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Die Polizei rüstet auf, die Kriminellen auch

Trotz moderner Methoden wie der künstlichen DNA nehmen die Straftaten in der Oberlausitz zu.

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© dpa

Von Frank Seibel

Das Teuerste sind die Schilder. Ansonsten kostet es nur ein paar Euro, um unsichtbare Spuren auf Kabelrollen, Traktoren, Computern oder auch Brillant-Colliers zu hinterlassen, die jedem Dieb schnell die Laune verderben können. Denn wenn ein Polizist mit einer Spezial-Taschenlampe diese schönen Dinge anleuchtet, sieht er auf einen Blick: aha, geklaut! So geht das mit der künstlichen DNA, einem speziellen Lack, in dem man einen persönlichen Code in winzig kleinen Partikeln hinterlassen kann. Damit die teuren Sachen aber gar nicht erst gestohlen werden, ist es gut, schön deutlich auf die Wunderwaffe aufmerksam zu machen. Dann, weiß Mario Steiner, kann man Einbrecher oder Diebe ziemlich wirkungsvoll abschrecken. Steiner ist der Experte für die sogenannte künstliche DNA in der Polizeidirektion Görlitz. Seit einem Jahr arbeitet die Polizei im Rahmen eines Modellprojektes mit dieser Technologie. Jetzt standen erste Erfahrungen damit im Mittelpunkt des ersten Sicherheitsstammtisches in der Görlitzer Landskron Brauerei. Doch handfeste Erfolgserlebnisse aus der Oberlausitz kann die Polizei bislang nicht vermelden. Dafür verwies Steiner auf Erkenntnisse aus anderen Regionen. In Bremen beispielsweise seien ganze Quartiere mit dem Superlack ausgestattet worden. Dazu gab es große Hinweisschilder. „Binnen weniger Jahre ist dort die Zahl der Einbrüche um acht Prozent zurückgegangen“, sagte Steiner.

Das gefiel dem Innenminister und dem sächsischen Polizeipräsidenten, das gefiel im Prinzip auch dem Görlitzer Oberbürgermeister – aber der meldete auch leichte Bedenken an. Oft dauere es nicht lange, dann hätten Straftäter den technischen Vorsprung der anderen Seite aufgeholt.

Zwei Vertreter des Vattenfall-Konzerns berichteten von vielen Versuchen, Kabeldiebe in den Tagebauen zu stoppen – doch trotz Absperrungen, Kontrollen und künstlicher DNA sei die Zahl der Diebstähle nicht zurückgegangen, sondern leicht gestiegen. Das liege vor allem daran, sagte Vattenfall-Mann Toni Genahl, dass die Diebe immer professioneller arbeiten und immer besser organisiert seien. Deutsche und Polen arbeiten mittlerweile sogar zusammen, wenn es um den Diebstahl von Metall oder von Baumaschinen gehe, sagte Toni Genahl.

Auch eine erste vorläufige Bilanz des Oberlausitzer Polizeichefs Conny Stiehl ließ mehr Skepsis als Freude am Sicherheitsstammtisch aufkommen. Nach einem eher entspannten ersten Halbjahr 2013 hätten die Verbrecher im zweiten Halbjahr ordentlich zugelegt und die Statistik verhagelt. Autodiebstahl, Einbruch, Diebstahl allgemein: Überall liegen die Zahlen höher als im Jahr zuvor, das durchweg von einem Rückgang der Kriminalität geprägt war, sagte der Polizeichef.

So sah der Vorsitzende der Auto-Innung in der Oberlausitz, der Löbauer Autohändler Uwe Henkel, wie so oft bei ähnlichen Anlässen an diesem Abend vor allem Grund zur Enttäuschung. „Ich kann das Wort Prävention bald nicht mehr hören“, sagte er. Seit Jahren würden Erfolge im Kampf gegen die Kriminalität in der Grenzregion gefordert, „aber die Ergebnisse bleiben aus“. Und er machte erneut Andeutungen in Richtung Selbstjustiz: „Irgendwann müssen wir selbst Maßnahmen ergreifen, die nicht alle rechtmäßig sein werden.“

Als dann noch davon die Rede war, dass die Polizei manchen Dieb aus Polen oder Tschechien gar nicht mehr festnehme, weil er ohnehin vom Richter wieder laufen gelassen werde, griff Landespolizeipräsident Rainer Kann ein und warnte vor Stimmungsmache. „Wir verfolgen jede Straftat“, betonte er. Im Rechtsstaat müsse die Polizei es den Gerichten überlassen, ob es einen Haftbefehl gegen einen Verdächtigen gibt oder nicht.

Auch der Görlitzer Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu widersprach dem Eindruck, dass Verbrecher in Polen schon vor den deutschen Behörden sicher seien. Die Zusammenarbeit mit der polnischen Polizei nannte er vorbildlich. Und als er kürzlich an einem Sonntagvormittag in Polen die Wohnung eines Verdächtigen durchsuchen wollte, habe er innerhalb einer Stunde die Genehmigung von den zuständigen Behörden bekommen.

An einem richtigen Stammtisch hätten die Wogen hochschlagen können. Aber obwohl man in der Brauerei tagte, gab es keinen Tropfen Bier am Tisch, sondern nur Fassbrause. Vielleicht trug das zur gesitteten Debatte bei. Vielleicht war es aber auch nur die Anwesenheit von Innenminister Markus Ulbig, der stolz darauf verwies, dass bei den Polizeistreifen in der Grenzregion nicht gespart werde, obwohl Sachsens Polizei Personal abbauen muss. Aber gerade das betrachtet der Görlitzer OB Siegfried Deinege mit Sorge: „Wie soll das weitergehen, wenn es trotz stärkerer Polizeipräsenz mehr Straftaten gibt?“