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Die neue Neustadt

Im März musste das Kneipenviertel wegen Corona schließen. Nach der Lockerung ist manches nicht mehr da. Auf Streife entlang einer Dresdner Meile, die nun anders feiert.

Das Licht in der Louisenstraße ist wieder da. Dass manche Bar weg oder anders ist, viele ihre Plätze halbieren mussten, fällt erst auf den zweiten Blick auf.
Das Licht in der Louisenstraße ist wieder da. Dass manche Bar weg oder anders ist, viele ihre Plätze halbieren mussten, fällt erst auf den zweiten Blick auf. © Ronald Bonß

Ein Kristallglas, ein Mann mit schulterlangen, braunen Locken und ein Löffel, der die Flüssigkeit im Glas verrührt. Was für ein Drink das ist? Frank Grahl rührt weiter. „Kaffee.“ Er sitzt auf einer Bank vor einer gelben Wand. Ein sonniger Nachmittag, die Dresdner Neustadt, kalten Kaffee trinken sicher viele. Aber er? Hunderte, wohl eher tausende kennen aus Gläsern von Frank Grahl ganz andere Drinks. 18 Jahre lang hat er im Sidedoor Cocktails zubereitet. Mojito oder Moscow Mule, mit Whisky oder Wodka, die Bandbreite an Bier war groß. Vor drei Monaten orderten Gäste dort die letzten Drinks.

18 Jahre lang hat Frank Grahl im Sidedoor an der Böhmischen Straße Cocktails gemixt. Bis der Corona-Shutdown kam.
18 Jahre lang hat Frank Grahl im Sidedoor an der Böhmischen Straße Cocktails gemixt. Bis der Corona-Shutdown kam. © Sven Ellger

„It’s the end of the world“, trällerten sie damals mit. Ob sie wirklich an das Ende glaubten, an jenen letzten Abenden vor dem Corona-Shutdown? „Du konntest erstmal überhaupt nicht einschätzen, was das bedeutet“, sagt Grahl und guckt über die Straße. Bekannte laufen am Café Sankt Pauli vorbei, er grüßt. 

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„Die Stimmung war skurril, aber nicht mal bedrohlich, sondern auch spannend.“ Im Sankt Pauli, das Grahl wie das Sidedoor mit Partner Dirk Vogel gegründet hat, gabeln Menschen jetzt wieder Essen von dekorierten Tellern. Das Sidedoor ist verschwunden.

Der letzte Abend ist ein Mittwoch Mitte März. Trauer, Trotz und Endzeit-Euphorie begleiten den Abschied in den Bars, danach wird es ruhig im Dresdner Kneipenviertel. Lichter und Reklamen erlöschen, der Pegel sinkt. Was die Barszene ausmacht, ist jetzt schädlich und verboten, es könnte dem Virus bei der Verbreitung helfen. 

In sektgetränkten Videokonferenzen wetten Stammgäste, wann es weitergehen darf, grübeln, welchen Bars Soforthilfen und Spenden genügen werden, welche nach der Pause weg sein könnten. Mit Gutscheinen und später Straßenverkauf bessern manche ihre Situation ein bisschen auf.

Überfüllt und ausgedünnt zugleich

Rund zwei Monate nach dem Shutdown fährt die Neustadt wieder hoch. Massen- und Tanzveranstaltungen bleiben verboten, die Straßen zwischen Albert- und Alaunplatz sind überfüllt und ausgedünnt zugleich. Tische müssen mindestens eineinhalb Meter voneinander entfernt stehen, die Plätze mancher Biergärten sind so begehrt, dass Gäste Schlangen für sie bilden.

Im Bautzner Tor haben am letzten Abend vor der Pause noch zwei Männer an der Theke diskutiert, ob sie in ihrem zweiten Wohnzimmer noch ein allerletztes Bier bekommen. Jetzt rafft ein Absperrband die Barhocker zusammen, niemand darf mehr an der Theke sitzen, eine Barkeeperin rafft eine klirrende Kolonie von Krügen zu einem Knäuel zusammen. 

Der Durst nach Auferstehung ebbt allmählich ab, nach einem Monat ist der Gang zur Bar für viele wieder normal geworden. Für Gäste ändert sich nicht viel, Kellnerinnen und Kellner müssen mit Masken an die Tische gehen.

Auf der Alaunstraße vermischt sich an diesem Abend unter der Woche der Geruch von Dönerfleisch mit Rauch aus einer Shishabar, ein Mann spielt Mundharmonika für eine Traube Menschen.

In der Böhmischen Straße fehlt etwas. Kein Schriftzug mit Sidedoor mehr über den Fenstern, die Theke ist abgeschraubt, die Scheiben sind vom Staub getrübt. Etwa drei Jahre hat es gedauert, ehe das Sidedoor damals gut gelaufen ist. „Das erste Jahr war furchtbar“, sagt Frank Grahl, schüttelt den Kopf und lacht. 

„Nach der riesigen Eröffnung mit 400 Leuten war kein Mensch da.“ Auch wegen des Hochwassers. Die schwarzen Diner-Bänke, eine Discokugel so groß wie ein halber Trabi und die Kunst an den Wänden waren wie die Signatur des Sidedoor, dem der Seiteneingang durch das Wohnhaus seinen Namen gab.

Die Groovestation kehrt mit drei Abenden zurück

Der Mietvertrag, den man noch mit einem anderen Eigentümer vereinbart hatte, ist dieses Frühjahr ausgelaufen. Kurz nach dem Shutdown trifft man sich zur Verhandlung über einen neuen und geht ohne Einigung auseinander. Einstige Gäste reagieren teils mit Trauer, Entrüstung und Wut, Frank Grahl geht es anders. 

„Wir haben die Zeit genutzt, um aufzuräumen - da gab es wenig Zeit, um nachzudenken“, sagt er. „Das kommt erst jetzt so langsam, wo die Leute einen so darauf ansprechen. Man merkt, dass die Beliebtheit bei den Gästen keine Täuschung war.“ Die Diner-Bänke stehen jetzt im Alten Wettbüro, die Holz-Hochstühle nimmt Grahl mit. „Ich will nochmal was Neues probieren“, sagt er und grinst. Die Discokugel hat er nur verliehen, sie baumelt jetzt im Festspielhaus von Hellerau.

Eine ähnlich große silberne Kugel hängt über einem verlassenen Hof mit hochgestellten Holz-Klappstühlen. Schon vor dem offiziellen Shutdown hat die Groovestation geschlossen. Konzerte und Partys gehörten zum Kerngeschäft der Bar im Seitenarm der Königsbrücker Straße, das Risiko war den Betreibenden zu groß. 

Hohl klingen Schritte auf dem Holzboden vor dem verlassenen Eingang, nur dumpfe Gespräche und Taubengurren sind aus dem Hintergrund zu hören. Ein Schild verrät, dass die Groovestation zumindest wieder drei Abende pro Woche geöffnet hat. Ohne Tanz, mit Abstand.

Mit den Lockerungen dürfen Menschen wieder am "Assi-Eck" abhängen, an der Ecke zwischen Louisen-, Rothenburger und Görlitzer Straße.
Mit den Lockerungen dürfen Menschen wieder am "Assi-Eck" abhängen, an der Ecke zwischen Louisen-, Rothenburger und Görlitzer Straße. © Ronald Bonß

Letzte Sonnenstrahlen tauchen die Straßen in orangefarbenes Licht und zeichnen Konturen in die Biergärten. Auf etwa die Hälfte musste der Louisengarten seine rund 240 Plätze reduzieren, um den Bestimmungen gerecht zu werden. Bierdurstige Menschen stapfen mit knirschenden Schritten durch den Kieselstein-Boden, Plexiglas schirmt jetzt die Theke ab. 

Frauen in den Mittzwanzigern tuscheln mit nach vorn gebeugten Köpfen, Familiengruppen besprechen, ob es noch eine Runde geben soll. Gegen halb neun sind nur wenige Plätze noch frei, ein großer und ein kleiner Labrador hocken neben dem Grillstand und hoffen auf Reste. Weniger Tische und mehr Plexiglas - ist das die Normalität, die sich nun durch den Sommer ziehen wird?

Am „Assi-Eck“ zwischen Louisen-, Görlitzer und Rothenburger Straße rieseln Kunden mit Flaschen aus dem Späti und füllen den Bordstein, den verordneten Abstand halten nur wenige ein. Leuchtreklamen und Ampelmännchen übernehmen die Belichtung allmählich, die Sonne verschwindet, die Nacht beginnt.

Die Görlitzer Straße entlang haben die meisten Läden Stühle, Bänke, manchmal Stufen auf dem Gehsteig aufgebaut, im Freien ist die Ansteckungsgefahr geringer. Geöffnete Fenster und Türen ragen in die Straße rein, drinnen sitzt fast nur, wer draußen keinen Platz gefunden hat. Vor der Zille verrät eine Tafel das Programm für die „Sitz-Disko“, die es neuerdings statt Tanzpartys gibt, im Madness hüllen Reggae-Musik und sternförmiges Licht trinkende Menschen in eine lauschige Atmosphäre.

Daneben führt die Kunsthofpassage aus der Görlitzer in die Alaunstraße, wo Stefan Grunwald in einen Knacker beißt. Der 32-Jährige hat sich mit einer Flasche Weißwein vor die Boys Bar gesetzt, die er seit zehn Jahren mit seinem Mann betreibt. Über Kopfhöher lauscht er dem Stream, den die DJane und Dragqueen Lara Liqueur gerade im Inneren der Bar aufnimmt. Mit einem DJ-Kollegen und einem Zauberer unterhält Lara die Gäste, die seit drei Monaten nicht mehr ins Boys kommen dürfen.

"Ich sehe die Lockerungen eher kritisch"

„Das Boys lebt davon, dass allein lebende Menschen mit anderen in Kontakt kommen und tanzen. So lange die Abstandsregeln gelten, machen wir nicht auf“, sagt Grunwald. „Wir sind relativ entspannt, haben die Zeit genutzt, um runter zu kommen, zu reflektieren, zu neuen Ideen zu kommen.“ Die Maßnahmen habe er von Anfang an in Ordnung gefunden. „Auch ich kenne Leute, die alt oder krank sind, die in der Pflege arbeiten. Wir als Bar sind ja auch gleich so ein Hotspot für Infektionen. Natürlich brechen viele Umsätze weg, trotzdem sehe ich die schnellen Lockerungen eher kritisch.“

Das Boys öffnet erst wieder, wenn die Abstandsregeln fallen. "Ich will kein Ampelsystem an der Theke einführen, damit die Leute sich nicht zu nahe kommen", sagt Betreiber Stefan Grunwald.
Das Boys öffnet erst wieder, wenn die Abstandsregeln fallen. "Ich will kein Ampelsystem an der Theke einführen, damit die Leute sich nicht zu nahe kommen", sagt Betreiber Stefan Grunwald. © Ronald Bonß

Für die Hilfen der Stadt Dresden und des Staats sei er sehr dankbar, Geld brachten außerdem die Whiskey- und Cocktailschulungen via Internet und Spenden durch die Streams. „Wir sind als Boys Bar für die queere Szene da, außerdem für unsere freiberuflichen Künstler. Wir haben gesagt, dass wir was für sie machen müssen.“ 

Seit einigen Wochen verkauft das Boys wieder Cocktails und Bowle aus dem Fenster, das Stammpublikum nimmt das gerne an. „Wir haben ein spezielles Publikum, das ist unser Vorteil. Man kriegt gerade nicht die Emotionen zurück, die es sonst im Bargeschäft gibt, wenn man zum Beispiel Tricks beim Mixen von Cocktails macht, umso mehr freuen wir uns auf die Zeit nach Corona.“

Anonyme Anzeigen gegen Schwulenbars

Andere Schwulenbars in Dresden haben anonyme Anzeigen erhalten, auch das Boys hat jemand nach einem Stream bei der Polizei gemeldet. „Das wurde dann eingestellt, aber ich weiß, dass es weitere Anzeigen gäbe, wenn wir öffnen.“ Gastronomen, mit denen Grunwald spricht, würden wie er mit einer zweiten, vielleicht einer dritten Welle rechnen. 

„Unsere Künstler halten uns in guten wie schlechten Zeiten die Fahne, umgekehrt würden wir sie dann auch nicht hängen lassen.“ Das „Wir-Gefühl“, den Zusammenhalt habe die Krise gestärkt, meint Stefan Grunwald. „Ich hoffe, das nehmen wir daraus mit.“

Lara Liqueur spaziert aus der Bar, der Stream ist vorbei. „Es war toll, mich mal wieder verzaubern zu lassen“, schwärmt sie, wirft eine violette Strähne über die Schulter und zündet eine Zigarette an. In den ersten Wochen der Krise streamte Lara Liqueur vom eigenen Wohnzimmer aus und legte als DJane auf. 

„Aber irgendwann hat es mich eher runtergezogen, weil das Publikum gefehlt hat“, sagt sie. „Eine ganze Weile habe ich gar nichts gemacht, dann kam zum Glück der Alberthafen auf mich zu, ich konnte am Männertag und Pfingsten spielen, da kam der Optimismus voll zurück.“

Stefan Grunwald zündet Kerzen an, tänzelt in die Bar und guckt dann über grüne Pflanzen hinweg aus dem Fenster auf die Straße, rotes Licht beleuchtet sein Gesicht. „Zum Glück ist es jetzt so schön draußen“, sagt Lara. „Im Herbst wäre der Lockdown viel schlimmer gewesen.“ Ein bisschen sitzt sie noch in der Nacht. Heute soll es aber nicht zu lange gehen.

Lara Liqueur darf wieder vor Menschen spielen. Dass sie nicht bekannter sei, sagt die Dragqueen und DJane, komme ihr gerade ganz recht. "Sonst könnte ich ja nur in Autokinos spielen."
Lara Liqueur darf wieder vor Menschen spielen. Dass sie nicht bekannter sei, sagt die Dragqueen und DJane, komme ihr gerade ganz recht. "Sonst könnte ich ja nur in Autokinos spielen." © Ronald Bonß

Gegen 23.30 Uhr ist das „Assi-Eck“ weniger gefüllt als am Vortag, als die Polizei vorbeigekommen war. Ein Mann mit Einkaufswagen wackelt am Bordstein entlang, sucht Leergut und anderen Krimskrams, der ihm nützlich sein könnte. 

Menschengruppen spicken seinen Weg, einige haben Musikboxen dabei, Gelächter mischt sich mit Gitarrenriffs. Zwei Männer mit der selben Frisur an unterschiedlichen Stellen spähen wie Wachleute inmitten der sitzenden Gruppen in die Ferne. Der eine trägt die weißblonde Haarspalte auf dem Kopf, der andere am Kinn.

Ein paar Bars haben Gäste längst gebeten, reinzukommen, vor den Kneipen der Görlitzer Straße sind die meisten Plätze noch gefüllt. Schilder bitten vor Bars um Abstand, das durchzusetzen, gelingt nicht immer. Eine Frau mit langem Pferdeschwanz tappt um Mitternacht mit einem Meer aus Kerzen aus der Eingangstür, eine andere hält sich die Hände vors Gesicht und strahlt, alle stimmen ein, sie singen „Happy birthday“ für die nunmehr 26-Jährige. Perlen aus Luft wandern in Sektkelchen an die Oberfläche, man stößt an, die Gefeierte dankt lachend für die Glückwünsche.

Dass sie ihren Geburtstag vor einer geöffneten Zille feiern würde, konnte diese nunmehr 26-Jährige in der Mitte der Runde vor drei Monaten nicht ahnen.
Dass sie ihren Geburtstag vor einer geöffneten Zille feiern würde, konnte diese nunmehr 26-Jährige in der Mitte der Runde vor drei Monaten nicht ahnen. © Ronald Bonß

Ums Eck wuselt Josi hinter der Theke umher, vier Zapfhähne glänzen golden vor dem Gesicht der Barkeeperin im Little Creatures. Zu Beginn des Lockdowns hat sie gesagt, dass es einsam und langweilig werden könnte. „Ich hab die Zeit aber ehrlich gesagt genossen. Auch diesen Abstand, dass man nicht mehr alle umarmen muss.“ 

Josi hat in der Zwischenzeit renoviert. Auf die roten Wände hat sie goldene Figuren von Shrek und anderen Fabelwesen gemalt, die früheren Holzbretter sind einem antiken Regal mit goldenen Säulen gewichen, das eine Armee mit Schnapsflaschen beherbergt. „Ich konnte die Bar nach acht Jahren nicht mehr sehen, bin froh, dass es jetzt neu ist.“

Ein Stammgast bestellt noch ein Bier, ein paar andere spielen Karten. „Die Leute holen das jetzt erstmal alle auf, aber es ist auch Sommer und viele hängen lieber draußen rum, im Alaunpark zum Beispiel.“ In einer Cointreau-Flasche tropft eine brennende Kerze vor sich hin, Josi verabschiedet Gäste mit „Nachti Nachti, kommt gut nach Hause.“ 

Nach der Öffnung, sagt sie, „war mega viel los, aber da haben sie noch nicht richtig getrunken, sondern sich alles nur angeguckt. Am Tag danach war übelst viel Saufen. Jetzt lassen die Leute es wieder etwas langsamer angehen.“ Josi steckt Gläser auf Bürsten im Spülwasser, schüttelt Eiswürfel in einem Cocktail-Mixer, kassiert Menschen mit Bargeld-Knappheit ab. Unter einem Tattoo mit einer Wodka-Flasche zieren eine Brennnessel, Löwenzahn und eine Distel ihren Arm. „Unkraut vergeht nicht“, sagt sie und lacht.

Bis zum Corona-Shutdown konnte Josi im Little Creatures zwei Biere vom Fass anbieten, jetzt sind es vier. Die Zeit ohne Gäste hat sie zum Renovieren genutzt.
Bis zum Corona-Shutdown konnte Josi im Little Creatures zwei Biere vom Fass anbieten, jetzt sind es vier. Die Zeit ohne Gäste hat sie zum Renovieren genutzt. © Ronald Bonß

Das „Assi-Eck“ leert sich allmählich, ein Mann torkelt tanzend über die Kreuzung, ein rotes Ampelmännchen verbietet den Menschen eher pro forma, die Straße zu betreten. „Irgendwie leer heute“, sagt ein Karohemd-Träger auf einem Fensterbrett zu seinem Kumpel. Gegen zwei Uhr haben viele Bars ihre letzten Runden ausgegeben, weisen Gäste mit der Bitte ab, doch morgen wiederzukommen.

 Warum heute so früh Feierabend ist? Ein Barkeeper in der Louisenstraße zieht Plissees über Fenster und zuckt mit den Schultern. „Is’ halt manchmal so.“ In der Görlitzer Straße schreit ein Mann, dass er das Gesicht seines Gegenübers über Schienen ziehen werde und schmettert eine Flasche auf den Boden, Umstehende reißen die Streitenden auseinander, ein Mann klaubt Scherben auf. Die Lichter erlöschen allmählich, für diesen Abend ist es vielen genug.

"Dem Sidedoor nachzutrauern, wäre totaler Quatsch"

In der Jordanstraße wird bald ein neues Licht angehen. Wo früher das Restaurant Villandry Speisen servierte, eröffnen Frank Grahl und Dirk Vogel bald ihren neuen Laden. Wechselnde Kunst könnte auch dann wieder an den Wänden hängen. „Die Grundwerte aus dem Sidedoor bleiben gleich“, sagt Grahl. „Weniger Livemusik, mehr Essen.“ 

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Im August soll es mit einer Hochzeit starten, die eigentlich im Sidedoor stattgefunden hätte. Manches ist auch in Corona-Zeiten nicht aufgehoben, nur aufgeschoben. „Dem Sidedoor nachzutrauern, wäre totaler Quatsch. Der Gedanke an eine Veränderung war sowieso schon da. Man hat’s teilweise gescheut, es gab nicht die Möglichkeit, jetzt kam alles zusammen.“ Eins sei ihm noch wichtig, sagt Grahl: „Ich möchte nicht jammern, eher genau das Gegenteil: Positiv denken und sagen ‚Ich leg‘ jetzt los’. Es geht jetzt vorwärts“

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