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Die Lieben ihres Lebens

Die Schweizer Top-Triathletin Simone Bürli ist jetzt Dresdnerin. Das liegt an Moritzburg und ihrem neuen Nachnamen.

© Robert Michael

Von Tino Meyer

Sie hat es tatsächlich getan. Simone Bürli-Sickert hat alle ihre Sachen gepackt, wirklich alle, und ist gegangen. Weg aus der Schweiz, die doch immer noch als Inbegriff von Freiheit, Wohlstand und Lebensqualität gilt. Das bestätigt auch die 41-Jährige, die außerdem ja nicht irgendjemand ist bei den Eidgenossen.

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Bürli, so ihr Mädchenname, gehörte nach der Jahrtausendwende lange Zeit zu den drei, vier besten Triathletinnen ihres Landes. Das mag zunächst mal wenig aufregend klingen. Doch anders als in Deutschland, wo die Unterschiede zwischen Tri- und Biathlon längst nicht allen geläufig sind, gehört der Dreikampf von Schwimmen, Radfahren und Laufen in der Schweiz zu den beliebtesten Sportarten. Entsprechend populär ist eine wie Bürli, auch wenn es zum ganz großen Triumph nie gereicht hat. 2000 wurde sie aber Mannschaftseuropameisterin, startete bei Weltcups, auch beim Ironman in Hawaii und arbeitete nebenbei als Grundschullehrerin.

Sie fühlte sich wohl, gut aufgehoben, zufrieden – und ist 2011, drei Jahre nach dem Karriere-Ende, dennoch nach Dresden gezogen, freiwillig. „Da war in der Schweiz natürlich die Hölle los. Was will die denn in Deutschland, haben viele gesagt“, erzählt Simone Bürli-Sickert. Interessiert hat sie das Gerede nicht. Ihre Neugier war einfach größer als die, wie sie sagt, „komischen Vorstellungen“, die in ihrer Heimat über den wilden Osten existieren. Erst kürzlich sei sie bei Facebook gefragt worden, ob es hier überhaupt geteerte Straßen gebe.

Sie lacht darüber – und bereut nichts, im Gegenteil. Schnell hatte sie sich eingelebt in ihrer Wahl-Heimat, auch wenn es noch heute manchmal zu sprachlich bedingten Irritationen mit freundlichen Sachsen kommt. Als ihr ein älterer Herr beim Joggen in der Dresdner Heide anfangs mal ein zackiges „Sport frei!“ entgegenrief, stutzte sie – bis sich der Irrtum aufklärte. Denn sportfrei ist das weitläufige Waldgebiet natürlich nicht. Beim Bäcker wiederum bekommt sie wegen ihres Schweizer Dialekts neben Brötchen regelmäßig „schöne Ferien“ gewünscht. „Ich war sofort super begeistert“, sagt Simone Bürli-Sickert und schwärmt: „Die Menschen sind viel offener, und es ist leichter, Bekanntschaften herzustellen.“

Märchenhafter Beginn

In Dresden habe sie zudem alles, was ihr wichtig ist: Den Job als Lehrerin an der Freien Alternativschule. Eine Stadt, in der es sich lohnt, inzwischen auch als Personal Trainerin für ambitionierte Hobbyathleten zu arbeiten. Immer mehr Freunde. Und vor allem einen Mann, ihren Mann. Rajko Sickert ist schließlich der Hauptgrund für den nicht alltäglichen Umzug.

Ungewöhnlich, fast schon märchenhaft ist ihre Kennenlern-Geschichte im Trainingslager auf Lanzarote 2009 an einer verwaisten Mietwagen-Station. Er brauchte eigentlich dringend ein Auto – sie danach ein paar Tage, um festzustellen, dass es bei der Wagenübergabe nicht nur bei ihm gefunkt hatte. „Wir haben hin- und hertelefoniert. Dann habe ich ihm gesagt, ich schaue mir mal Dresden an.“

Seine Antwort: „Wie lange willst du denn bleiben? Ihre Reaktion: „Keine Ahnung, vielleicht ja für immer.“

Rücktritt vom Rücktritt

Im Oktober 2012 haben beide geheiratet, in Hawaii standesgemäß barfuß am Strand. Kurz zuvor hatte sich Rajko Sickert, der bis 2008 mit Triathlon rein gar nichts anfangen konnte, beim legendären Ironman seinen sportlichen Traum erfüllt. Nach 3,6 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer auf dem Rad sowie dem Marathon erreichte er in 9:49 Stunden das Ziel.

Die Zehn-Stunden-Schallmauer auf der Langdistanz reizt auch Simone Bürli-Sickert, die längst ihren Rücktritt vom Rücktritt erklärt hat. Seit zwei Jahren trainiert sie wieder. Schuld daran ist jedoch nicht die Leistungsentwicklung ihres Ehemanns, schuld ist der Schlosstriathlon in Moritzburg, der an diesem Wochenende zum 13. Mal stattfindet. „Absolut mein Lieblingswettbewerb“, sagt sie und meint das auch so. Anders als zu Profizeiten gibt es schließlich keine Werbepartner mehr, auf deren Interessen Simone Bürli-Sickert Rücksicht nehmen müsste. „Moritzburg – das hat ein besonderes Flair mit dem Schloss, dazu die beste Organisation und eine klasse Atmosphäre“, findet die einstige Weltklasse-Athletin. Und sie gesteht, eigentlich nur auf diesen einen Wettkampf hinzuarbeiten.

2011 und 2012 hat sie über die olympische Distanz, also 1,5, 40 und zehn Kilometer, gewonnen. Den angepeilten Hattrick hat die Flut im vergangenen Jahr verhindert. „Meine Schwiegermutter brauchte unsere Hilfe. Also konnte ich nicht starten, das ist doch klar“, sagt sie rigoros. Simone Bürli-Sickert liebt ihren Sport, aber nicht um jeden Preis. Gesundheit und Familie hatten bei ihr schon immer Vorrang und jetzt in ihrem neuen Leben erst recht. Was nicht heißt, dass sie weniger ehrgeizig und ambitioniert unterwegs ist.

Denn wenn sie morgen um kurz vor elf im Schlossteich ins Wasser geht, will sie auch gewinnen. „Das ist fast noch wichtiger als zu meiner Profizeit“, sagt Simone Bürli-Sickert, die diesmal über die Halbdistanz (1,9, 90 und 21 km) startet. Dass dies hierzulande nur Freaks interessiert, stört sie nicht. Die Weltklasse-Triathletin Bürli gibt es ohnehin nur noch in Archiven. In Dresden dagegen ist eine Frau Bürli-Sickert angekommen, die weiß, was sie will und sagt, was sie nicht möchte: zurück in die Schweiz.

www.ausdauertraining-dresden.de
www.schlosstriathlon.de