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Die Nacht bei „Doktor Schlaf“

Atemnot im Traum nimmt zu. In seinem Sebnitzer Schlaflabor sucht Ctirad Bastl nach den gefährlichen Aussetzern.

© Marko Förster

Von Jörg Stock

Osterzgebirge. Ein guter Arzt ist Doktor Bastl ganz bestimmt. Aber wetten sollte er nicht. Er hat gewettet, dass bei mir nichts zu finden ist. Deutlich diesseits der fünfzig, halbwegs schlank und ohne Vorerkrankungen falle ich aus dem Raster des typischen Patienten. Spaßeshalber hat er mir ein Gerät zum Schlafscreening mitgegeben. Den Test im heimischen Bett, ein paar Sensoren an Brust und Bauch, müssen alle machen, die ins Schlaflabor wollen. Und ich will da rein, wenn auch nur, um eine Reportage zu schreiben. Jetzt schaut der Doktor verblüfft auf die Zickzackkurven, die das Gerätchen ausspuckt: Pro Stunde Schlaf habe ich 25 Episoden akuter Luftknappheit durchlebt. Diagnose: mittelschwere Schlafapnoe. „Sie sind kein Reporter mehr“, sagt der Doktor. „Sie sind mein Patient!“

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Im Schlaflabor

Schwester Jana verkabelt Reporter Jörg Stock für die Nacht.
Schwester Jana verkabelt Reporter Jörg Stock für die Nacht.
Das Pulsoxymeter, genannt E.T.-Finger, gehört dazu.
Das Pulsoxymeter, genannt E.T.-Finger, gehört dazu.
Der Schlaf wird am Monitor nonstop überwacht.
Der Schlaf wird am Monitor nonstop überwacht.
Beatmungsapparate helfen Schlafapnoikern
Beatmungsapparate helfen Schlafapnoikern
Ein Kuscheltier darf natürlich nicht fehlen.
Ein Kuscheltier darf natürlich nicht fehlen.

Der schlechte Schlaf ist auf gutem Weg, zur Volkskrankheit zu werden. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin geht davon aus, dass sechs Prozent der Deutschen an Schlafstörungen leiden, die man behandeln muss, weil sie die Lebensqualität mindern. Vor allem die „obstruktive Schlafapnoe“ ist im Kommen. Sie betrifft meist übergewichtige Schnarcher, die während des Schlafens zeitweise keine Luft holen, in krassen Fällen siebenhundert oder achthundertmal. Die Betroffenen – man geht von um die drei Millionen Deutschen aus – finden beim Schlafen keine Erholung mehr. Am Morgen erwachen sie wie gerädert.

Der junge Neustädter Hausarzt Ctirad Bastl hat es sich zur Mission gemacht, gegen den heimlichen Atemstillstand und die Verharmlosung seines wichtigsten Symptoms, des Schnarchens, vorzugehen. Man hat es mit einer gefährlichen Krankheit zu tun, sagt er. Schlafapnoe stört nicht nur die Erholung, sondern stresst auch das Herz. Es muss auf den schwankenden Sauerstoffpegel im Blut reagieren, muss andauernd beschleunigen und wieder bremsen. Fatale Folgeschäden drohen, darunter Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt. Schon ab 20 Atemaussetzern pro Stunde steigt die Sterblichkeit an. Der Doktor vergleicht die Todesgefahr durch ausgeprägte Schlafapnoe mit der von Lungenkrebs.

Auch Patienten aus Tschechien

Mein Fall ist also bedenklich. Vielleicht brauche ich zum Schlafen eine Maske, die mit Überdruck die Atemwege offen hält. Um das zu klären, reicht ein Screening nicht. Das geht nur im Schlaflabor. Ctirad Bastl gehört zu der Handvoll niedergelassener Somnologen in Sachsen, die ein eigenes Labor betreiben. Es steht in der Sebnitzer Asklepios-Klinik, vier Messplätze, sieben Nächte die Woche in Betrieb. Auch Patienten aus Tschechien, seinem Heimatland, lässt Ctirad Bastl hier betreut schlafen. Ein tschechisches Nachrichtenmagazin widmete ihm kürzlich eine große Geschichte mit dem Titel „Doktor Spánek“ – Doktor Schlaf. Wie ein Sechser im Lotto sie das gewesen, sagt der Mediziner stolz.

Schon am nächsten Abend stehe ich mit meinem Täschchen im Krankenhausflur. Das klappt nur deshalb, weil der Termin seit vier Monaten ausgemacht ist. Ich bin somit kaum früher dran, als jeder andere Patient. Eine Schwester klebt mir Elektroden fürs EKG an, zur Vorsorge, ob ich der Untersuchung auch gewachsen bin. Sie fühlt meine Kaltschweißigkeit. Aufgeregt? Etwas. Selten schlafe ich auswärts, noch seltener im Krankenhaus. Ob ich überhaupt einschlafen kann? „So viele haben das schon geschafft“, sagt sie mütterlich, „und Sie schaffen das auch.“

Per Fahrstuhl geht es rauf in die Laborräume. Ein Flur wie alle anderen. Nur dass an den Türen Mond und Sterne kleben und der Schriftzug „Schlaf gut“. Schwester Jana empfängt mich herzlich. „Keine Angst, ich pass’ die ganze Nacht auf Sie auf.“ Sie wird vor einer Reihe Monitore sitzen, einer pro Schläfer, wird schauen, dass alle Messfühler arbeiten, wird Kamerabilder beobachten und Protokolle schreiben. Einen Trick, um munter zu bleiben, braucht sie nicht. „Die Arbeit hält mich wach“, sagt sie. Sie schläft tagsüber, und das sehr gut.

Ich kriege ein Einzelzimmer. Das ist Standard. Wenn schon in fremden Betten schlafen, dann wenigstens so störungsfrei wie möglich. Auf dem Kissen sitzt ein weißes Kuschelschäfchen. Das ist nett. Leider reicht eins nicht, um sich in den Schlaf zu zählen. Gibt es einen Tipp fürs Einschlafen? „Einfach nicht an die Kabel denken“, sagt Schwester Jana. Kurz darauf habe ich über 20 Kabel an mir dran, ein knappes Dutzend allein im Gesicht, dazu Nasenbrille, Kehlkopfmikro und den „E.T.-Finger“, der den Sauerstoffgehalt im Blut überwacht. Damit die Messtechnik sich an mich gewöhnt, muss ich „Sport“ machen, mit den Beinen zappeln, mit den Augen rollen, blinzeln, schnarchen, Luft anhalten. Bio-Eichung heißt das offiziell. Noch die Ente ans Bett gehängt, denn als Verkabelter darf ich nicht zum Klo. Gegen zehn löscht Jana das Licht. „Träumen Sie was Schönes.“

Eine Schlafposition zu finden, in der kein Elektrodenkopf zu sehr drückt, dauert seine Zeit. Immerhin fühle ich mich bettschwer. Der Schlaf wird bald kommen. Doch je länger ich liege, umso wacher werde ich. Ich lausche, auf die Autos draußen, auf die Schritte im Gang, auf den Schlag des Herzens. Woran denken? An etwas möglichst Schönes? An etwas möglichst Langweiliges? Oder an gar nichts? Ich drehe mich auf die andere Seite. Dann wieder zurück, behutsam die Kabelei hinter mir her ziehend. Schlafen an der kurzen Leine, den Geruch der Gummischläuche in der Nase, das Gesicht starr von den vielen Pflastern, ist kein Spaß. Wieder lauschen, Verkehr, Schritte, Herzschlag …

Am anderen Morgen: Ctirad Bastl sitzt wieder am Computer, mustert Zickzacklinien. Ich habe tatsächlich geschlafen. Ein zersplitterter Schlaf war es, mit vielen Wachphasen, sagt der Arzt. Geträumt habe ich sogar, das verrät ihm rasantes Augenzappeln bei minimaler Muskelspannung. Im Tief- und Traumschlaf kommt es oft zu den schwersten Atemstillständen. Aber ich hatte keine. Auch sonst ist der Arzt zufrieden. Der Befund hat sich nicht bestätigt. Woher die Aussetzer kamen, bleibt offen. „Jede Nacht ist anders“, sagt Bastl. Er entlässt mich, aber nicht für immer. Nächstes Jahr werde ich mich wieder melden müssen, zur Kontrolle, bei „Doktor Schlaf“.