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Die letzten Tage der Gänse

Auf dem Geflügelhof Mittasch in Canitz-Christina wächst viel Geflügel heran. Für die meisten Tiere endet das Leben vor Weihnachten. Doch bis dahin geht es ihnen gut.

Von Kerstin Fiedler
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Friedrich Mittasch hat sich Mitte der 90er-Jahre noch einmal neu orientiert. Der gelernte Rinderzüchter und Agraringenieur baute sich eine kleine Landwirtschaft und einen Geflügelhof auf.
Friedrich Mittasch hat sich Mitte der 90er-Jahre noch einmal neu orientiert. Der gelernte Rinderzüchter und Agraringenieur baute sich eine kleine Landwirtschaft und einen Geflügelhof auf. © Steffen Unger

Kubschütz. Die Herbstsonne gibt alles an diesem Freitagvormittag. Sie lässt die letzten bunten Blätter an den Bäumen erstrahlen. Die Dänen-Gänse kommen immer näher an den Zaun. Erst schnattern sie, dann schauen sie nur neugierig. Die Katzen auf dem Dreiseithof von Angelika und Friedrich Mittasch in Canitz-Christina räkeln sich in der Wärme, die die Sonne abgibt. Skeptisch verstecken sie sich vor den Besuchern. Dabei sind sie buntes Treiben auf dem Hof gewohnt. Vor allem, wenn es dem Geflügel an den Kragen geht. Was in vier Wochen soweit ist.

Canitz-Christina gehört zur Gemeinde Kubschütz, die gleich an die Kreisstadt Bautzen anschließt. Das Ortsbild prägen viele große Gehöfte. Auch das, was gleich hinter dem Hof von Friedrich Mittasch steht. Es war einst ein imposantes Gebäudeensemble. Das Haus an der Straße beherbergte zu DDR-Zeiten den Konsum und einige Wohnungen. „Jetzt möchten Sie nicht wissen, was da im Keller alles liegt“, sagt Friedrich Mittasch. Eigentümer ist jemand aus den „gebrauchten Bundesländern“, wie Mittasch scherzhaft sagt. Passiert ist in den vielen Jahren nur, dass die Häuser zerfielen und aus dem Haupthaus nachts alles Bedeutsame herausgeklaut wurde. Friedrich Mittasch nutzt wenigstens noch die Wiesen auf dem Grundstück. „Sonst würde hier gar nichts passieren. So fressen die Gänse wenigstens alles ab“, sagt Friedrich Mittasch. Als ob sie ihrem Besitzer etwas sagen wollen, schnattern die Tiere durcheinander. Und sind plötzlich wieder ganz still. Auf der abschüssigen Wiese haben sie viel Platz. Und gutes Futter, fügt Mittasch hinzu. „Bessere Rasenmäher gibt es nicht“, sagt er und erklärt, dass auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern Platz für sein Geflügel ist. Dazu kommen 35 Hektar Ackerland, auf dem das gesamte Futter für die Tiere wächst: Weizen, Gerste, Hafer und Erbsen. „Bis auf den Mähdrescher und das Spritzen machen wir alles alleine“, sagt der 70-Jährige. Die Technik dafür steht in der ehemaligen Jungviehanlage der LPG, die Friedrich Mittasch gekauft hat. In der anderen Hälfte des Stalls befindet sich nun die nächtliche Unterkunft für das Geflügel.

1994 mit einer Landwirtschaft begonnen

Das Gehöft, auf dem die Mittaschs wohnen, stammt von 1637. Im Flur des Haupthauses hängt ein Bild, auf dem eine Ansicht des Hofes sowie Porträts von Maria und Georg Mittasch zu sehen sind. Die Großeltern bewirtschafteten das Gehöft, nachdem sie es von einer verwitweten Bäuerin gekauft haben. Einer der Söhne, Paul Mittasch, der Vater von Friedrich Mittasch, züchtete Pferde, Rinder und Hühner. „Damit war er ziemlich erfolgreich“, sagt Friedrich Mittasch stolz. Er selbst wurde damals Rinderzüchter und Agraringenieur, und übernahm den Vorsitz der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) später von seinem Vater. Doch mit der Wende musste auch er über seine Zukunft neu nachdenken. 1994 begann er mit einer kleinen Landwirtschaft und der Zucht, Mast, Schlachtung und dem Verkauf verschiedenen Geflügels. Neben den Gänsen gibt es zehn Sorten Hühner, Flugenten, Mularden- enten – eine Mischung aus Flug- und Pekingente – Perlhühner und Puten. Mittlerweile hat Mittasch ein eigenes Schlachthaus. Dort kann er nun auch für andere Leute das Geflügel schlachten.

Früher befand sich dort der Kuhstall mit einer Melkanlage. „Beim Umbau habe ich viel Beratung und Hilfe vom Veterinäramt erhalten“, lobt der Opa von fünf Enkelkindern. Und im Schlachthaus geht es ab dem 20. Dezember den Gänsen an den Kragen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Dort stehen dafür Edelstahlgeräte bereit. Die Trichter an der Wand sind der Größe des Geflügels angepasst. Zu zweit müssen Friedrich Mittasch und seine Helfer die großen Tiere fassen. Einer hält sie an den Flügeln, der andere an den Beinen, Dann kommen sie kopfüber in den Trichter, werden betäubt. Danach wird der Kopf abgeschnitten, die Tiere bluten aus. Dann kommen sie in eine Brühmaschine. Bei 70 Grad lösen sich die Federn der Gänse, bei 60 Grad die der Tiere, die kein Wassergeflügel sind, also Hühner und Puten zum Beispiel. Es folgt die Rupfmaschine. „Die Broiler werden hier ganz sauber“, freut sich Friedrich Mittasch. Überhaupt ist er auf seine Broiler besonders stolz. „Das Fleisch ist sehr muskulös“, sagt er. Der nächste Arbeitsgang ist das Herausnehmen der Innereien. Im Kühlraum werden die Tiere dann aufgehängt. „Innerhalb von zwei Stunden sind sie bei einer Temperatur von einem Grad ausgekühlt“, sagt Friedrich Mittasch. Dann werden sie gewogen und in Tüten verpackt gelagert, bis sie am 23. Dezember verkauft werden. Mittasch weiß, dass 95 Prozent der Weihnachtsgänse eher gefrostet verkauft werden. Bei ihm nicht. Hier gibt es das Weihnachtsgeflügel frisch. Während die Weihnachts-Broiler noch im Verkaufsstall stehen, wird ansonsten kein Lebendgeflügel mehr verkauft. Erst ab März 2020 beginnt der Handel mit Lebendgeflügel wieder. Die Tiere kommen von einem Händler aus dem Münsterland. Als ein Auto mit Dresdner Kennzeichen auf den Hof fährt und der Fahrer fragt, ob er noch Hühner verkauft, muss Mittasch verneinen. „Es ist dieses Jahr alles raus“, sagt er. Seine Kunden sind überwiegend Nachbarn oder Leute, die sich nur wenige Tiere halten wollen.

Die Tiere sind den ganzen Tag im Freien

Der Arbeitstag für Angelika und Friedrich Mittasch beginnt, wenn es am Morgen hell wird. „Aber nicht vor 7.30 Uhr. Dann werden die Stalltore geöffnet und die Tiere ins Freie gelassen, wo sie den ganzen Tag bleiben. Danach wird neu eingestreut. „Die Tiere haben hier ein Wellness-Leben“, schmunzelt Friedrich Mittasch. Dafür ist es eben nur kurz. Neben dem Misthaufen, der im April/Mai entsorgt wird, liegt auch Sand. „Den mische ich dem Futter bei, weil die Tiere das für den sogenannten Reibemagen brauchen. Dort wird die eingeweichte Nahrung wie zwischen zwei Mühlsteinen zerkleinert“ erklärt Mittasch. Gerade erst hatte er Besuch von der fahrenden Mühle des Futterhandels Schkade aus Belgern. Nun ist der Vorrat für die nächste Zeit gesichert.

Wie aus dem Nichts gibt es plötzlich wieder ein großes Geschnatter und Gekreische. Was ist passiert? Ein besonders aggressiver Ganter zwickt seinen Nachbarn in den Nacken. Da möchte man nicht daneben stehen. Friedrich Mittasch erzählt, dass er einen Kunden aus Löbau hat, der seinen Ganter so weit gebracht hat, dass er den Hof wie ein Wachhund beschützt. „Der hat das Tier richtig abgerichtet, da kommt keiner rein“, lacht Mittasch. So einen Ganter hätte er selbst gebraucht, als der Fuchs einmal mehrere Gänse getötet hat. „Der Jäger hat mir Bescheid gesagt, dass sie auf der Wiese liegen. Deshalb werden die Tiere jetzt noch im Hellen in den Stall gebracht“, sagt Friedrich Mittasch. Große Sorgen macht er sich wegen der Wölfe. Die Jäger hätten schon mehrmals berichtet, dass sie auch in dieser Gegend welche gesehen haben.

Familienwappen hängt im Flur

Zurück auf dem Hof kommt gerade Angelika Mittasch angefahren. Sie war einkaufen. „Früher konnte man alle möglichen Dienstleistungen hier im Dorf nutzen. Jetzt gibt es gar nichts mehr“, sagt Mittasch. Angefangen von der Landwirtschaft gab es eine Gerberei, eine Brennerei, den Konsum, die Poststelle, den Schmied und den Schneider. Auch eine Gaststätte hatte das Dorf, dessen Name Canitz auf das sorbische Wort für Pferd zurückzuführen sei. Friedrich Mittasch kann seine Familie auf zehn Generationen zurückverfolgen. Das Familienwappen hängt im Flur. In der alten Scheune finden sich Raritäten: Von Kutsch-Lampen über einen Drehflug bis zur Reisig-Presse. Auf der Tenne haben Mittaschs viele Feste mit Gästen bis aus Dresden gefeiert und auch eine Weltmeisterschaft im Gänseflügel-Weitwurf veranstaltet. Doch Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis mehr miteinander, sagen die Hofbesitzer. Auch auf dem Bautzener Wochenmarkt ist Friedrich Mittasch nicht mehr zu finden. Die Reparatur des Verkaufsautos ist viel zu teuer. Auf dem Hof wohnt derzeit noch ein Mieter im ehemaligen Ausgedinge sowie die Tochter von Angelika und Friedrich Mittasch. Die beiden Enkel, 15 und 12 Jahre alt, helfen auch schon mit. Noch ist es ziemlich ruhig auf dem Hof. Doch in vier Wochen wird sich das ändern. Erst Heiligabend ist wieder Ruhe.

Geflügelverkauf auf dem Geflügelhof Mittasch in Canitz-Christina ist am 23. Dezember von 10 bis 18 Uhr.

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