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"Die Männerdiktatur muss bekämpft werden"

Am Freitag liest Feridun Zaimoglu in Dresden. Vorab spricht er über die Kritik an seinem jüngsten Buch und die Überlegenheit der Frauen.

Feridun Zaimoglu, in Kiel lebender Autor mit türkischen Wurzeln, hat sich in seinem letzten Buch den Frauen gewidmet und sagt jetzt über Männer, sie seien vor allem gewalttätig und psychopathisch. „Sie müssen immer in ihrer Herrlichkeit bestätigt werden u
Feridun Zaimoglu, in Kiel lebender Autor mit türkischen Wurzeln, hat sich in seinem letzten Buch den Frauen gewidmet und sagt jetzt über Männer, sie seien vor allem gewalttätig und psychopathisch. „Sie müssen immer in ihrer Herrlichkeit bestätigt werden u © Gregor Fischer/dpa

Der Autor Feridun Zaimoglu wurde 1964 in Bolu in der Türkei geboren und wuchs ab 1965 in Berlin und München auf. Heute lebt er in Kiel. Mit seinem Buch „Kanak Sprak“ wurde er bekannt und seitdem vielfach ausgezeichnet. 

Sein jüngstes Buch „Die Geschichte der Frau“ war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 nominiert. Am Freitag liest Zaimoglu daraus beim Dresdner „Literatur jetzt!“-Festival.

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In Ihrem Buch lassen Sie zehn weibliche Charaktere sprechen – von Zippora, der Frau Moses, über die Loreley bis hin zur Feministin Valerie Solanas. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

Am Anfang stand die Idee, Frauen der Dichtung, der Fiktion, aber auch Frauen aus der Wirklichkeit für sich und stellvertretend für andere Frauen sprechen zu lassen. Und mir war wichtig, Frauen in ihren Kämpfen darzustellen.

Diese Frauen sind bedrängt von sexuellen Ansprüchen, Traditionen, Kriegen und Ideologien. Brachte der Wunsch nach Selbstbestimmung diese Frauen in Gefahr?

So ist es. Wie dumm ist die Hierarchie! Wie dumm ist die männliche Logik! Deswegen werde ich besonders bei diesem Buch von Männern, von Kritikern, angegriffen, die mir das nicht verzeihen. Sie sind so voller Hass und Häme, wie ich das nur von Internet-Trollen kenne.

Was wirft man Ihnen vor?

Zum Beispiel, dass mein Buch ranschmeißerisch sei, ich würde mich an die MeToo-Debatte anhängen. Männer werfen mir Verrat vor. Das schreiben die natürlich nicht, sie sprechen von „Ungeschick“, von meinem Opportunismus. Ich habe kein Problem mit einem Verriss, aber die Vorwürfe der männlichen Kritiker beziehen sich auf meine Anmaßung, auf dem Papier mit meinem Geschlecht zu brechen. Obwohl es das dritte Mal ist, dass ich in einem Buch eine Frau bin.

Der Vorwurf des Geschlechterverrats?

Sie sagen: Zaimoglu versucht sich als Stimmenimitator. Das steht in den Zeitungen, da schlägt mir Hass, Häme und Verachtung entgegen. Es gab kein Buch von mir, das die Kritiker über alle Maßen gelobt haben. Dass sie meine Bücher wüst und nicht stimmig finden – daran bin ich gewöhnt. Hier ist aber plötzlich Geschlechterkrieg angesagt.

Wie erklären Sie sich das?

Es könnte daran liegen, dass ich so unverschämt bin zu sagen: Valerie Solanas ist für mich ein Vorbild, und danach kommt lange nichts.

Valerie Solanas, die ein Attentat auf Andy Warhol verübte, veröffentlichte 1967 ein Manifest, in dem sie sich für die Vernichtung der Männer einsetzt.

Ein famoses Manifest, nicht ein einziger Satz darin ist falsch. Solanas ist eine großartige Schriftstellerin und Künstlerin, die genau gesehen hat, dass Fremdwörter die Wirklichkeit verbrämen. Nicht „Patriarchat“, sondern Männerdiktatur! Männern wie mir hätte sie beide Arme abgehackt. Es gibt bei ihr keine Geste der Verbrüderung, Verschwisterung – und das ist gut so. Sie wurde als kriminelle Geistesgestörte dargestellt, ihr wurde unterstellt, dass sie zur Kompromissbereitschaft, die jedem zivilisierten Menschen zu eigen sei, nicht fähig ist.

Was fasziniert Sie an Solanas?

Man verkennt, welche ungeheure intellektuelle Leistung es von ihr ist, dass sie diesen Blick hat. Das ist für mich wegweisend, weil wir uns heute leider Gottes schon wieder in Klärung von Begriffen versponnen haben. Aber es geht um Kämpfe. Es geht darum, dass diese beschissene Männerdiktatur, ob sie religiös oder säkular daherkommt, überwunden und bekämpft werden muss – mit allen Mitteln.

Auch Gewalt wäre ein legitimes Mittel?

Ich antworte mit einer Gegenfrage: Wieso fängt man, wenn es um Gewalt geht, mit Valerie Solanas an? Wieso spricht man nicht erst einmal über die alltägliche Gewalt, der auch Valerie Solanas ausgesetzt war? Dass sie selbst zur Waffe gegriffen hat – ich kriege keine schlechte Laune deswegen.

Warum haben Sie das Buch aus der Perspektive der Frauen geschrieben?

Es gibt für mich nur einen vernünftigen Blick auf diese beschissene Welt, und das ist nun einmal der feministische Blick. Die Männer sagen: Ja macht doch, Frauen, befreit euch. Als wären wir Männer gar nicht beteiligt.

An vielen Orten trägt die Religion dazu bei, Frauen zu unterdrücken. Glauben Sie, dass Religionen sich und ihren Blick auf die Frau reformieren können?

Wir leben in einer Zeit der durchgeknallten Fundamentalisten. Jüdische Siedler, Evangelikale, Islamisten, Orthodoxe aller Couleur – mit denen lässt sich kein Friede machen, die lassen sich nicht reformieren. Das sind Leute, die auf die Apokalypse hinarbeiten. Die wollen das Weltende, denn dann erst kommt der Messias. Ich habe mich Jahrzehnte mit der Religion und den heiligen Schriften beschäftigt, um sie zu verstehen. Aber in ihrer Welt kann es nur eine groß angelegte Zerstörung geben. Wenn man ihnen sagt, reformiert euch – dann zeigen sie dir einen Vogel oder knallen dich gleich ab. Mit solchen Leuten darf man nicht ins Geschäft kommen.

Welche Möglichkeiten bleiben dann?

Was einem bleibt, ist, die Dinge politisch zu durchleuchten – mit Wissen, nicht mit Verständnis. Wir haben heute für jede reaktionäre Kröte Verständnis. Es gibt diese durchgeknallten Attentäter und es ist sehr wichtig, sich mit ihrer Religion zu beschäftigen. Denn das ist die attentäterische Ideologie unserer Zeit, gemeinsam mit der völkischen Ideologie.

Konnten Sie sich Ihren eigenen Glauben erhalten?

Ich habe einen Kinderglauben. Ich glaube an einen Gott und ich glaube an die Überlegenheit des weiblichen Geschlechts.

Sie glauben also, Frauen würden nicht durch Macht verführt?

Natürlich gibt es dämliche Frauen, blutrünstige Frauen, mächtige Frauen. Aber im Vergleich zu der Rate der Männer, die doof sind, ist es eine vernachlässigenswerte Größe. Wenn sich die Frauen allerdings wie Männinnen verhalten, dann agiert nicht eine Frau, sondern eine Männin. Ich bin nicht so bescheuert, dass ich sage: Männer und Frauen sind gleich. Quatsch. Männer sind vor allem gewalttätig und psychopathisch, sie müssen immer in ihrer Herrlichkeit bestätigt werden und sie müssen immer Kriege anzetteln. Die haben doch einen Dachschaden. Können die bitte mal darauf verzichten?

Sehen Sie angesichts der Diskussionen um gendergerechte Sprache, dass Sie als Schriftsteller etwas verändern können?

Da sind wir bei einem Problem. Denn bei Sprache geht es auch um ihre Schönheit, um den Klang der Worte. Man sollte den Worten keine Gewalt antun. Gendergerechte Sprache ist leider eine Sprache, die akademisch verfasst wird. Begriffe aus dem Soziologieseminar werden in Bereiche der Wirklichkeit hineingespült. Ich benutze zum Beispiel nie das Wort „Migrationshintergrund“. Wichtig ist aber: Die Frau muss sichtbar werden.

Was ist, wenn Menschen sich durch Sprache diskriminiert fühlen?

Da bitte ich Folgendes zu berücksichtigen: Empfindsamkeit ist gut, Empfindlichkeit schlecht. Das wird oft verwechselt. Zum Beispiel wenn ich so Nachnamen-Spießer höre, die sagen ‚Man muss Zaimoglu richtig aussprechen‘ – humorlose Affenköpfe. Ich spreche meinen Nachnamen deutsch aus. Es gibt viele Wege zur Normalität. Man vermeide die Humorlosigkeit. Man gehe über das Lachen, denn das Lachen verbieten die Orthodoxen. Und niemals verzichte man auf die Parteinahme für die richtige Sache. Amen.

Interview: Maren Schuster, Martin Paul

Lesung am 27. 9., 19 Uhr, Zentralwerk Dresden, beim Festival „Literatur Jetzt!“ Am Mittwoch wird um 19 Uhr im Zentralwerk das Festival eröffnet mit einem Konzert von Anna Mateur und Samuel Halscheidt sowie mit einer Ausstellung der Comicwerke von Nicolas Mahler; anschließend legt Marcel Beyer auf. Der Eintritt ist frei.

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