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Die Nacht bei Willy

Eine Trekkinghütte in der Sächsischen Schweiz lockt mit ein bisschen Wildnis. Angst im Dunkeln sollte man nicht haben.

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© Marko Förster

Von Jörg Stock

Mitternacht im Grenzwald. Stille. Eine Stille, die fast weh tut. Städter-Ohren wollen was zu tun haben, sogar wenn der Kopf dazwischen schlafen geht. Sie wollen Autogebraus hören, Gemurmel von der Fete im Hof, Hüsteln vom Nachbarn, der die Gutenacht-Zigarette einsaugt. Doch es ist Stille. Hä? Da ist doch was! Ein Patschen und Klatschen! Etwas schlägt von draußen gegen die Hütte. Vogelschwingen? Was ist das? „Was ist das?“, fragt Ingo aus seiner Penntüte gegenüber. Ingo ist mein Bruder. Er kann Karate. Er hat den Braunen Gürtel. Kann er Flattergespenster abwehren? Hoffentlich können die Flattermänner keine Türklinken drücken. Es gibt kein anderes Hindernis zwischen ihnen und uns.

© Marko Förster
© Marko Förster
© Marko Förster

Willys Ruh, so heißt die alte Jagdhütte im Revier Rosenthal, die wenig mehr als einen Steinwurf von Tschechien entfernt am Fuße des Hühnerbergs steht. Sie soll nach Förster Willy Müller benannt sein, der in den 1960er-Jahren hier waltete, und, wer weiß, vielleicht an dieser Stelle mal ein Nickerchen tat. Seit 1. Mai dieses Jahres darf hier jeder schlafen. Der Forstbezirk Neustadt hat Willys Ruh als Trekkinghütte eröffnet. Viel Natur, aber kein Strom, kein Trinkwasser. Und Handy-Netz gibt es auch nicht. Nur ein Dach über dem Kopf und eine Pritsche unterm Hintern. Reicht das für eine gute Nacht?

Gegen 18 Uhr treffen wir von Rosenthal her ein. Eine gute Stunde Fußmarsch. Der Weg war leicht, aber die Rucksäcke wogen schwer, wegen der Wasserpullen. Die Hütte schaut uns mit großen, viereckigen Fensteraugen entgegen. Sie hat noch keine Gäste heute Abend. Und obwohl Sonnabend ist, werden wir die einzigen bleiben.

Auch Punker brauchen mal Ruhe

Herein! Ein Vorraum mit Regalen und Putzzeug, dann das „Wohnzimmer“ mit Tischen, Stühlen und einem grandiosen grünen Kachelofen, nebenan zehn Kojen, Doppelstock, obendrüber der Spitzboden für weitere Schläfer. Alles sieht sauber und ordentlich aus. Für den Ofen gibt es reichlich Holz, wie von den Förstern versprochen, und auch Zeitungspapier zum Anfeuern. Das Hamburger Abendblatt mit einer großen Seite über Leuchttürme.

Im Gästebuch ist kein Gruß aus HH. Der letzte Eintrag stammt von der linksautonomen Szene. „Auch Punker brauchen mal ein wenig Ruhe“, lese ich, und: „Prost …gegen den Staat, gegen scheiß Nazis …mit antirassistischen Grüßen!“ Die staatliche Hütte hat den Punks immerhin gefallen.

Wir werfen unsere Hüttentickets, das Stück zu zehn Euro, gekauft beim Bergsteigerbund in Dresden, in die Zahlbox des Vertrauens. Zum Abendbrot soll es Nudeln geben. Der mitgebrachte Gaskocher zischt munter. Unterdessen steige ich den Hühnerberg hinauf, krauche zwischen Fichtenbabys und Gestrüpp hindurch auf einen Kahlschlag. Und dort passiert das Wunder: Netz! Drei Balken oben rechts auf meinem Telefon. Meine Frau wundert sich, von mir zu hören. Sie bringt gerade die Kinder ins Bett. Für unseren Ausflug hat sie wenig Verständnis: „Was wollt ihr in dieser Wildnis?“

Essen! Wir richten uns vor der Hütte eine Festtafel her mit Kerzenlicht und einer Blumenvase, die ein früherer Gast aus Alufolie geknetet hat. Waldluft und Finkengesang würzen unsere Instant-Nudeln so gut, dass sie schmecken, als kämen sie aus der Gourmet-Küche. Die Mücken haben auch Hunger und piesacken uns. Wahrscheinlich wurden sie im nahen Fuchsteich ausgebrütet oder in der noch viel näheren Regentonne. Wir haben nichts mit zur Gegenwehr. Rat für alle Nachnutzer: vorsorgen!

Es wird dunkel. Wir zünden noch mehr Kerzen an. Daran ist kein Mangel. Vorherige Gäste haben ihre Kerzen hinterlassen. Auch Toilettenpapier, das man laut Hüttengebrauchsanleitung mitbringen soll, ist am Lager. Im Herzhäuschen warten gleich fünf Rollen auf Benutzung. Die Örtlichkeit ist vorzeigbar und allemal angenehmer, als so ein Plasteklo, worin einem vor lauter Mief die Sinne schwinden. Das wissen auch die Wespen, die eine Nestkugel über der Herzchenöffnung gebastelt haben. Bei unseren Geschäften lassen sie uns in Frieden.

Die Nacht ist lau. Wir öffnen jeder unsere Bierration mit dem örtlichen Kapselheber, auf dem steht: „Gibst Du der Frau die Hosen, vorbei sind die Tage der Rosen.“ Testhalber entzünde ich den Kachelofen, mit freundlicher Unterstützung des Hamburger Abendblatts. Später setzen wir uns raus auf die Bank. Die Waldmusik verebbt allmählich. Wir gucken in das Stückchen Sternenhimmel, das die Fichten für uns freundlich freigelassen haben. Ein Schatten schleicht am Boden. Erschreckt glotzt eine Kröte ins Taschenlampenlicht.

Dann klinken wir die Hüttentüre zu und kriechen auf die Pritschen und in die Schlafsäcke. Am nächsten Morgen werden wir nach dem Flattergespenst suchen und keines finden. Es wird regnen und wir werden beim Rückmarsch nass werden bis auf die Knochen. Aber wir werden zufrieden sein. Es war schön bei Dir. Danke, Willy!

www.trekkinghuetten.de