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"Die Politiker sollen mich in Ruhe lassen"

Hubert Lange holt Künstler nach Nebelschütz. Den SZ-Wahlwanderinnen erzählt er von seinem alternativen Leben.

Hubert Lange ist Mitglied im Nebelschützer Verein Steinleicht. Jedes Jahr organisiert er mit anderen die Bildhauerwerkstatt, Den SZ-Reporterinnen  hat er erzählt, wofür sein Herz aber noch viel mehr schlägt.
Hubert Lange ist Mitglied im Nebelschützer Verein Steinleicht. Jedes Jahr organisiert er mit anderen die Bildhauerwerkstatt, Den SZ-Reporterinnen hat er erzählt, wofür sein Herz aber noch viel mehr schlägt. © Steffen Unger

Nebelschütz. Noch ist es recht ruhig am Steinbruch bei Miltitz. Wespen summen an diesem Freitagvormittag durch die Luft, ein paar Regentropfen zeichnen Kreise in den See. Schon am Sonntag wird es hier anders aussehen und lauter zugehen. Zehn Künstler werden im Rahmen der alljährlichen Bildhauerwerkstatt Granit bearbeiten, Schrott-Teile verformen und Holz in Szene setzen. Hubert Lange vom Verein Steinleicht hat uns an diesem letzten Tag unserer Wahlwanderung auf der Via Regia abgefangen und uns an diesen Ort gebracht.

Jetzt führt er uns vorbei an Beeten im Stil der naturnahen Permakultur. Er hat Studentenblumen neben Zucchini gepflanzt und Kräuter unter Tomaten. Die Pflanzen helfen sich gegenseitig, schützen sich vor Krankheiten, erklärt er uns. Lange will uns aber auch die menschengroßen Stein-Skulpturen zeigen. Er streicht mit der Hand über eine Kuhle, die in den Granit geformt ist. „Eine Vogeltränke“, erklärt er. Die sind typisch für die Skulpturen, die hier auf dem Gelände stehen: ein Zeichen für den Respekt gegenüber der Natur.

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Die fünfte und letzte Etappe führte die SZ-Reporterinnen von Crostwitz nach Nebelschütz.
Die fünfte und letzte Etappe führte die SZ-Reporterinnen von Crostwitz nach Nebelschütz. © SZ-Grafik

Immer wieder kommen Besucher in das kleine Biotop: Kunst-Interessierte, Naturliebhaber, Wanderer und Politiker. Erst vor wenigen Tagen hat Hubert Lange wieder eine Grünen-Politikerin begrüßt. Er hat ihre Fragen beantwortet. Selbstverständlich ist das aber nicht, wenn man ihn reden hört: „Die Politiker sollen mich in Ruhe lassen“, sagt der 59-Jährige nämlich zu uns, als wir ihn fragen, mit welcher Stimmung er in die Landtagswahl geht. Über die Politikverdrossenheit vieler wundere er sich gar nicht, sprudelt es aus ihm heraus. „Mehr als 150 Millionen Euro für die Beratung des Verteidigungsministeriums – wie wollen die denn das rechtfertigen?“, fragt er und gestikuliert mit der Hand in der Luft. „Stattdessen“, so erzählt er uns bei einem Glas Apfelschorle, „sollte die Politik Steuern wieder nutzen, um zu steuern“. 

Wenn Gelder in die Bullenmast fließen, dann ärgert ihn das – besser aufgehoben wäre die Unterstützung bei jenen, die weniger Düngemittel nutzen, die auf Pestizide verzichten oder anderes Gutes für die Umwelt tun. „Wenn wir so weitermachen, wie bisher, wird das das Sterben der Gesellschaft bedeuten“, zeichnet Lange ein düsteres Szenario, während er im Sonnenschein sitzt, der durch die Äste fällt.

Viele Jahre lebte Hubert Lange als Diplom-Agraringenieur selber ein recht klassisches Leben, dann begann er zu hinterfragen. Nun träumt er von einer Anlage, die CO2-neutral Energie gewinnt. Hubert Lange hatte auf Fördermittel gehofft, aber die bekam er nicht. Trotzdem möchte er die Anlage eines Tages anschaffen, so er denn das Geld dafür zusammensparen kann. Und er ist nicht der Einzige in Nebelschütz, der von einem alternativen Landleben träumt. „Die Ruth kann euch mehr dazu erzählen“, sagt Lange und winkt uns in sein Auto.

Vor einem Dorfladen stoppt er sein Fahrzeug und bringt uns zu der 53-Jährigen, die gerade an der Kasse steht. In Gläsern lagern eingelegte Früchte. Ruth Tinschert hat Essig angesetzt, buntes Gemüse liegt in Kisten: kleine, unförmige Gurken, wie man sie sonst eher nicht im Laden zu sehen bekommt neben weißen Zucchini und Kräutern.

SZ-Reporterin Theresa Hellwig (l.) im Gespräch mit Ruth Tinschert, die in Nebelschütz einen Bioladen betreibt.
SZ-Reporterin Theresa Hellwig (l.) im Gespräch mit Ruth Tinschert, die in Nebelschütz einen Bioladen betreibt. © Marleen Hollenbach

Als Tinscherts Kinder aus ihrem Haus am Leipziger Stadtrand ausgezogen waren, beschloss sie vor zwei Jahren, dass sie etwas Neues möchte. Nun gehört sie zu denen, weshalb Nebelschütz immer wieder als Vorzeigedorf in den Medien landet. Zu denjenigen, wegen derer sich etwas bewegt in der Gemeinde. Denn gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern hat Tinschert Grünflächen im Ort im Permakultur-Stil umgestaltet. Nach ihrem Umzug raus auf‘s Land war nicht immer alles leicht, erzählt sie uns. Die Busse fahren selten. Weil sie sich kein Auto leisten kann, läuft sie oft zu Fuß nach Kamenz – und auch dort bekommt sie nicht immer alles, was sie braucht. Will sie mit dem Zug nach Leipzig fahren, verpasse sie grundsätzlich den Anschluss. Diese Dinge könnte die Politik anpacken, findet sie.

Überhaupt bewegt sich nicht immer alles so schnell, wie Tinschert sich das wünscht. Weil viele doch lieber zum nächsten Supermarkt fahren, macht ihr Laden zu wenig Umsatz. Ob sie ihn am Leben halten kann, weiß sie noch nicht. „Vielleicht bin ich zu ungeduldig“, vermutet sie – und sagt dann: „Ich wurde hier aber gut aufgenommen.“ Sorge hatte sie, dass sie im sorbischen Gebiet Probleme mit der Sprache bekommt – doch erlebt hat sie das nicht. „Die Leute nehmen Rücksicht“, sagt sie. „Ich fühle mich hier wohl.“ Dann schließt sie die Ladentür zu – Mittagspause.

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Eigentlich würden auch wir gern mittagessen, doch wie schon an den vorangegangenen Tagen finden wir keine Gaststätte, die geöffnet hat. Und wir haben noch ein Problem. Auf einen Bus nach Kamenz müssten wir ewig warten. Spontan entscheiden wir uns dafür, die Strecke noch ein paar Kilometer zu verlängern. Sogar auf den letzten Metern fallen wir mit unseren Rucksäcken auf. Eine Frau am Gartenzaun zeigt uns den Weg, ohne, dass wir lange fragen müssen. Mehrere Autofahrer winken uns zu. Fast ein bisschen schade, dass unsere Reise schon zu Ende ist.

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