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Die letzte Klappe

25 Jahre leitete Deutschlehrerin Christine Stump die WHG-Schülertheatergruppe. Am Ende flossen auch Tränen.

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Von Kevin Schwarzbach

Gestern, Sonntagabend, der 29. Juni 2015, genau 18.33 Uhr: Die große Schülertheatergruppe des Werner-Heisenberg-Gymnasiums (WHG) bekommt für ihre Darbietung der russischen Komödie „Der Drache“ tosenden Applaus. Die knapp 200 Zuschauer in der Klosterkirche sind begeistert. Doch es ist nicht nur die grandiose Aufführung der Schauspieler, die dafür sorgt, dass sich viele Zuschauer nun von ihren Sitzen erheben – und vereinzelt Tränen fließen. An diesem Abend geschieht mehr – viel mehr. Die Zuschauer, das Ensemble und dessen Leiterin ringen um Fassung.

An diesem Abend endet eine Ära, ein Abschied ist zu verschmerzen. Christine Stump steht ab 18.33 Uhr im Mittelpunkt des Geschehens. Weil die Deutschlehrerin im Dezember dieses Jahres aus dem aktiven Schuldienst ausscheiden wird, endet auch ihre Laufbahn als Leiterin der großen Schülertheatergruppe – nach 25 erfolgreichen Jahren. „Der Drache“ war das letzte Stück unter ihrer Regie.

„Es ist ein sehr einnehmendes Gefühl – nicht erdrückend, aber beschäftigend. Ich bin schon ziemlich wehmütig“, sagt Christine Stump. Auf der Bühne fließen nun auch bei ihr winzige Tränen. „25 Jahre sind eine lange Zeit“, so die 65-Jährige.

Das Theaterspielen beschäftigt sie bereits seit ihrer Jugend. „Theater hat mich schon immer begeistert. Doch während meiner Studienzeit durfte ich das erste Jahr nicht in der Theatergruppe mitspielen, weil mein Akzent zu extrem war“, erzählt Stump lachend. „Ich musste daraufhin regelmäßig ein Tonband besprechen, damit meine Regisseurin überprüfen konnte, ob ich mich verbessert habe.“ Christine Stump und ein sächsischer Akzent? Das kann sich heute kaum einer ihrer Theaterschüler vorstellen. Klar und deutlich in der Aussprache, bestimmend und gewandt in der Wortwahl – so tritt Christine Stump vor ihre Schüler. „Früher war mein Akzent vielleicht auch stärker“, meint die 65-Jährige schmunzelnd.

Zukunftsweisender Besuch

Geprägt durch ihre eigenen Theatererfahrungen spielte Christine Stump in den 90er Jahren viel Kabarett. „Daran hat mir die Schnelllebigkeit gefallen: Erst spielst Du eine frustrierte Hausfrau, dann einen schwulen Künstler. Du musst schlagartig wechseln können“, meint Stump. „Dabei haben nicht nur die Schüler viel gelernt, sondern auch ich habe mich weiterentwickelt.“ Außerdem sei Kabarett damals perfekt gewesen, da es in der DDR so wahnsinnig viele Kritikpunkte gab, erzählt sie. „Doch 1989 kam die Wende – da gab es nichts mehr zu lachen, unser Kabarett war Geschichte.“

Christine Stump wollte die darstellende Kunst jedoch nicht hinter sich lassen, stellte mit Schülern ein literarisches Programm auf die Beine. Gerade, als sie darüber nachzudenken begann, wie es zukünftig weitergehen könnte, bekam das Heisenberg-Gymnasium Besuch aus der Schweiz. Der Enkel von Werner Heisenberg war 1991 in Riesa zu Gast – und brachte eine Schülertheatergruppe mit. „Ich war extrem begeistert“, berichtet Christine Stump. „Die Schweizer spielten den ’Besuch der alten Dame‘ von Dürrenmatt. Ich wusste sofort: Das will und kann ich auch.“

Bereits ein Jahr später stand die erste WHG-Schülertheatergruppe unter Leitung von Christine Stump auf der Bühne. „Wir spielten Dürrenmatts ’Romulus der Große‘. Das Stück dauerte ewig“, erinnert sich Stump lachend. „Ich hatte eine derartige Hochachtung vor Dürrenmatt, dass ich viel zu schüchtern war, Zeilen zu streichen. Jedes Wort kam eins zu eins auf die Bühne.“

Ein Fehler, den sie heute nie wieder begehen würde. Heute steht das Einkürzen und Bearbeiten als erster zu erledigender Schritt fest im Programm der WHG-Schülertheatergruppe. In diesem Jahr hatten die Schüler sogar den Mut, das Ende von „Der Drache“ umzuschreiben – um aus einer Komödie eine Tragikomödie zu machen.

Diese Entscheidung steht sinnbildlich für all das, was Christine Stump ihren Theaterschülern seit Jahren vermittelt: Mut, Engagement und Kritikfähigkeit. Denn es gibt wohl keinen Theaterschüler, der nicht schon einmal den Perfektionismus und die damit einhergehende Unzufriedenheit von Christine Stump erlebte. „Zufrieden war ich mit den Aufführungen meist erst eine Woche vor dem Auftritt.“

Sie sei stolz auf alle Theaterschüler, die sie je betreute. Auch wenn einer hervorsticht: Robert Prinzler. Der 29-Jährige trat bereits im Tatort auf und ist derzeit am Saarländischen Staatstheater engagiert.

Nur Shakespeare blieb ihr verwehrt

Dort wird übrigens auch Shakespeare gespielt – ein Autor, der Christine Stump stets verwehrt blieb. „Ich wollte schon immer Shakespeare aufführen, doch es hat einfach nie geklappt“, so die 65-Jährige. Dafür wird sie sich Stücke von Shakespeare und anderen Autoren demnächst öfter ansehen können. „Ich freue mich, dass ich in Zukunft endlich auch einmal Zeit haben werde, öfter ins Staatsschauspiel nach Dresden zu gehen“, so Christine Stump.

Doch warum macht sie nicht als Theaterleiterin weiter? „Viele haben mir dazu geraten. Doch ich könnte eine Theatergruppe nie so gut führen, wenn ich nur einmal in der Woche von außerhalb käme, als wenn ich den Schülern täglich begegne und sie kenne“, meint sie. Eine Entscheidung, wie sie für Christine Stump nicht typischer sein könnte: Wenn die Qualität zu leiden droht, geht sie. Doch in irgendeiner Form wird sie schon wiederkommen.