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Die letzte Heimbürgin

Ute Bräuer bereitet am Zittauer Krankenhaus Verstorbene für die Abschiednahme vor. Ihr seltener Beruf ist für die 53-Jährige Berufung.

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Von Katja Zimmermann

Emotional ist sie auch nach 35 Jahren in ihrem Beruf nicht abgestumpft. Das betont Ute Bräuer. „Ich fühle selber mit, wenn Angehörige Abschied nehmen“, erzählt sie. Besonders nahe ging es ihr zum Beispiel, als sich die Hinterbliebenen von einem jungen Mann verabschiedeten, der bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war. Ute Bräuer ist nach eigener Aussage die weit und breit einzige Heimbürgin. Am Zittauer Krankenhaus besteht ihre Hauptaufgabe darin, die Gesichter der dort Verstorbenen für die Aufbahrung so vorzubereiten, dass sie ansehnlich sind.

Von den jährlich etwa 350 in der Klinik Verstorbenen wird bei bis zu 60 von den Angehörigen so eine persönliche Abschiednahme im dafür eingerichteten Aufbahrungsraum gewünscht. „Das ist bei uns nur möglich, weil wir Frau Bräuer als Heimbürgin haben“, erklärt Torsten Praße, der Leiter des Instituts für Laboratoriumsmedizin. Dieser spezielle Beruf ist – im Vergleich zu früher – heutzutage sehr selten, denn meistens übernehmen es Bestattungsunternehmen, die Toten zu waschen, zu schminken und bei Wunsch noch einmal aufzubahren.

Ute Bräuer geht für ihren Beruf auf. Ihr ganzes Wesen ist von anteilnehmender Freundlichkeit. Sie redet langsam und wählt ihre Worte mit Bedacht. Ist bei einem Sterbefall eine Abschiednahme gewünscht, kommt die Zittauerin auch außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit ins Krankenhaus, sogar am Wochenende oder wenn sie Urlaub hat. „Ich habe das Glück, dass mein Mann auch hinter meinem Beruf steht“, erzählt sie. Wenn Gesichter vom Todeskrampf entstellt oder durch einen Unfall stark verletzt sind, nimmt sie weißen Zwirn und chirurgische Nadeln zu Hilfe. Nach einer Schicht Tönungspuder fällt die Naht kaum noch auf und die Hinterbliebenen können ihren Verstorbenen so in Erinnerung behalten, wie sie ihn kannten. „Manchmal verwende ich auch etwas Lippen- oder Fettstift“, erzählt sie. Kamm und Haarspray zum Toupieren gehören ebenfalls zu ihren Arbeitsmitteln. Für den Aufbahrungsraum hat sie nach und nach schöne Kunstblumen angeschafft, die sie auf den mit weißem Stoff bedeckten Toten legt. Von dem Verstorbenenistnurder Kopf zu sehen.

Ihr Beruf ist für Ute Bräuer gleichzeitig Berufung. „Ich bin der Ansicht, dass uns Herr Jesus Christus alle liebhat“, sagt sie und möchte den Hinterbliebenen den Abschied etwas leichter machen. Deswegen lässt sie sie auf den Stühlen vor dem geschlossenen Vorhang Platz nehmen. Leise Musik ertönt. Langsam öffnet sie den Vorhang. Gegen die durch das Weinen und die Aufregung hervorgerufene Mundtrockenheit hat die Heimbürgin Bonbons bereitgestellt. Nachdem sie ein Gedicht vorgetragen hat, lässt sie die Angehörigen für zehn bis 15 Minuten allein im Raum mit dem Toten, um Abschied zu nehmen.

Den Beruf hat die kleine, dunkelhaarige Frau ab 1977 auf dem Leipziger Südfriedhof gelernt. Damals war es noch üblich, dass Heimbürginnen in die Trauerhäuser gerufen wurden. Sie bekamen einen Stadtplan und die Adresse in die Hand gedrückt und machten sich mit der Straßenbahn auf den Weg. Sie wuschen und schminkten die Verstorbenen und bedeckten sie mit einem Bettlaken. Erst danach kam das Bestattungsinstitut, um die Toten abzuholen. Nach einem Jahr in einem Pflegeheim fand Ute Bräuer 1982 Arbeit im Zittauer Krankenhaus. Hier gehört es auch zu ihren Aufgaben, bei den etwa zehnmal im Jahr stattfindenden Obduktionen durch einen Pathologen, der dann extra aus Görlitz kommt, zu assistieren.