merken
PLUS

Großenhain

Die letzte Großenhainerin

Am 30. Juni 2009 wurde Neviah Joy als letztes Kind in Großenhain geboren. Ihr Name bedeutet „heitere Freude“.

Vor fast zehn Jahren: Ärztin Stefanie Norkus mit Jana Weber mit Tochter Neviah Joy im Krankenhaus Großenhain. Die Eltern Jana und Oliver Weber rechneten schon damit, nach Meißen zu fahren. Denn der berechnete Geburtstermin war der 4. Juli.
Vor fast zehn Jahren: Ärztin Stefanie Norkus mit Jana Weber mit Tochter Neviah Joy im Krankenhaus Großenhain. Die Eltern Jana und Oliver Weber rechneten schon damit, nach Meißen zu fahren. Denn der berechnete Geburtstermin war der 4. Juli. © Marco Klinger

Görzig/Großenhain. Am Montag witzelte Jana Weber aus Treugeböhla beim CTG im Großenhainer Krankenhaus: „Na, vielleicht klappt es ja noch!“. Das war am 29. Juni 2009. Der Geburtstermin war offiziell der 4. Juli. Assistenzärztin Stefanie Norkus war sich da nicht sicher, ob das Mädchen in Großenhain zur Welt kommen würde. Vorsorglich wurde die junge Frau bereits nach Meißen verwiesen. Die Entbindungsstation am Bobersberg war schon verdächtig geräumt. Nur die nötigste Einrichtung noch vorhanden, erinnert sich Jana Weber heute, bald zehn Jahre später. Sie wohnt mit ihrem Mann Oliver, ihrer großen Tochter Emily (13) und Neviah Joy in Görzig.

Neviah Joy ist das letzte Kind, das im Großenhainer Krankenhaus geboren wurde. Die letzte echte Großenhainerin sozusagen. Am Dienstag, dem 30. Juni 2009, um 14.25 Uhr – nur wenige Stunden vor der Schließung der Entbindungsstation – kam das kleine Mädchen zur Welt. An jenem Montag kümmerten sich eigens zwei Hebammen um die letzten beiden Mütter. Kurz vor Neviah wurde noch ein kleiner Junge geboren. Jana Weber hat sich noch mit der anderen Mutter und den Kindern fotografieren lassen. Leider hatte sie sich nicht den Namen notiert. Wenn sich die andere Familie noch melden könnte, würde sie sich sehr freuen.

Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

Zwei Kinder an diesem Tag

Nicht nur für Großenhains Mütter war dieser 30. Juni ein Abschied vom Geburtsort „Großenhain“ – auch die beiden Hebammen verließen nach Neviah Joys Entbindung das Haus am Bobersberg. Zwei Kinderschwestern blieben noch im Krankenhaus. Alle anderen Kinderschwestern hatten das Haus bereits verlassen. Stefanie Norkus blieb mit zwei weiteren Assistenzärzten zunächst in der Gynäkologie.

Heute: Neviah Joy ist fast zehn Jahre alt, ein fröhliches Mädchen, das gern lacht und schwatzt. Heute wohnt die Familie in Görzig.
Heute: Neviah Joy ist fast zehn Jahre alt, ein fröhliches Mädchen, das gern lacht und schwatzt. Heute wohnt die Familie in Görzig. © Kristin Richter

Die jungen Mediziner blieben solange wie ihr Chef. Der Chef, das war Dr. med. Jörg Kotsch. Der erfahrene Arzt verließ im November 2009 das Klinikum – und zwar nach Hoyerswerda. Inzwischen ist er wieder in den Elblandkliniken – und leitet die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Riesa. Damals hielten viele noch am Krankenhaus-Gedanken fest. Man wollte es entweder zum Facharztzentrum mit ambulantem OP oder Reha-Klinik umprofilieren. Sonst wäre das Haus in sieben Jahren, wenn der Vertrag mit dem Landkreis ausläuft, akut schließungsgefährdet. Auch das war damals bereits klar. Und genauso kam es schließlich. 2223 Geburten vom Jahr 2000 bis zum Sommer 2009 waren dem Landkreis nicht genug.

2012 war es soweit: Das Krankenhaus wurde abgerissen – und auch, wenn die Kommunalpolitik es geschafft hatte, die Rehaklinik nach Großenhain zu holen, den Abriss des Krankenhauses haben viele Großenhainer nie ganz verwunden. Spätestens mit der Ansiedlung eines Großinvestors im Industriepark Großenhain durch den Freistaat Sachsen stellt sich auch die Frage nach der medizinischen Versorgung neu, sicher auch entsprechend möglicher Gefährdungslagen. Zumal Großenhain auf sämtlichen wichtigen Zufahrtsstraßen mit Bahnschranken gesegnet ist. Im Katastrophenfall – wie es Großenhain mit dem Pfingsttornado 2010 bereits erlebt hat – könnten sie lebensrettende Minuten kosten. Daran, dass auf einer Urkunde nie wieder „Großenhain“ als Geburtsort stehen wird, ändert das alles nichts. Neviah Joy ist von alledem unbeeindruckt. Bald wird sie zehn. Sie ist ein fröhliches Mädchen, der immer etwas einfällt und die munter vor sich hinredet. Der irisch-gälische Name Neviah passt zu ihr. In Kombination mit „Joy“ für „Freude“ ist dem Mädchen der Frohsinn quasi in die Wiege gelegt. Tatsächlich klingt es in Webers Haus froh vor sich hin. Die Mädchen üben Lyra. Während die Ältere C-Ton spielt, hat die Jüngere den tieferen A-Ton gewählt. In ihrer Freizeit haben sich beide den heiteren, leichten Klängen verschrieben. Die Eltern sind ganz froh, dass es nicht die große Pauke oder die Trompete geworden ist. Denn wenn Kinder üben, ist Geduld trotzdem gefragt. Beide Mädels üben dabei auch noch Laufen, denn immerhin geht es bald zu den Deutschen Landesmeisterschaften. Für Neviah Joy, die noch bei den Winzlingen des Zabeltitzer Spielmannszuges spielt, wird es das erste Mal sein. Natürlich ist sie schon aufgeregt. Aber Auftrittserfahrung hat sie ein wenig – mit dem Schulchor.