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Die letzte Kamenzer Esse verschwindet

Das Bahnbetriebswerk wird abgerissen. Um die Fläche bemüht sich die Stadt, um sie zu entwickeln. Das dauert noch.

Da eine Sprengung der Ziegelesse aus Platzgründen nicht möglich ist, müssen Ricardo Schich und Norbert Prescher ihn Stein für Stein abgetragen werden.
Da eine Sprengung der Ziegelesse aus Platzgründen nicht möglich ist, müssen Ricardo Schich und Norbert Prescher ihn Stein für Stein abgetragen werden. © Dieter Zickmüller

Kamenz. Als die SZ vor ein paar Wochen ein Drohnenbild vom Kamenzer Bahnhofsgelände veröffentlichte, war uns im Bildtext ein Fehler unterlaufen, auf den gleich mehrere Leser aufmerksam gemacht haben. Der Schornstein in der Ferne gehörte nicht zum ehemaligen Glaswerk, sondern zum Bahnbetriebswerk. Diese Korrektur ist nun sogar dringend angebracht, worauf wiederum andere Leser hinweisen. Zum Beispiel am Lesertelefon dieser Woche Hans-Jürgen Schmidt von der Oststraße. „Von unserem Balkon aus kann man erkennen, dass der Schornstein an der Grenzstraße gerade abgerissen wird.“ Dies sei schon deshalb von Wichtigkeit, weil es ja die letzte alte Esse aus den Zeiten der Industrialisierung der Stadt vor 1900 ist.

Diese Aufnahme vom Sommer zeigt den Schornstein des Bahnbetriebs-, nicht des Glaswerkes.
Diese Aufnahme vom Sommer zeigt den Schornstein des Bahnbetriebs-, nicht des Glaswerkes. © René Plaul

Eine beliebte Naschstrecke

Darauf machte – sogar mit Fotos – am Mittwoch auch Dieter Zickmüller aufmerksam. Im Volksmund sei der Rauchfang der früheren Reichsbahn und heutigen Deutschen Bahn auch als „Schwarz-weiß-rote-Esse“ bekannt, weil sie farbig beringt war. Viele Erinnerungen seien damit verbunden. „Am Fuß der Esse führte jahrzehntelang ein Wanderweg vorbei“, schreibt Herr Zickmüller. Von der Weinbergstraße kommend – die Straße habe früher „Am Hüttenberg“ geheißen – habe man entlang am Lokschuppen kurz vor der Esse ein Bahngleis überqueren müssen. „Dieses diente als Anschlussgleis für das benachbarte Glaswerk für die Anlieferung der Rohstoffe.“ Bei dessen Betrieb wurden nach dem Krieg sogar noch zwei kleine Schranken geschlossen. „Wenn man dann weiterging, kam man oben am Stellwerk gegenüber dem Galgenberg heraus.“ Dieser Abschnitt sei mit meterhohen Brombeer- und Himbeersträuchern bewachsen, also eine beliebte „Naschstrecke“ der Kinder gewesen.

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Spannung am Ablaufberg

Die natürlich auch am Bahngeschehen Anteil nahmen. „Der nächste Höhepunkt war das Ansitzen oben neben dem Stellwerk am Hang-Rangierbetrieb“, so Herr Zickmüller. Auf bis zu 17 Gleisen war es möglich, mit bis zu drei Rangierern die Waggons von einer kleinen Dampflokomotive den Ablaufberg hochzubringen, um sie dort nach der Anweisung des Stellwerkers per Funk abzukoppeln. „Das ging immer sehr schnell, anschließend wurden die Waggons mit Karacho für die Abfahrt angeschoben. Dazu riss der Lokführer den Regler ziemlich weit auf. Durchdrehende Räder, viel Dampf, anschließende Notbremsung – genau das wollten wir Kinder doch sehen“, schreibt der 77-Jährige. „Der Weg ist heute absolut zugewachsen, das Gleis gibt es aber noch.“

Mit dem Bagger wir der Bauschutt aus dem Schornsteininnern herausgeholt und entsorgt.
Mit dem Bagger wir der Bauschutt aus dem Schornsteininnern herausgeholt und entsorgt. © René Plaul

Eine Sprengung ist nicht möglich

Bald wird es aber den Schornstein nicht mehr geben. Das bestätigt Lutz Güttler, Chef der gleichnamigen Schornstein- und Feuerungsbau-Firma aus Bischofswerda. „In etwa drei Wochen ist er weg.“ Die etwa 50 Meter hohe Esse könne aus Platzgründen nicht gesprengt werden, sagt Lutz Güttler. „Das betrifft etwa 90 Prozent aller Schornsteine. Zuletzt konnten wir in Neustadt/Sachsen eine hohe Esse sprengen, aber das ist eher die Ausnahme.“

Nun gehe es also manuell, also mit viel Druckluft und Hydraulik, zur Sache. Ganz oben sind Ricardo Schich und Norbert Prescher zugange, die durchaus schwindelfrei sein müssen, um in der Höhe zurechtzukommen. Das Ziegelbauwerk wird von oben abgetragen, wobei der Bauschutt in der Mitte nach unten fliegt, wo er mit dem Bagger herausgeholt wird und dann abtransportiert werden kann. Das ist eine recht aufwändige, aber dafür durchaus sichere Abbruchmethode. Die Firma Güttler bedient mit ihren etwa 15 Festangestellten und noch einmal genau so viel Saisonkräften eine kleine, aber feine Nische. Wobei der Chef wert auf die Feststellung legt, dass Schornsteine nicht nur abgerissen, sondern durchaus auch saniert oder gar neugebaut werden. „Allerdings nicht mehr auf Ziegelbasis“, wie Lutz Güttler betont. Am Bahngelände in Kamenz ist man übrigens als Subunternehmer beteiligt.

Altlasten bleiben ein Problem

Hauptauftragnehmer der Deutschen Bahn ist die ORA Ostrauer Recycling- und Abfallwirtschaft GmbH. Sie hat die Aufgabe, auf dem insgesamt 2,5 Hektar großen Bahngelände nördlich des Bahnhofes Ordnung zu schaffen. Die DB AG hat signalisiert, dass sie die Fläche im kommenden Jahr zum Verkauf ausschreiben wolle. Damit wird sie auch für die Stadt interessant, wie OB Roland Dantz bereits mehrfach betont hat. Für die zentrumsnahe Stadtentwicklung wäre der Erwerb sicher ins Auge zu fassen, nicht erst seit den Ideen einer möglichen Landesgartenschaubewerbung in den kommenden Jahren. „Der Stadtrat muss klären, ob sich die Stadt an einem möglichen Bieterverfahren beteiligen wolle.“ Dazu gehöre freilich auch die Untersuchung möglicher Altlasten. Die Schwarz-weiß-rote-Esse gehört jedenfalls bald nicht mehr dazu ...

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