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Die Mitmach-Manufaktur

In der Hammermühle soll eine Plattform für das Oberlausitzer Handwerk entstehen. Für die Idee gab’s jetzt einen Preis.

Beim Senfmachen ist Geduld gefragt: Das lernen die Besucher in der Bautzener Hammermühle bei Workshops mit Denise Hierl. Jetzt soll die Idee weiter wachsen. Bis zu 15 Mitmach-Angebote von Handwerkern und kleinen Produzenten sollen in der historischen Mühl
Beim Senfmachen ist Geduld gefragt: Das lernen die Besucher in der Bautzener Hammermühle bei Workshops mit Denise Hierl. Jetzt soll die Idee weiter wachsen. Bis zu 15 Mitmach-Angebote von Handwerkern und kleinen Produzenten sollen in der historischen Mühl © Steffen Unger

Bautzen. Die Johannisbeeren leuchten rot, die Mango glänzt saftig-orange. Thymian, Salbei und Oregano kommen frisch aus dem Garten an der Spree. Neben diesen Schüsseln stehen auf dem Tisch im Bautzener Hammermühlenhof gefüllte Dosen. Ein großer Topf Basilikum, Honig und Ahornsirup gesellen sich dazu. Hammermüllerin Denise Hierl greift nach ein paar Zutaten. „Unser Senf braucht schwarze und gelbe Senfsaat, Meersalz, Wasser und Essig“, sagt sie und vermischt die fünf Komponenten. Für den speziellen Sommer-Geschmack pflückt sie ein paar Johannisbeeren ab. Die Süße bringt der Honig. Alles zusammen kommt in den Mörser aus Granit.

Dann ist Ausdauer gefragt, um aus dem wässrigen Gemisch eine Paste zu machen. Denise Hierl lässt den Stößel kreisen. So wie sie können auch die Gäste der Mühle ihren eigenen Senf herstellen. „Wir haben ganz klein angefangen. Ein Gast fragte uns mal, ob er es probieren kann“, sagt die 37-Jährige. Mittlerweile ist daraus längst mehr geworden: Regelmäßig finden Senfworkshops statt. Und die Idee soll weiter wachsen. Für den Ideenwettbewerb „So geht sächsisch“ hat Denise Hierl das Konzept der Mitmachmanufaktur entwickelt. 5 000 Euro Preisgeld gab es für das Projekt. Unter dem Dach des Industriedenkmals sollen künftig bis zu 15 Kleinproduzenten die Handwerkskultur der Oberlausitz erlebbar und begreifbar machen.

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Im Hof der Hammermühle wird unterdessen die gelbliche Mischung im Mörser geschmeidig. Denise Hierl stellt sich hin, um noch ein bisschen kräftiger rühren zu können. „Die Geschichte von der Mitmachmanufaktur beginnt hier mit dieser Mühle mit vielen Räumen und unserem ersten Ostermarkt auf dem Areal. Wir hatten die Idee, Anbieter regionaler Erzeugnisse sichtbar zu machen“, sagt sie. Neun Händler kann die Selbstständige für die Erstauflage überzeugen. Doch die Begeisterung wächst. Fünf Jahre später, beim diesjährigen Markttreiben, stellen über 20 Interessenten ihre Stände mit Oberlausitzer Spezialitäten von Leinen über Blaudruck bis zum Honig im Spreetal auf. Einigen Händlern muss Denise Hierl aufgrund der großen Nachfrage sogar einen Korb geben.

Ein bisschen mehr Lokalkolorit

Vom Ostersonntag aber bleibt die positive Stimmung – unter den jungen und alteingesessenen Handwerkern, den Touristen und den Bautzenern. „Zum einen haben die Kleinproduzenten erkannt, dass Tourismus für sie ein zusätzlicher Wirtschaftszweig ist. Zum anderen schadet der Oberlausitz und Bautzen doch auch nicht ein bisschen mehr Lokalkolorit, wie man es schon in anderen Regionen, wie Frankreich oder Südtirol, erleben kann“, sagt die Hammermüllerin.

Über diesen Weg entsteht die Idee, regionalen Einzigartigkeiten eine Mitmach-Plattform zu bieten, auch mit dem Hintergrund, dass so Touristen länger in der Region gehalten werden können oder auch in den Wintermonaten den Weg über Dresden hinausfinden. „Nach Gesprächen wusste ich, dass viele schon Mitmach-Angebote probieren. Die Leinenmanufaktur Kleist in Neukirch bietet zum Beispiel Führungen an, wo man auch etwas besticken kann. Beim Hofgut Löhnert kann man aus den alten, regionalen Getreidesorten Brot oder Eierkuchen backen“, sagt Denise Hierl. Aber wenn Gäste im Schnitt nur zwei Tage zum Urlaub in der Region bleiben, dann beschränken sie sich meist auf den Besuch der Städte Bautzen oder Görlitz.

Mit Vorstellungen nicht allein gelassen

So wird die Idee einer Mitmach-Manufaktur in der Hammermühle immer greifbarer. Als im April der Newsletter der sächsischen Kreativwirtschaft mit dem Hinweis auf den Wettbewerb „So geht sächsisch“ kommt, bewirbt sich Denise Hierl mit ihren Ideenskizzen. Das Projekt kommt unter den über 200 Bewerbern unter die 30 Finalisten. Jene werden aber nicht mit ihren Vorstellungen allein gelassen.

Stattdessen erhalten sie bei einem zweitägigen Workshop zwei Kreative an die Seite gestellt, um an ihrer Vision zu feilen und die Machbarkeit von Außenstehenden zu hinterfragen. „Ich habe die Rohstoffe auf den Tisch gepackt. Wir haben uns eine Zielperson ausgedacht, an die sich das Angebot richtet und versucht immer aus der Kundenperspektive zu denken“, sagt die Preisträgerin.

Das Senfgemisch im Mörser verliert jetzt immer mehr Flüssigkeit. „Wenn die Kleckerburg steht, ist der Senf fest, sage ich immer zu den Schulklassen“, sagt Denise Hierl und lässt den Stößel weiter kreisen. Auf dem Tisch liegt auch ein großes Blatt A 3, darauf ist die Hammermühle skizziert, ein paar gebastelte Figuren sind zu sehen. Bei genauem Hinsehen ist es die ausgearbeitete Idee. „Wir wollen mit dem Preisgeld die erste Etage des Mühlhauses ausbauen, um den Raum für einen Indoor-Markt zu bestimmten Veranstaltungen und touristisch-attraktiven Tagen, wie am Mühlentag oder den Adventswochenenden, ganzjährig nutzen zu können“, sagt die Bautzenerin.

Selbstgefertiges zum Mitnehmen

Dabei sollen die Besucher nicht nur regionale Spezialitäten finden, sondern von den Kleinstproduzenten eine selbst gefertigte Kleinigkeit – vom selbst gebackenen Plätzchen über das selbst gemischte Müsli, Holz- oder Töpferarbeiten – mitnehmen können. „Wer Lust hat, sich auf dieser Plattform einzubringen, ist willkommen. Wir sind für vieles offen“, sagt Denise Hierl. Für den Anfang will sie sich drei, vier Partner ins Boot holen, langsam könnte so die Mitmach-Manufaktur und die Hammermühle als Zentrum der Kreativwirtschaft und des regionalen Handwerks wachsen. Zusätzlich könnten im Komplex Residenzräume für die Künstler-Stipendiaten der Kulturstiftung entstehen.

Der fertige Senf kommt nun ins Glas. Mit Geduld ist nach gut 20 Minuten aus dem eher flüssigen Brei eine sämige Paste geworden. Ausdauer wird es auch für die Umsetzung des Projekts aus dem Ideenwettbewerb brauchen. „Wir fangen klein an, machen einen Probedurchlauf, sehen, wie sich die Idee entwickelt“, sagt Denise Hierl und schraubt das Glas zu. Fertig ist das Mitbringsel aus der Mitmach-Manufaktur in der Bautzener Hammermühle.

www.hammer-muehle.com

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