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Die Pistenlegende

Kurt Hennrich aus Kliny mischte einst an der Spitze der Wintersportelite mit.Bislang hat ihn kein Tscheche übertroffen. Noch heute schnallt der 80-Jährige die Skier an

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Von Steffen Neumann

Etwa 700 Meter vor dem Ziel passierte es. Der damals 24-Jährige Kurt Hennrich hatte Probleme mit dem rechten Ski und musste die restliche Strecke nur auf dem linken Ski absolvieren. „So kam ich nicht mehr an dem Briten vorbei, der eine Minute vor mir gestartet war“, erinnert sich Hennrich an seinen Olympia-Abfahrtslauf. Während heute der nächste Starter erst auf die Piste geschickt wird, wenn der vor ihm schon durch das Ziel ist, wurde damals noch eine Art Verfolgungsrennen gefahren. Dazu waren die Skier noch aus Holz, die Bindungen hatten so klangvolle Namen wie Kandahar, wurden aber im Volksmund nur Knochenbrecher genannt. Da kann schon mal etwas kaputt gehen. Es war 1956 in Cortina d’Ampezzo, Olympische Winterspiele im Abfahrtslauf, die Strecke anspruchsvoll. Über ein Drittel der Starter musste aufgeben, einige waren gar nicht erst angetreten. Insofern war schon Hennrichs Ein-Ski-Ankunft ein Erfolg. „Mein Kamerad Evzen Cermak rief mir aber gleich zu, dass ich eine tolle Zeit gefahren bin“, erzählt Hennrich. Drei Minuten und 1,5 Sekunden hieß am Ende Platz 7. Wer weiß, wenn der rechte Ski gehalten hätte, wäre Hennrich womöglich noch aufs Treppchen gefahren. Doch Hennrich hielt sich nicht damit auf, wie es ohne Skiproblem ausgegangen wäre. „Ich war stolz, die Franzosen, Schweden und Amerikaner waren alle hinter mir“, freut sich Hennrich noch heute. Er hatte in seiner Karriere zwar auch bessere Platzierungen, aber der Erfolg bei Olympia steht für ihn über allem. Bis heute wird er darauf angesprochen. Und seine Platzierung ist im Abfahrtslauf bei Olympia in Tschechien bisher unübertroffen.

Und das ausgerechnet von Hennrich, dem Erzgebirgler. Geboren in Drmaly (Türmaul) wohnt er noch heute im benachbarten Vysoka Pec (Hochofen). Während seine Kollegen in der Nationalmannschaft ausnahmslos im Riesengebirge oder der Tatra trainierten, stand sein Haushang in Kliny (Göhren) im Osterzgebirge. Dazu kommt, dass er sich seine Fahrtechnik ganz allein beibrachte. „Ich hatte einen schnörkellosen Fahrstil, war immer für die kurzen Wege“, beschreibt er seine Technik, die er bevorzugt zwischen Bäumen trainierte. „Ich war nicht leichtsinnig, aber das Risiko habe ich geliebt“, so Hennrich weiter und erzählt die passende Geschichte: „Als ich bei einem Rennen in der Tatra Zeit verloren hatte, holte ich sie durch eine Schussfahrt im mittleren Teil wieder auf, an deren Ende ich durch zwei Bäume hindurch musste. Angeblich wollte keiner hinsehen, aber die Zeit stimmte.“

So kam es, dass er mit 22 Jahren zur Nationalmannschaft stieß. Etwas mehr als zwei Jahre später, feierte er in Cortina seinen größten Triumph. Es sollte seine einzige Olympia-Teilnahme als Aktiver bleiben. Ins amerikanische Squaw Valley vier Jahre später schickte die Tschechoslowakei aus finanziellen Gründen keine Athleten. Erst in Innsbruck 1964 war er wieder dabei, damals aber schon als Trainer.

Fit durch Holzhacken

Seinem Haushang in Kliny ist er treu geblieben. Lange Zeit war er dort Trainer. „Einen der Lifte habe ich mit aufgebaut“, erzählt der heute 80-Jährige. Dass Hennrich, der von sich selbst sagt, sich mit Holzhacken fit zu halten, in den letzten Jahren seltener zum Skifahren kommt, liegt aber nicht daran, dass er schon zu alt wäre. Hennrich hat auf seine alten Tage eine Firma gegründet, die es ihm manchmal Monate nicht erlaubt, die Skier anzuschnallen. Und letztes Jahr hielt ihn ein Oberschenkelhalsbruch ab. Seitdem trägt er jede Menge Metall mit sich herum. „Die Knochen sind aber wieder schön zusammengewachsen“, klopft er auf den Holztisch und freut sich schon auf nächste Woche. Dann findet in seinem Kliny das Rennen Old-Cup statt, das sein Sohn Petr gegründet hat. Spätestens dann wird der Olympionik wieder auf den Brettern stehen.