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Die letzten Tage des grünen Riesen

In der Kirnitzschklamm bei Hinterhermsdorf lebt ein Riese. Er ist so groß wie der Turm der Pirnaer Marienkirche – knapp über 60 Meter, und seinen Fuß können zwei Männer nicht umfassen. Seit etwa 380 Jahren bewacht er den Eingang der Wolfsschlucht: eine gewaltige Fichte, Sachsens größter Baum.

Von Hartmut Landgraf

In der Kirnitzschklamm bei Hinterhermsdorf lebt ein Riese. Er ist so groß wie der Turm der Pirnaer Marienkirche – knapp über 60 Meter, und seinen Fuß können zwei Männer nicht umfassen. Seit etwa 380 Jahren bewacht er den Eingang der Wolfsschlucht: eine gewaltige Fichte, Sachsens größter Baum. Der Platz ist gut für Fichten: Kühl, feucht genug und sturmgeschützt. Doch ein winziger aber unerbittlicher Feind hat den Baum umzingelt. Läuft es so wie in anderen Wäldern der Sächsischen Schweiz, sind seine Tage wohl bald gezählt.

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Xylechinus pilosus heißt das zweieinhalb Millimeter große Geschöpf, das dem Methusalem den Garaus machen könnte. Zu deutsch: der Fichtenbastkäfer. Ein gefräßiges Insekt aus der Familie der Borkenkäfer – nicht ganz so rabiat und geburtenfreudig wie seine beiden bekannteren Verwandten Buchdrucker und Kupferstecher. Der Käfer schafft es nicht, ganze Wälder zu vernichten. Aber mit einzelnen Bäumen wird er problemlos fertig. Im Umkreis von 30 Metern hat er bereits mehrere stattliche Fichten erledigt. Vertrocknet und kahl sind ihre Wipfel – von den Stämmen hängt die Rinde in Fetzen herab. Im Mai und Juni beginnt die neue Käfergeneration zu fliegen. Wie lange dauert es noch, bis der Angreifer sein größtes Opfer befällt?

Holm Riebe nimmt Maß. Der Artenschutzexperte des Nationalparks kennt die Fichte seit über 20 Jahren. Als sie vor reichlich einem Jahrzehnt zum letzten Mal vermessen wurde, hatte sie einen Stammumfang von 4,40 Meter. Nun sind es 4,58 Meter. Der Riese wächst. Und er ist auch noch fruchtbar. Über 200 Zapfen wurden vor einigen Jahren gezählt. „Wäre schade“, sagt Holm Riebe und blickt auf die toten Nachbarbäume. Vielleicht Kinder der Fichte.

Tote Bäume sind kein ungewöhnlicher Anblick in der Kirnitzschklamm. Auf dem Weg zur Riesenfichte läuft man an so manch hölzerner Ruine vorbei. Seit mehr als 50 Jahren ist die Schlucht Naturschutzgebiet. Heute gehört sie zum Allerheiligsten des Nationalparks Sächsische Schweiz. „Prozessschutzzone“, sagt Riebe dazu. Der knöcherne Terminus bezeichnet einen Teil des Nationalparks, in dem sich der Mensch zum Zuschauen verpflichtet hat. Hier werden Bäume weder gefällt noch gepflanzt, die Natur darf sich seit Jahrzehnten ungehindert nach ihren eigenen Regeln entwickeln. Auch der Borkenkäfer wird hier nicht bekämpft. Er darf fressen, was er will. Holm Riebe hängt an der Fichte. „Selbst im europäischen Maßstab gehört sie zur Oberliga“, sagt er. Aber die Natur schert sich nicht um Wertvorstellungen – und sie hat kein Erbarmen mit ihren eigenen Denkmälern. Was dem Leben nicht standhält, muss weichen. Vielleicht ist der Lebenswille des Borkenkäfers in diesem Fall stärker.

Es wäre schade um den Baum. Aber es wäre keine Tragödie für den Wald. Die Schluchtwälder der Kirnitzschklamm gehören zum Wildesten, das die Sächsische Schweiz außer Felsen zu bieten hat. Hier entfaltet sich ein einzigartiges Artenspektrum: Silbrig ragen schlanke Tannen neben graubraun geschuppten mächtigen Fichten. Dazwischen wächst Hainbuche, Hasel, Bergahorn und Grauerle. Die Kirnitzsch fließt als silbriges Band über schwarze Blöcke und samtgrün schimmernde Matten des Haken-Wassersterns.

Der Fichtenbastkäfer wird diese Idylle nicht zerstören, dafür ist der Wald lebendig, bunt und artenreich. Andernorts, wo die Fichte einst wegen ihrer guten Holzerträge zu Wirtschaftszwecken in Monokulturen angebaut wurde, kann die Macht eines Schädlings verheerende Ausmaße annehmen. Doch in naturnahen Mischwäldern ist die Angriffsfläche begrenzt. So ein Wald wächst in der Klamm – ganz ohne menschliches Zutun.

Holm Riebe hat Vertrauen in das Gleichgewicht aus Leben und Tod, das sich an der Kirnitzsch eingestellt hat. Bäume haben kein ewiges Leben. „Man muss aushalten, dass sich liebgewordene Bilder ändern können“, sagt er. Aber vielleicht lässt er sich ja noch ein bisschen Zeit, der Käfer.