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Die männliche Nagelfee

Klaus Steinbrück aus Hoyerswerda ist Nageldesigner und der einzige männliche Mitarbeiter bei „Figaro“.

Von Silke Richter

Nach der politischen Wende standen plötzlich auch viele Grenzen offen, die den Weg in neue berufliche Freiräume ebneten. Aus gelernten Maschinisten, die in der DDR noch im Bergbau gearbeitet hatten, wurden quasi über Nacht Händler, Vertreter … Die Wendezeit erleichterte jedenfalls vielen Menschen den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit. Das war auch bei Klaus Steinbrück der Fall, der nach dem Ende der DDR kurzerhand ein Sonnenstudio in der Hoyerswerdaer Neustadt eröffnete. Absolutes Neuland für den gelernten Elektriker: Galt der prüfende Blick früher Schaltflächen und Steckdosen, widmete sich der damals Mittdreißiger plötzlich dem Geschäft mit der künstlich erzeugten Sonnenbräune. Aber nicht nur das. Denn als erfolgreicher Geschäftsmann hieß es plötzlich auch, im kaufmännischen Bereich, in der Organisation des Unternehmens und der Kommunikation mit Kunden ständig auf dem Laufenden zu bleiben.

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„Die Idee, dass wir uns als Firma mit einem integrierten Nagelstudio erweitern wollen, war relativ schnell beschlossene Sache. Die Branche war Anfang der 90er-Jahre sehr jung und somit in Hoyerswerda fast außer Konkurrenz“, erinnert sich Klaus Steinbrück, der damals freilich noch nicht ahnte, dass er bald selbst quasi als „Notfallbesetzung“ mit Feile, Aceton und Nagellack hantieren würde. Denn eigentlich hatte sich seine damalige Ehefrau für die Qualifizierung zur Nageldesignerin angemeldet. Doch das Arbeitsamt wollte es damals anders und verpflichtete Klaus Steinbrücks Frau zu einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) – und das zwei Tage vor Beginn der geplanten Ausbildung zur Nageldesignerin. Jetzt war guter Rat teuer. „Ich hatte schlaflose Nächte und habe hin und her überlegt, was man jetzt tun könnte. Denn wenn wir die Ausbildung so kurzfristig abgesagt hätten, wären wir trotzdem auf deren Kosten sitzen geblieben. Also musste ich ja für meine Frau einspringen. Ich bin aus der Nummer nicht mehr rausgekommen,“ blickt Klaus Steinbrück zurück.

Anfangs beschlich den Nageldesigner auch schon mal ein befremdliches Gefühl, wenn er als Mann die Maniküre übernahm. Gilt doch dieser Beruf auch heute noch eher als eine Frauendomäne. Doch mit der Zeit konnte Klaus Steinbrück seine neuen beruflichen Fähigkeiten weiter ausbauen. Das anfängliche Gefühl von Unsicherheit wurde zunehmend vom Spaß an der neuen Herausforderung abgelöst. Hunderte von Frauen haben in den letzten Jahrzehnten bei Klaus Steinbrück das Handwerk des Nagelverschönerns in verschiedenen Techniken erlernt.

Zu seinen Kunden im Figaro-Salon an der Bautzener Allee, in dem der 54-Jährige seit einiger Zeit angestellt ist, gehören aber nicht nur Frauen. Wenngleich ihre Anzahl überwiegt, wenn es um Nagelmodellage und Musterverzierungen auf Fingernägeln geht. Es gibt aber auch Männer, die den Weg zu Klaus Steinbrück, dem einzigen männlichen Nageldesigner bei Figaro, suchen. Manchmal auch per Anordnung vom Chef. So wie im Fall eines Bankangestellten, der kurz vor dem Abschluss eines Großprojekts stand. Aber zu diesem wichtigen Geschäftstermin mit abgeknabberten Nägeln erscheinen? Das ginge ja mal gar nicht, entschied sein Vorgesetzter, der sich seinen Mitarbeiter kurzerhand schnappte und Nageldesigner Klaus Steinbrück aufsuchte. Natürlich bekam der Kunde keinen bunten Lack oder gar Muster zur Verzierung auf die Fingernägel – die dafür nach der Behandlung aber runderneuert und gepflegt glänzten.