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Das Ende der Idylle

150 Jahre lang logierten in dem Haus im Gimmlitztal Gäste. Doch nach dem Tötungsdelikt wird es damit vorbei sein.

Von Regine Schlesinger

In einem Fenster des Erdgeschosses steht ein Schwibbogen, auch anderer Weihnachtsschmuck ist zu erkennen. Doch das dürfte schon alles an Normalität sein, was die Ferienpension im Gimmlitztal in diesen Tagen aufbieten kann. Denn ansonsten ist nichts mehr normal, seitdem die Polizei auf dem Grundstück nach den Überresten eines 59-jährigen Mannes sucht, den der Pensionsbetreiber und Polizeibeamte Detlev G. auf dessen Wunsch hin getötet, zerstückelt und verscharrt haben soll.

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Auch vorgestern war wieder ein Großaufgebot an Polizei mit einem guten Dutzend Fahrzeugen vor Ort. Gegraben wurde offenbar nicht nur im Garten, sondern auch unter den Blumenkübeln am Straßenrand gegenüber vom Haus. Eine Stelle ist mit einer schwarzen Plastebahn abgedeckt. Auch im Haus selbst suchen die Polizisten nach Spuren der unfassbaren Tat. Im Eingang stehen, teils noch zusammengefaltet, große Umzugskartons bereit. Dass sie sich in einem Haus mit einer sehr langen Tradition bewegen, wird die Polizisten bei ihrer schwierigen Ermittlungsarbeit kaum interessieren. Doch in der Tat hat das Fachwerkhaus eine lange Geschichte aufzuweisen. Zusammengetragen hat sie der Natur- und Förderverein Oberes Gimmlitztal für seinen Wanderführer „Durch Geschichte und Geschichten des Tales“. Dessen erste Auflage erschien 2010. Darin ist nachzulesen, dass das mit Schiefer verkleidete Fachwerkhaus um 1870 vom damaligen Besitzer der gleich nebenan gelegenen Illingmühle als Wohnhaus gebaut wurde.

Lange Zeit ein Kinderferienlager

Genutzt wurde es aber von Anfang an nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als Übernachtungsstätte. Holzgroßlieferanten, die in der Region Geschäfte machten, quartierten sich hier über Nacht ein. Weil sie auch hungrig und durstig waren, war es für den Eigentümer des Hauses naheliegend, das Schankrecht zu beantragen, das ihm dann auch gewährt wurde. 1909 übernahm ein Pächter namens Ernst Robert Göpfert die „Restauration zur Illingmühle“. Wanderer und Einheimische machten gern bei der als Göpfert-Marthel bekannten Wirtin Halt. Aber auch Sommergäste mieteten sich dort für ein paar Ferientage ein und bis in die 1950er-Jahre war es gut besucht.

Laut Gimmlitztal-Verein wurde das Haus 1958 an das Hauptpostamt Riesa verkauft. Das richtete dort zunächst ein Kinderferienlager ein, etwas später diente es aber auch als Ferienheim. Von dieser Zeit erzählt noch heute eine große Tafel am Eingang des Hauses. Doch 1991 musste das Ferienheim schließen. Im Kinderferienlager des Postheimes verlebte auch der aus Riesa stammende Ehemann des mutmaßlichen Täters einst schöne Ferientage. In der Erinnerung daran entschloss er sich 1995, das Haus zu kaufen und wieder ein Ferienheim daraus zu machen, wie die Freie Presse in einem früheren Beitrag berichtete. Zunächst machte er sich allein an die Arbeit, später kam sein Partner dazu. Der Gimmlitztal-Verein lobt ausdrücklich das behutsame Vorgehen des Paares bei der Sanierung und Modernisierung. Es legte offenbar viel Wert darauf, historische Teile zu erhalten. Entstanden sind Einzel-, Doppel- und Mehrbettzimmer mit insgesamt 24 Betten. Das Angebot, erholsame Tage inmitten ungestörter Natur zu genießen, wurde offenbar gut angenommen, wie Anwohner des Tales sagen. Auch der Gimmlitztal-Verein selber, dem Detlev G. angehörte, traf sich hier gern zu seinen Zusammenkünften.

Damit ist es nun ebenso vorbei wie mit Besuchern, die zur Erholung in die Pension kommen. Im Moment kann sich niemand vorstellen, dass sich auf absehbare Zeit wieder Feriengäste in dem rund 150 Jahre alten Haus einfinden. So werden wohl vorerst die letzten Besucher diejenigen sein, die vor wenigen Tagen in Uniform kamen.