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Die politischen Lokale

Im wiedereröffneten Bergkeller traf sich in den 30ern das Reichsbanner der SPD. Wo kamen andere Parteien zusammen?

Von Kai-Uwe Schwokowski und Kathrin Krüger-Mlaouhia

Mit der Neueröffnung des Restaurants Bergkeller in Zschieschen lebt ein Stück Großenhainer Geschichte wieder auf. Hier war bis 1933 der Veranstaltungs- und Versammlungsort der Kampforganisation der SPD in Großenhain, des Reichsbanners. Trotzdem viele Dokumente durch die Nationalsozialisten vernichtet worden sind, hat sich im Stadtarchiv eine Mitteilung erhalten. Darin werden alle Mitglieder des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Ortsverein Großenhain/Sa. für Mittwoch, den 18. November 1931, nachmittags um 6 Uhr zu einer wichtigen Mitgliederversammlung in das Restaurant zum Bergkeller in Zschieschen (Saal) eingeladen. Als erster Tagesordnungspunkt neben dem Kassenbericht und Verschiedenes stand ein Vortrag „Wie verhalte ich mich vor Gericht“. Referent war der Dresdner Rechtsanwalt Lothar Günther, der die Reichsbannerleute im „Neul-Prozess“ verteidigt hatte. Dem ging eine Schlägerei der Großenhainer Nazis mit dem Reichsbanner im Januar 1931 voraus. Dieser sogenannte Landfriedensbruch-Prozess erregte sachsenweite Aufmerksamkeit.

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Stammlokal der NSDAP waren früher Lischkes Bierstuben, die heutige Gaststätte Bretschneider.Das Gewerkschaftsheim, Radeburger Straße 4, war Treffpunkt der Sozialisten. Später „Großenhainer Hof“.Karte:Jann.
Stammlokal der NSDAP waren früher Lischkes Bierstuben, die heutige Gaststätte Bretschneider.Das Gewerkschaftsheim, Radeburger Straße 4, war Treffpunkt der Sozialisten. Später „Großenhainer Hof“.Karte:Jann.
In Meyers Gaststätten bzw. im Bad Volkswohl traf sich die KPD-Kampforganisation Rot-Front-Kämpferbund.
In Meyers Gaststätten bzw. im Bad Volkswohl traf sich die KPD-Kampforganisation Rot-Front-Kämpferbund.
Der Bergkeller war früher Versammlungsort der SPD-Kampforganisation Reichsbanner. Jede große Partei hatte damals eine solche Truppe für den Straßenkampf.Fotos: K.-Dieter Brühl
Der Bergkeller war früher Versammlungsort der SPD-Kampforganisation Reichsbanner. Jede große Partei hatte damals eine solche Truppe für den Straßenkampf.Fotos: K.-Dieter Brühl

Jeder hatte seine Stammkneipe

Weiter wird für Sonnabend, den 26. Dezember 1931, abends 7 Uhr auf einen republikanischen Abend im Bergkeller aufmerksam gemacht. Dabei wirkten mit Kamerad Willy Götze, Dresden, ferner die Hauskapelle. Anschließend fand ein Tänzchen statt. Erklärt wird weiter, dass Kamerad Götze Ernstes und Heiteres bietet. „Wer sich einmal in dieser so ernsten und düsteren Zeit so recht auslachen will, der solle kommen.“ Der Eintrittspreis wurde so niedrig wie möglich gehalten. Unterzeichnet ist die Mitteilung durch den Vorstand im Auftrag Zöllner. Den Abschluss der Einladung bildete ein Aufruf, die Front gegen den Faschismus zu stärken.

Nicht nur der Bergkeller war damals ein mehr oder weniger politisches Lokal. Alle Parteien in der Stadt hatten ihre Stammkneipe. In Meyers Gaststätten bzw. im damals noch vorhandenen Bad Volkswohl davor traf sich der Rot-Front-Kämpferbund. Er war für die KPD das, was das Reichsbanner für die Sozialdemokraten war: die Truppe für den damals üblichen Straßenkampf.

Heute kommt in Meyers Gaststätten gelegentlich die CDU zusammen, die sich bisher auch oft im Café Faust getroffen hat. Wirtin Andrea Dreßler sitzt für die CDU im Stadtrat, Bäcker Faust war es vorher. Eine Kampftruppe hatte in den 20er, 30er Jahren auch die NSDAP. Das war die SA (Sturmabteilung). Deren Anhänger trafen sich in der Gaststätte Zur alten Burg im Frongässchen 6. Heute ist das Gebäude in der Nähe der Heinestraße Wohnhaus. Damals gehörte es dem Nationalsozialisten Walter Neul. Die NSDAP-Leute hatten Lischkes Bierstuben, die heutige Gaststätte Bretschneider, zu ihrem Lokal auserkoren. Ein Zufall, dass hier in der Neuzeit auch die NPD-Ortstruppe gegründet wurde?

Eine weitere wichtige Partei in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg war die Deutsche Volkspartei (DVP). Sie stellte damals viele Stadträte. Ihr Kampfbund war der Stahlhelm-Bund der Frontsoldaten. 1923 wurde die Ortsgruppe in Großenhain gebildet. Deren Stammkneipe war das damalige Deutsche Haus in der Schlossstraße, die heutige Creative Factory. Der Stahlhelm wurde unter Hitler in die SA überführt.

Daraus wurde der Großenhainer Hof

Die SPD traf sich im ehemaligen Gewerkschaftsheim in der Radeburger Straße 4. Das war das Stammlokal der Großenhainer Arbeiterschaft seit 1878. Inhaber war der Sozialist Hermann Börner. Vor der Bezeichnung Gewerkschaftsheim ab 1918 sprach man deshalb von Börners Restaurant.

Nach der Besetzung durch die SA erwarb Familie Heinrich Berndt von der Bergbrauerei Zschieschen durch Zwangsversteigerung das Gebäude und eröffnete schließlich am 13. Dezember 1933 die Gaststätte als Großenhainer Hof wieder.