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Die neue Lust am Teilen

Wegwerfen war gestern, heute wird verschenkt. 6.000 Dresdner nutzen dafür eine Gruppe im Internet.

© Sven Ellger

Von Juliane Richter

Haarewaschen geht auch ohne Shampoo. Stattdessen reichen Natron, Apfelessig und Wasser. Wie das genau geht, hat die 26-jährige Anne-Sophie Hußler vergangene Woche im Internet auf der Facebook-Seite „Share & Care Dresden“ – zu deutsch teilen und kümmern – erklärt. Rege haben danach einige Gruppenmitglieder über den Tipp diskutiert und ihre eigenen Erfahrungen zu Natron und Co. geteilt.

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Tipps für die Herbstferien in Sachsen, Thüringen und darüber hinaus

Fast sechs Wochen ist das neue Schuljahr schon wieder alt – und damit möchten Kinder und Eltern ihre Herbstferien in ganz Sachsen und Umgebung genießen.

Helfen ohne Gegenleistung: Daniel Krüger repariert kostenlos PC’s und hat „Share & Care“-Dresden gegründet.
Helfen ohne Gegenleistung: Daniel Krüger repariert kostenlos PC’s und hat „Share & Care“-Dresden gegründet. © Norbert Millauer
Yvonne Sporreiter verschenkt Kindersachen. Katze Tinka hat sie wiederum geschenkt bekommen.
Yvonne Sporreiter verschenkt Kindersachen. Katze Tinka hat sie wiederum geschenkt bekommen. © Sven Ellger

Und genau darum geht es bei der Gruppe, die mittlerweile 6.000 Mitglieder hat. Man teilt sein Wissen, sein Werkzeug, die Erträge aus dem eigenen Obstgarten oder andere Habseligkeiten. Die meisten Einträge auf der Seite sind von Mitgliedern verfasst, die Dinge verschenken wollen. Diana Hofmann hat sich gestern zum Beispiel von ihrem Bett getrennt. In nächster Zeit soll ein neues her, das alte hat ihr nach zehn Jahren Nutzung nicht mehr gefallen. Schon wenige Minuten, nachdem sie das Bett samt Foto im Internet angepriesen hatte, meldete sich eine andere Frau und reservierte es. Wer auf der Internetplattform etwas Nützliches für sich selbst entdeckt, muss schnell sein. Das hat die 28-jährige Diana Hofmann auch schon erfahren. Sie selbst hat bisher Kleinigkeiten, wie einige Kleiderbügel ergattert. Manchmal sei der Umgang der teilnehmenden Leute miteinander recht zweckorientiert. „Für die Kleiderbügel habe ich als Dank einen Kuchen gebacken und mitgenommen“, sagt sie. Das sei aber sonst überhaupt nicht üblich – und auch nicht notwendig. Meist kommen die Leute einfach vorbei, nehmen die Sachen entgegen und sagen Danke.

Daniel Krüger erwartet kein Danke mehr. Die Sachen sollen „gegenleistungsfrei“ abgegeben werden, wie er sagt. Der 36-Jährige hat die Plattform „Share & Care Dresden“ im August 2011 mit seinem Kumpel Alexander Jobst ins Leben gerufen. Vorbild war die gleichnamige Seite aus Wien, die es mittlerweile schon auf 30.000 Mitglieder schafft. „Der Grundgedanke ist aber eigentlich das Teilen. Dass die Leute darin so viele Sachen verschenken, finde ich manchmal etwas ärgerlich“, sagt Krüger. Er selbst lebt den Gedanken, möglichst viel mit seinen Mitmenschen zu teilen, umso intensiver. Schon seit zehn Jahren bietet er in seinem Stadtteil Löbtau kostenlose Hilfe bei Computerproblemen an. „Wenn mir die Leute Geld dafür geben wollen, renne ich immer gleich weg“, sagt er. Aber klar, wenn jemand ihm etwas kocht, während er den PC repariert, freue er sich sehr.

Seit Jahren wächst die Bewegung jener Menschen, die nicht mehr um jeden Preis konsumieren müssen. Diana Hofmann nennt es die „Minimalismuswelle“. Anne-Sophie Hußler sieht darin eine neue Form von Lebenswandel, die in ihrem Fall auch die Themen Ernährung und Gesundheit umfasst. Der Austausch in diesem Bereich wird immer reger.

So will der Schweizer Verein „Pumpipumpe“ zum Beispiel das Teilen innerhalb der direkten Nachbarschaft fördern. Deshalb verschicken die Macher innerhalb der Schweiz und Deutschlands Sticker, die für den Briefkasten gedacht sind. Je nach Wahl zeigen die Sticker Gartenwerkzeug, Fahrrad, Küchenwaage, Kabeltrommel oder etwa auch einen Beamer. Die insgesamt 45 verschiedenen Motive können an den Briefkasten geklebt werden und signalisieren dem Nachbarn so, was er sich ausborgen kann. Wozu eine Bohrmaschine kaufen, wenn der Nachbar sie verleiht, ist der Grundgedanke dahinter.

Auch Yvonne Sporreiter hat das Teilen und Verschenken für sich entdeckt. Die 33-Jährige nutzt Share & Care in letzter Zeit mehrmals die Woche. Vor allem, um die Kindersachen ihres zweijährigen Sohns Luca abzugeben. „Kindersachen sind ja sehr teuer. Deshalb verschenke ich sie gern, damit noch jemand anderes sie nutzen kann.“ Immer wieder finden so zu klein gewordene Hosen, Jacken und auch Schuhe neue Besitzer.

Und Yvonne Sporreiter hat auch selbst schon von der Plattform profitiert. Für ihren Kater Wuschel hat sie lange Zeit Ausschau nach einem Artgenossen gehalten. Über die Gruppe wurden schließlich Katzenjunge angeboten, die jemand anders nicht großziehen konnte. „Tinka war erst sechs Wochen alt, als er zu uns gekommen ist“, sagt die 33-Jährige.

Egal ob Möbelstücke oder Katzen, die Palette der Angebote auf der Plattform ist breit gefächert und funktioniert. Dabei organisieren sich die Gruppenmitglieder selbst. Stellt jemand einen Beitrag ein, bei dem er für ein Angebot Geld verlangt, weisen ihn andere sofort darauf hin, dass er fehl am Platz ist. Es geht aber nicht nur um Kritik, sondern auch um Hilfe. Selbst auf die Frage, wo man günstig einen Transporter mieten kann, antworten Teilnehmer.