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"Die Politik schadet uns mehr als der Klimawandel"

Vor allem um die Situation der Landwirte ging es am vierten Tag der SZ-Wahlwanderung. Einer von ihnen wird sehr deutlich.

Am vierten Tag ihrer Wahlwanderung trafen die SZ-Reporterinnen Theresa Hellwig (l.) und Marleen Hollenbach unter anderem den Vorsitzenden der Agrofarm Göda, Bernhard John.
Am vierten Tag ihrer Wahlwanderung trafen die SZ-Reporterinnen Theresa Hellwig (l.) und Marleen Hollenbach unter anderem den Vorsitzenden der Agrofarm Göda, Bernhard John. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen/Crostwitz. Bernhard John hat sich gut vorbereitet. Er grinst kurz und streicht dann die Landkarte glatt, die er extra ausgedruckt hat: Wandern, das ist sein Metier. Die Alpen, Österreich, Hütten – da verbringt er jede freie Minute, erzählt der Landwirt. Kein Wunder also, dass er das Tempo an diesem vierten Tag unserer Wahlwanderung ganz schön anzieht. 16 Kilometer sind es von Bautzen nach Crostwitz – es wäre gelogen, zu sagen, dass wir keinen Respekt haben. Wo doch schon Schuhe und Rucksack drücken. Weil uns die Via Regia an den Feldern der Agrofarm Göda vorbei führt, begleitet der Geschäftsführer uns bis Dreikretscham.

Auch ihn beschäftigen die Wahlen, auch er möchte uns davon erzählen. Und so führt er uns vorbei an Mais und Kartoffeln. „Das Problem für uns Landwirte sind die vielen Richtlinien“, sagt John. „Die machen uns kaputt.“ John deutet mit der Hand in die Ferne, fragt: „Wie sollen wir denn da mit Asien oder Amerika mithalten?“ Wir fragen ihn: Was ist mit den vielen Fördermitteln, die jedes Jahr in die Landwirtschaft gehen? Sicher, die helfen ein bisschen – gut findet John sie trotzdem nicht. Lieber wäre es ihm, es gäbe das Geld nicht und die Landwirte könnten einen eigenen Weg finden, um am Markt zu bestehen. „58 Milliarden Euro des EU-Haushaltes gehen jedes Jahr in die Landwirtschaft“, sagt er, „es ist schwer, den Leuten das zu vermitteln.“

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Die vierte Etappe der SZ-Wahlwanderung führte von Bautzen nach Crostwitz.
Die vierte Etappe der SZ-Wahlwanderung führte von Bautzen nach Crostwitz. © SZ-Grafik

Regeln, immer mehr Regeln gibt es, ärgert sich der 62-Jährige. Wir stapfen mit ihm über frisch gemähtes Gras, es knackt unter unseren Füßen. Diese Wiese sei da so ein Beispiel. Es wäre gut für die umliegenden Dörfer wie Nieder- und Oberuhna, wenn hier immer Gras wachsen würde – denn das hält Wassermassen bei Starkregen besser ab als Mais oder Rüben. Auch für John wäre es okay, würde hier immer Gras wachsen - Futter für seine Kühe. Aber es sind abermals Regeln, die dem im Wege stehen. „Wir haben die Wiese als Ackerland gepachtet. Spätestens nach fünf Jahren müssen wir etwas anderes anbauen als Gras“, erklärt der Landwirt seine Misere. Und wenn nicht? Dann verliert die Fläche an Wert und er muss dem Verpächter den hohen Ausgleich zahlen – keine echte Option für ihn.

Weiter geht es über einen Feldweg. John ist in Fahrt gekommen. „Die CO2-Steuer“, sagt er, „das ist ein Quatsch hoch drei!“ Im Vergleich zu vielen anderen Ländern, so sein Argument, stößt Deutschland doch wenig aus. Und eine Fleischsteuer? „Die ist auch Quatsch“, sagt er. Dann wird er deutlich: „Die Politik schadet der Landwirtschaft mehr als der Klimawandel.“ Kurz darauf erzählt er trotzdem von den Ernteausfällen durch die Dürre, die auf einigen seiner Felder zu Totalausfällen führte. „Nur von der Landwirtschaft zu leben, das wäre schwierig“, sagt er. Die Agrofarm Göda stützt sich deshalb mittlerweile noch auf andere Gewerbe: Die Agrargenossenschaft hat Biogasanlagen, vermietet Wohnungen, vertreibt Melkanlagen. An einer Kurve lässt Bernhard John sich mit dem Auto abholen, wir haben noch ein paar Kilometer zu meistern.

Weil uns der Magen knurrt, suchen wir nach einer Gaststätte. Das ist gar nicht so einfach – am Ende führt uns ein Schild zur Landbäckerei Richter in Storcha. Wer dort einkaufen möchte, muss eine Auffahrt hinauflaufen und steht dann vor einem Wohnhaus mit einer Terrasse voller Grünpflanzen. Kurzum: Die Landbäckerei macht ihrem Namen alle Ehre. Einfach ist es nicht als Dorfbäcker, erzählt Silvia Richter, während sie uns zwei Brötchen verkauft. Es ist unklar, wer die Bäckerei eines Tages übernehmen soll – alle Kinder sind fortgezogen.

Die Preise für Zutaten werden teurer, aber die Preise für Brot anzuziehen, das traut sie sich nicht – denn schon jetzt beobachtet sie, dass die Verkaufszahlen zurückgehen. „Die Leute kriegen ihr Brot auch woanders“, sagt sie – und trotzdem wird immer nach einem großen Sortiment gefragt. „Das Handwerk hat es nicht leicht“, sagt Richter und im gleichen Atemzug: „Das ist eben so, ich möchte nicht jammern.“ Trotzdem beobachtet sie diese Entwicklung mit Sorge. Immer, wenn sie ihren Sohn in den USA besucht, wird sie daran erinnert. „Dort ist das Handwerk bereits kaputt!“, sagt sie. Wenn sich dort doch mal ein echter Bäcker an einen Ort verirrt hat, ist das Brot kaum bezahlbar. „Irgendwann wird es bei uns ähnlich sein“, vermutet Silvia Richter.

SZ-Reporterin Marleen Hollenbach (r.) im Gespräch mit dem jungen Sorben Ignac Wjesela und seiner Freundin Anna-Rosina Selma.   
SZ-Reporterin Marleen Hollenbach (r.) im Gespräch mit dem jungen Sorben Ignac Wjesela und seiner Freundin Anna-Rosina Selma.    © Theresa Hellwig

Gestärkt ziehen wir weiter in Richtung Crostwitz. Dort treffen wir Ignac Wjesela, und der fällt gleich mit der Tür ins Haus: „Ich spreche nicht gerne Deutsch“, sagt er. Doch weil wir ihn auf Sorbisch nicht verstehen würden, macht er eine Ausnahme. Der Bio-Bauer hat uns auf seinen Hof eingeladen. Neben uns auf der Bank schläft eine rote Katze. Tauben gurren. Ruhig und idyllisch wirkt der Ort. Und ruhig ist auch der 25-Jährige. Zumindest anfangs. Als das Wort "Politik" fällt, schlägt er eine schärferen Ton an. Schon über die Wahlplakate könnte er sich aufregen, meint er. 

"Ich habe mir schon überlegt, ob ich die Plakate runternehme, die nicht auf Sorbisch sind", sagt der junge Mann. In einem Ort, in dem fast jeder Sorbisch zur Muttersprache hat, müsse man die Aufschriften einfach übersetzen. Alles andere sei respektlos, findet er. Und noch eine Sache bringt ihn so richtig in Rage. "Die etablierten Parteien haben versprochen, dass genug Sorben vertreten sind, aber dieses Versprechen wird gebrochen", sagt Wjesela. Dass zum Beispiel der Sorbe Heiko Kosel bei den Linken nur noch auf Listenpatz 60 stehe, kann er nicht verstehen. Auf dieser Position habe er ja keine Chance auf einen Platz im Landtag, meint er. Sein Fazit: Damit die Sorben an Einfluss nicht verlieren, müssen sie für sich selber einstehen. Ignac Wjesela engagiert sich für die Lausitzer Allianz. Für sie trat er zur Kreistagswahl an, bekam aber zu wenig Stimmen. Auch den Serbski Sejm unterstützt er, ein umstrittenes sorbisches Parlament.

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Wir merken schnell, wie wichtig seine Herkunft für ihn ist, die Tradition. Wenn er uns erklärt, dass er unlängst sogar seinen Ausweis ändern ließ, damit jetzt die sorbische Variante seines Nachnamens darin steht, dann leuchten seine blauen Augen. "Es ist einfach so ein schöner Name mit so einer schönen Bedeutung", erklärt er uns. Wjesela - die Freude. Überhaupt hält er es für unheimlich wichtig, dass die Spache weitergetragen wird. Wjesela erzählt von jungen Sorben, die sauer auf ihre Eltern sind, weil sie sie nicht zweisprachig erzogen haben. Doch er beobachtet auch, dass immer mehr stolz darauf sind, Sorben zu sein. "Als ich 15 Jahre alt war, da fanden es viele in meinem Alter cool, Zigarette zu rauchen und Deutsch zu reden. Das hat sich gewandelt", erklärt er uns.

Während die Katze ihre Schlafposition wechselt, schultern wir unsere Rucksäcke. Die Nacht werden wir in Crostwitz verbringen. Morgen startet schon der letzte Tage unserer Reise.

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