Ronald Bonß

Wonach die Bundespolizisten suchen, ist klar: Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz, Schleuser, Diebesgut und Personen, die unerlaubt in Deutschland arbeiten oder nach denen gefahndet wird. Der Verdacht illegaler Arbeit in Deutschland besteht auch beim ersten Fahrzeug, das die beiden Beamten in ihrer Spätschicht stoppen. Es ist ein dunkelgrauer Opel Astra Kombi mit einem Kennzeichen aus Litauen. Kurz vor der Autobahnabfahrt Kodersdorf haben sie diesen trotz dichtem Verkehr eingeholt und setzen sich davor.

Ein Mann Anfang 40, kurze Haare, runde Statur sitzt am Steuer. Katrin Jurk aktiviert das „Bitte-Folgen“-Signal und ihr Kollege greift zu dem kleinen schwarzen Laptop, der auf dem Armaturenbrett liegt. Während die Bundespolizisten den Opel auf den Parkplatz einer Tankstelle neben der Autobahn lotsen, tippt Wittig bereits das Kennzeichen in die Suchmaske der Eucaris-Datenbank. Mit dem europäischen Fahrzeug- und Führerscheininformationssystem hat er Zugriff auf EU-weite Daten. „Damit sehe ich, wer der Halter ist“, erklärt der Hauptkommissar. „Das ist ein Plus an Eigensicherung für die Beamten“, sagt Wittig und meint damit auch sich selbst. Liegt beispielsweise ein Haftbefehl gegen den Halter eines Fahrzeuges vor, könnten sich die Polizisten darauf einstellen und anders an die Sache herangehen.

Zu ihrem Schutz tragen die Beamten trotz Sommerhitze schwere schusssichere Westen über ihren kurzärmligen Polizeihemden. „Die halten zumindest den Schuss aus einer Neunmillimeter ab“, sagt Wittig und klopft sich mit der Faust an die Weste. Im Kofferraum des Dienstwagens liegen noch schwerere Westen, die auch gegen Messerstiche schützen – und zwei Helme, wie sie die Bundeswehr nutzt. Diese würden zum Einsatz kommen, wenn es eine Notlage wie einen Amoklauf oder Ähnliches gebe. Das gilt auch für die Maschinenpistolen, die normalerweise mit dabei sind. Diesmal tragen die Beamten nur ihre Dienstpistolen.

Beim Fahrer des Opel Astra zeigt das System keine Auffälligkeiten an. Der Mann kramt auch schon eifrig seine Papiere hervor, bevor die Beamten überhaupt an seinem Auto sind. „Wohin?“, fragt Wittig den Fahrer. „Aachen“, lautet dessen Antwort in gebrochenem Deutsch. Weil das für ein Gespräch nicht ausreicht, wechselt Wittig zu Russisch. Das funktioniert für den Anfang. Der Mann ist mit einem ukrainischen Pass und polnischem Visum unterwegs und will nach eigenen Angaben für drei bis vier Tage Freunde besuchen.

Sein Gepäck sieht allerdings nicht nach Urlaub aus. Denn neben einer Rolle aus zusammengewickeltem Kabel, die etwa einen Meter Durchmesser hat, findet Wittig im Kofferraum des Opels auch mehrere Kilogramm Lötelektroden. Während der Beamte wortlos das Auto durchsucht, steht seine Kollegin etwas abseits, von wo aus sie immer den Fahrer im Blick hat. Als Wittig gefundene Unterlagen auf dem Fahrersitz des Opels durchblättert, erklärt Jurk: „Der Kollege schaut, ob er Hinweise auf eine Arbeit findet. Die typischen Arbeitssachen hat der Fahrer ja nicht dabei.“

Dieser lässt das alles gelassen über sich ergehen und lehnt mit den Händen den in Taschen der kurzen roten Sporthose und verschränkten Füßen an seinem Auto. Das ändert sich auch nicht, als Wittig ein schwarzes Buch im A5-Format in Augenschein nimmt. Darin enthalten: eine handgezeichnete Tabelle mit Datumsangaben und dazugehörigen Geldbeträgen in Euro. „Ein Tagebuch mit klassischen Arbeitsaufträgen“, kommentiert Wittig. Der Beamte ruft einen Dolmetscher in der Dienststelle an und reicht das Telefon an den Fahrer weiter. Dieser gibt im folgenden Gespräch wortreich an, bis vor einem halben Jahr mit Elektroartikeln in Polen gehandelt zu haben, und die gefundenen Gegenstände im Auftrag mitzubringen. Der Zweck des Visums, das für vier Jahre ausgestellt wurde, sei damit mal erfüllt gewesen, erklärt Wittig. Der Mann darf seine Fahrt nach einer halben Stunde fortsetzen und verabschiedet sich lächelnd. Auch Wittig lächelt. Er habe zwar ein schlechtes Bauchgefühl, aber es gelte: Im Zweifel für den Beschuldigten, sagt der Polizist.

Wittig ist 39 Jahre alt, trägt die Haare kurz rasiert und einen schmalen Bartstreifen von der Unterlippe zum Kinn. Seit 2002 ist er bei der Bundespolizei, die damals noch Bundesgrenzschutz hieß. Seit 2004 arbeitet er in Ludwigsdorf. Dass er für die mutmaßliche Arbeit des Ukrainers in Deutschland keine Beweise gefunden hat, ärgert ihn nicht. Wenn dieser wirklich illegal hier arbeite, werde es ihn irgendwann treffen. So wie die Ukrainer, die zu diesem Zeitpunkt in der Bundespolizeiinspektion Ludwigsdorf saßen. Eine Streife der Frühschicht hatte am Morgen einen Transporter auf dem Weg nach Polen kontrolliert und unter anderem einen gefälschten rumänischen Ausweis gefunden. Wie die Ermittlungen ergaben, haben drei der Insassen in Deutschland schwarzgearbeitet.

Etwa die Hälfte der mehr als 2 000 Strafanzeigen, die von den Ludwigsdorfer Beamten im ersten Halbjahr 2018 geschrieben wurden, betreffen solche Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz. Der Rest verteilt sich auf Urkundendelikte, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Drogen und Ähnliches. 23  Schleuser und 77 geschleuste Personen aus Russland, der Ukraine, dem Iran, dem Irak und Vietnam wurden aufgegriffen. Am Mittwoch kamen noch acht geschleuste Kurden hinzu. Insgesamt hielten sich über 500 der kontrollierten Personen unerlaubt in Deutschland auf. Die Hälfte von ihnen hat hier ohne Erlaubnis gearbeitet und dadurch ihre Aufenthaltserlaubnis verloren. Oft haben die Personen nur ein Touristenvisum. Ukrainer können sich beispielsweise innerhalb von 180 Tagen 90 Tage als Touristen im Schengen-Raum aufhalten, wenn sie einen biometrischen Pass haben.

Nach der ersten Kontrolle der Schicht steuert Katrin Jurk den Polizeiwagen wieder auf die Autobahn Richtung Dresden. Die meisten Streifen der Ludwigsdorfer Bundespolizisten finden in Uniform statt. Der Anteil ziviler Streifen soll aber steigen, kündigt Wittig an. Im Tunnel Königshainer Berge sticht den Beamten ein gelber Golf 3 aus Warschau ins Auge. „Solche alten Karren werden gern von Visumspflichtigen in Polen gekauft für das kurze Stück nach Deutschland“, sagt Wittig. Die Beamten folgen dem Golf. Wieder greift der Hauptkommissar zum Laptop und überprüft das Kennzeichen. Dabei stellt sich heraus, dass der Wagen im März anscheinend von der vorigen Halterin verkauft worden und die Anmeldung damit nicht mehr gültig ist.

„Den nehmen wir“, sagt Wittig. Die Polizisten überholen, setzen sich vor den Golf und lotsen ihn in Nieder Seifersdorf von der Autobahn. Bei der Kontrolle überreicht dessen Fahrer – kurze graue Haare, hager, mit kleiner schwarz umrandeter Brille – den Beamten die Papiere, einen Kaufvertrag vom März und eine Kopie der Versicherungsbescheinigung der Vorbesitzerin. „Nach meiner Auffassung hat der keine gültige Zulassung“, erklärt Wittig und informiert die Autobahnpolizei Bautzen, die in diesem Fall zuständig ist.

Bis zu deren Eintreffen kontrolliert er das Auto, auf dessen Rückbank sich Wäsche und Lebensmittel stapeln. Beutel für Beutel wird gegriffen und geöffnet. „Dafür gibt es Handschuhe“, sagt Wittig lapidar. „Und Desinfektionsmittel“, ergänzt seine Kollegin. Im Kofferraum findet der Beamte in Plastiksäcke verpackte leere Diesel-Kanister mit einem Fassungsvermögen von 80 Litern. Das sei eigenartig, schließlich sei Kraftstoff in Polen billiger als hierzulande. Der Verdacht: Die Männer könnten von Lkw an der Autobahn Diesel abzapfen wollen. Weil kein Schlauch gefunden wird, fehlen dafür allerdings die Beweise. Nach dem Eintreffen der Autobahnpolizei wird der Vorgang an diese übergeben. Sie werden den Golf wenig später weiterfahren lassen. Er war in Polen doch zugelassen und auch versichert.

Jurk und Wittig sind da schon wieder auf der Autobahn. Bei einem französischen VW-Bus und einem Lkw, die auf dem Weg Richtung Grenze kontrolliert werden, ist alles in Ordnung. Bei Lkw lohnt sich ein Blick. So wurden im Januar auf einer Ladefläche zwei BMW gefunden. Wittigs Highlight war ein Hoflader, also eine Art Minibagger, der in einen Transporter gepfercht war, erzählt er.

Nach zweieinhalb Stunden erreichen die Beamten wieder die Bundespolizeiinspektion, wo die Kollegen noch immer mit den Ukrainern beschäftigt sind. Es war eine ruhige Streife. „Es ist sehr unterschiedlich. Mal gibt es langweilige Tage und mal weiß man nicht, was man zuerst machen soll“, sagt Jurk. Die 38-Jährige mit den langen schwarzen Haaren und den Sommersprossen ist seit achtzehn Jahren bei der Bundespolizei und arbeitet im Görlitzer Stadtgebiet. Derzeit unterstützt sie die Kollegen an der Autobahn.

Kurz darauf wird es hektisch. Per Funk kommt die Durchsage, dass sich auf der Autobahn ein geklautes Auto nähert. Eine zivile Streife der Gemeinsamen Fahndungsgruppe Bautzen, in der Landes- und Bundespolizei zusammenarbeiten, hat einen in der Nacht zuvor im Westerwald gestohlenen 4er BMW entdeckt. Sofort wird in Ludwigsdorf eine weitere Zivilstreife losgeschickt. An den Autobahnabfahrten postierte Einheiten sollen ein Entkommen verhindern. Per Funk ist man mit den Einsatzfahrzeugen verbunden. Dann kommt die Durchsage, dass das Fahrzeug steht und der Fahrer festgenommen wurde.

„Wir sind die letzte Bastion vor der Grenze“, sagt Wittig. Hat Diebesgut diese einmal passiert, ist es in der Regel weg. Erfolge wie der gestoppte BMW wirken da motivierend. Denn aufgrund der schieren Masse des Verkehrs – 2017 haben täglich im Schnitt 25 460 Autos und 8 705 Lkw die automatische Zählstelle in Ludwigsdorf passiert – können die Beamten nur stichprobenartig kontrollieren. Es sei ein hoher Preis, den die Grenzregion für die offenen Grenzen bezahle, sagt Wittig. Um gestohlene Fahrzeuge aufzuhalten, habe man sich früher mit dem Dienstwagen einfach davorgesetzt.

Doch seit letztem Jahr würden deren Fahrer, statt abzubremsen und anzuhalten, einfach draufhalten, erzählt der Bundespolizist. „Es sind meistens Junkies, die die Autos auf dem letzten Stück fahren“, sagt er. Erst in der vorigen Woche sei ein geklauter Audi Q7 auf dem Standstreifen mit Tempo 200 an einem Stau vorbeigefahren. Die Bundespolizisten haben diesen bis über die Grenze verfolgt, aber nach ein paar Kilometern auf der polnischen Autobahn die Verfolgung abgebrochen, weil es immer gefährlicher wurde.

Die Gesundheit der Beamten sei wichtiger und am Ende sei es nur Metall, sagt Wittig und setzt sich an seinen Schreibtisch. Am nächsten Tag wird er wieder unterwegs sein.