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„Die Ost-Vergangenheit färbt ab“

Die bekannte YouTube-Moderatorin Aline Abboud im großen Interview über ihre DDR-Familiengeschichte, die Macht der Angst, und die Politisierung der Jugend.

„Die Medienredaktionen müssten viel stärker durchmischt werden“, sagt Aline Abboud, Moderatorin bei den ZDF-Nachrichten.
„Die Medienredaktionen müssten viel stärker durchmischt werden“, sagt Aline Abboud, Moderatorin bei den ZDF-Nachrichten. © Jennifer Fey

Aline Abboud trägt mehrere Stempel, das sagt sie von sich selbst. Sie hat einen libanesischen Vater und wurde in Ostberlin geboren, und sie ist eine junge Frau im männerdominierten Nachrichtengeschehen des ZDF: Sie moderiert die Nachrichtensendung „heute Xpress“ und ist Redakteurin bei „heute“. Seit einem halben Jahr ist die 1988 geborene Abboud außerdem das Gesicht des Youtube-Magazins „Die da oben“. Es läuft unter dem Dach von „Funk“, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, das sich an junge Zuschauerinnen und Zuschauer richtet.

Frau Abboud, als Moderatorin eines jungen Youtube-Formats: Wie nehmen Sie die jungen Leute heute wahr?

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Wenn ich mir überlege, wie wenig ich mich als Jugendliche politisch interessiert habe, ist die Jugend heute sehr viel engagierter. Seit die rechtspopulistischen Bewegungen in ganz Europa erstarken, interessieren sich gerade auch jüngere Leute mehr dafür, was in der Welt los ist. Das liegt natürlich auch an der Digitalisierung. Wir bekommen viel mehr davon mit, was auf der Welt los ist.

Doch die Jungen gehen heutzutage nicht nur gegen den Rechtsruck oder zu Fridays for Future auf die Straße. Ein Viertel der 18- bis 24-Jährigen in Sachsen haben die rechtspopulistische AfD gewählt. Wie erklären Sie sich das?

Was junge Menschen wählen, liegt meiner Meinung nach auch daran, in welchem Elternhaus sie aufgewachsen sind. Und dort wird eben oft aus Trotz und Protest gegen die alten Parteien gewählt. Ich möchte aber niemandem seine freie Meinung absprechen, jeder kann wählen, was er oder sie will. Das ist ja das Schöne an unserer Demokratie.

Sie verstehen es also, dass die AfD in Sachsen 28 Prozent der Wählerstimmen erreichen konnte?

Für mich persönlich ergibt es keinen Sinn, dass Menschen rechtspopulistische Positionen unterstützen, es entspricht nicht meinen persönlichen Werten und auch nicht der deutschen demokratischen Grundhaltung. Ich finde es auch aus unserer Geschichte heraus überraschend, dass jemand eine Partei wählen kann, die offen rechtsextremistische Positionen unterstützt. Aber dass Menschen aus der Verzweiflung heraus zu anderen Mitteln greifen, überrascht mich nicht. Die Menschen haben dafür Gründe und die möchte ich verstehen.

Indem man mit den Leuten redet?

Man muss sie ernst nehmen, solange sie nicht rechtsradikale Positionen vertreten. Ich war schon immer ein sehr diplomatischer Mensch und habe immer versucht, beide Positionen zu sehen. Jeder hat Gründe für sein Verhalten. Es war auch ein Fehler der Politiker, dass sie in den letzten Jahren nicht mehr zu den Menschen gegangen sind und den Diskurs gesucht haben. Die Leute brauchen Menschen, die ihnen die Hand schütteln und sagen: Wir kriegen das schon hin. Das reicht manchmal schon. Dafür sind Politikerinnen und Politiker auch da, dafür werden sie bezahlt.

Wo finden Sie Erklärungen für das Erstarken der rechten Positionen?

Der Mauerfall war für einige ein Hoffnungsschimmer, für andere ein Trauma. Er hat Spuren hinterlassen, die man nicht mehr los wird. Man kann die Emotionen von Menschen nur schlecht lindern, kann sie nicht durch andere Emotionen so einfach überschreiben. Die Rechtspopulisten packen die Menschen nun an ihren tiefsten Ängsten. Und da bleiben sie dann auch gern, weil es auch bequem ist, in der Opferrolle zu stecken.

Sie wurden 1988 in Ostberlin geboren. Wie ist das in Ihrer Familie? Spielt die DDR-Vergangenheit da noch eine Rolle?

Ja, eine große, und das färbt auch auf mich ab. Mein halber Haushalt besteht aus DDR-Geräten oder Möbeln, die ich von meinen Eltern, Großeltern und weiterer Verwandtschaft geerbt habe. Ich liebe Jägerschnitzel mit Nudeln und Tomatensauce. Ich sage immer „Kaufhalle“ statt „Supermarkt“, weil meine Mutter darauf bestanden hat. Seit ein paar Jahren wird dieser Teil meiner Herkunft in der Öffentlichkeit noch mehr auf mich projiziert, darum beschäftige ich mich zunehmend damit.

Wie hat Ihre Familie die Wende erlebt?

Viele meiner Verwandten wurden nach 1989 arbeitslos und hinterher zu unwürdigen Bedingungen eingestellt, trotz oft höherer Qualifizierung Es mussten Prüfungen erneut abgelegt werden, obwohl die Menschen jahrzehntelang in dem Bereich gearbeitet hatten. Abschlüsse und Berufserfahrung wurden nicht anerkannt. Es mangelte massiv an Wertschätzung. Leider bis heute.

Was macht das mit Ihnen, wenn Sie diese Geschichten hören?

Ich fühle mich dieser Erfahrung sehr nah, zumal die Erlebnisse immer wieder erzählt werden. Dabei ging es uns als Akademikerfamilie sogar noch verhältnismäßig gut. Aber natürlich mussten auch wir uns in dieser neuen Welt zurechtfinden. Dieser Teil der Geschichte spielt in der gesamten Rezeption von 30 Jahren Mauerfall kaum eine Rolle, dass für viele Menschen im Osten von heute auf morgen einfach etwas fehlte. Ich halte es für einen riesigen Fehler der Wiedervereinigung, dass sie nicht gleichberechtigt vollzogen wurde.

Wie hätte das aussehen sollen?

Wieso hat man nicht überlegt, was aus der DDR übernommen werden kann? Zum Beispiel das Schul- oder Kindergartensystem, das doch wirklich gut aufgestellt war. Die Ostler hätten sich wertgeschätzt gefühlt, wenn man gesagt hätte, dass einige Dinge auch gut waren und funktionieren.

Fühlen Sie sich als Ostdeutsche?

Lange habe ich das nicht getan. Aber vor Jahren ging die Diskussion über die Frauenquote los, und ich fragte mich: Wozu soll das gut sein, es ist doch selbstverständlich, dass Frauen in Führungspositionen sind. Ich habe es einfach nicht verstanden, denn ich hatte ja immer weibliche Vorbilder gehabt: Meine Großmutter war Führungskraft in einer Klinik, meine Mutter hat kurz nach meiner Geburt wieder Vollzeit gearbeitet. Da wurde mir klar, dass ich natürlich ostdeutsch sozialisiert bin und die Diskussion über eine Frauenquote eine westdeutsche Diskussion ist.

Sind Sie immer noch gegen die Frauenquote?

Nein. Mittlerweile weiß ich leider, dass der Hase auch anders laufen kann. Und ich würde immer dafür kämpfen, dass Frauen die gleichen Chancen auf Führungspositionen haben wie Männer.

Die Erwerbstätigkeit von Frauen war in der DDR nicht immer selbst gewählt. Vielleicht wären manche auch gern länger zu Hause geblieben nach der Geburt der Kinder.

Es nervt mich, wenn gesagt wird, dass Frauen nur gearbeitet haben, weil der Staat das so wollte. Sicher spielte das eine Rolle, aber es gab den Frauen trotzdem Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein. Das betrifft aber den ganzen Blick auf die ehemalige DDR. Man könnte ja auch sagen: Vieles hat gut geklappt, es gab einen großen sozialen Zusammenhalt, Mann und Frau waren gleichberechtigt und durch die relative Gleichstellung gab es weniger Neid untereinander. Das ist der westliche Blick, der nur das Negative an der DDR sehen will. Und der setzt sich leider bis heute fort.

Wie meinen Sie das?

Die Bundesländer hinter der ehemaligen Mauer werden zum Teil oft gar nicht wahrgenommen. Es betrifft auch die Art und Weise der Berichterstattung. Im Nachgang der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen habe ich öfter die Formulierung gelesen, wenn es um Wählerinnen und Wähler ging, die die rechtspopulistische Partei gewählt haben: „Was ist denn da schiefgelaufen?“ Ich finde das unerhört, als wäre dem Menschen irgendetwas auf den Kopf gefallen. Dabei hat er eine Wahl getroffen.

Was könnte man gegen diesen einseitigen Blick tun?

Die Medienredaktionen müssten viel stärker durchmischt werden in Bezug auf Ost und West, Mann und Frau und natürlich auch in Bezug auf den sogenannten Migrationshintergrund. Wir sind eine diverse Gesellschaft, das muss sich auch in den Redaktionen widerspiegeln. So würden Themen und Begrifflichkeiten vielfältiger werden. Wenn ich mit meinen – übertrieben gesagt – vielen Quoten in der Redaktionskonferenz des ZDF sitze, kommen ganz andere Themen zur Sprache. Das gilt auch für das junge Publikum.

Das durch die tradierten Medien nicht mehr so stark erreicht wird.

Klar, aber sollte man es deshalb aufgeben? Die Medien sollten es nutzen, dass die jungen Leute heute so stark politisiert sind wie noch nie. Vielleicht erreicht man sie nicht mehr über lineare Nachrichtensendungen. Aber gerade weil es eine solche Masse an Nachrichten im Internet gibt, ist es umso wichtiger, dass wir konzentrierte Hintergründe liefern. Insofern denke ich, dass die Rolle der klassischen Medien sogar noch wichtiger wird.

Das Youtube-Format „Die da oben“, das Sie moderieren, bringt jungen Zuschauerinnen und Zuschauern Themen aus dem Bundestag nahe. Wieso machen Sie das?

Gerade bei jungen Leuten hat man noch die Chance, sie auf einen anderen Pfad zu bringen. Es ist so wichtig, ihnen die Kompetenz mitzugeben, wie sie sich eine Meinung bilden können – damit sie zu ihren eigenen politischen Entscheidungen kommen können.

Das Gespräch führte Johanna Lemke.

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