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Die Lockerungen bewusst genießen

Mit Wissen durch die Corona-Krise: Wofür sollten wir die Testkapazitäten nutzen? Eine Kolumne von Prof. Dalpke aus dem Corona-Labor in Dresden.

Um die Infektionsdunkelziffer zu erkennen, müsste repräsentativ auf Antikörper getestet werden.
Um die Infektionsdunkelziffer zu erkennen, müsste repräsentativ auf Antikörper getestet werden. © Julian Stratenschulte/dpa

Im Sicherheitslabor der Dresdner Universität werden derzeit die Corona-Tests ausgewertet. Dessen Direktor Alexander Dalpke schreibt hier regelmäßig in diesen Zeiten der Corona-Krise für Sächsische.de.

Haben Sie sich auch auf die Lockerungen gefreut? Ich schon. Dabei hat mich der erste Weg nicht in mein Lieblingsrestaurant geführt. Ich habe mich gefreut, außerhalb der Kern-Familie weitere Verwandtschaft zu treffen – natürlich im Rahmen der Vorgaben. Und einen Zoobesuch habe ich gemacht. Diese Lockerungen finde ich gut, die abflauenden Zahlen müssen eine gewisse Normalität bringen. Und ein Lockdown bis es einen Impfstoff gibt, ist nicht sinnvoll und nicht durchhaltbar.

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Bei allem Trubel sollte die Weihnachtszeit auch Gelegenheit bieten, sich auf sich selbst zu besinnen, sich etwas Gutes zu tun.

Nun fragen sich sicher nicht nur Sie, wie sich die Corona-Lage und die Infektionszahlen bei allen Lockerungen nun entwickeln werden. Auch wir Virologen schauen gespannt auf die Zahlen, nicht nur in unserem Labor. Hier haben wir seit Tagen kaum einen positiven Test mehr gehabt.

Es beginnt eine Zeit, in der wir das Virus immer besser verstehen werden, Erkenntnisse in der Behandlung der Patienten sammeln und gleichzeitig hoffen, dass die Zahlen nicht wieder so stark wie im März steigen. Wenn jetzt einzelne Grenzen geöffnet werden und nach Himmelfahrt der Tourismus in vielen Regionen beginnt, könnte es sein, dass wir wieder mehr Fälle sehen. Dann mischen sich die Menschen aus Regionen, wo es mehr Infizierte gibt, mit Menschen, die aus bisher weniger von Corona betroffenen Bundesländern kommen.

Prof. Alexander Dalpke ist Direktor der gemeinsamen Institute für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene sowie Virologie der TU Dresden.
Prof. Alexander Dalpke ist Direktor der gemeinsamen Institute für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene sowie Virologie der TU Dresden. © Jürgen Lösel

Studien helfen uns bei der Arbeit. Sie haben sicher von der ein oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnis über Corona gehört. Doch leider beruhen viele der Studien auf kleinen Fallzahlen – repräsentativ ist davon keine. Auch die viel diskutierte Heinsbergstudie darf nicht überinterpretiert werden. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe interessiert von der Studie gelesen und gehöre nicht zu den Kritikern. Wenn dort aber eine Infektionsrate von über 15 Prozent festgestellt wurde, gilt das natürlich nicht für ganz Deutschland. Auch ist es schwierig, daraus Schlussfolgerungen zu einer Dunkelziffer nicht erkannter Erkrankter für ganz Deutschland zu ziehen. Heinsberg war ein erster Spot, in dem es sehr viele Erkrankungen gab, zu einem frühen Zeitpunkt, wo sicher noch nicht alle Maßnahmen optimal waren. In anderen Regionen – wie zum Beispiel Sachsen – hat der Lockdown gegen solch hohe Infektionsraten geholfen.

Um die Dunkelziffer zu analysieren, müssen wir repräsentativ auf Antikörper testen. Doch macht das wirklich Sinn, dass wir dafür wertvolle Testressourcen verbrauchen? Ich denke, nur wenn dies im Rahmen gut geplanter Studien geschieht. Wir testen in Deutschland schon weit mehr, als es andere Länder tun. Ich gehe davon aus, dass es in Italien eine grundsätzlich ähnliche Sterblichkeitsrate durch Corona geben wird wie in Deutschland. Heißt bei den jetzt dokumentierten Todeszahlen: In Italien sind viel mehr Menschen infiziert, als bisher bekannt. Die Dunkelziffer ist dort weitaus höher als bei uns. Ich persönlich gehe davon aus, dass es in Deutschland eher nur dreimal so viele Corona-Infizierte gibt, wie bislang bekannt ist. Wir haben also immer noch niedrige Durchseuchungsraten.

Wie also nun umgehen mit der neuen Freiheit? Hören Sie sehr intensiv auf den eigenen Körper. Auch bei leichten Symptomen wie Husten, Abgeschlagenheit oder Schnupfen sollte ein Jeder Menschenmassen meiden und sich testen lassen. Dafür haben wir die Kapazitäten. Ich plädiere für eine höhere Sensibilität bei jedem Einzelnen, was eine mögliche Erkrankung angeht, und bei den Ärzten, was die Tests betrifft. Wir sollten konsequent Mundschutz tragen und Abstand halten. Jeder Einzelne muss sich jetzt seiner Verantwortung bewusst sein und sein Verhalten dem anpassen. Dann können wir alle die Lockerungen auch genießen.

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