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Die Polizei zog den Stecker

Großenhain. Vor 25 Jahren wurde die IG „Populäre Musik“ in der Röderstadt gegründet.

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Von Andreas Gruno

Sie waren der seelenlosen Entwicklung der DDR-Jugendmusik in den 80er Jahren überdrüssig. Sie brannten für echte musikalische Kreativität mit Tiefgang. Anfang zwanzig waren sie damals – vier junge Typen, die den Blick und das Gehör vieler Gleichaltriger erweitern wollten. Reichlich Potential an künstlerischer Vielfalt und Qualität gab es, allerdings oft nur im Untergrund. Zum anderen bestand einfach das Bedürfnis, anspruchsvolle Musik live vor Ort zu holen und die scheinbare Allmacht der Schmalspur-Diskotheken ad absurdum zu führen.

Kein Telefon für Normalbürger

So gründete sich am 3. November 1981 im Saal des Ratskellers die Interessengemeinschaft „Populäre Musik“. Es ging damals nicht anders, man musste irgendwo organisiert sein. Die FDJ als Basis schied aus, denn systemkonformes Denken war nicht ihr Ding. Also wählten sie das kleinere Übel, gingen zum Kulturbund (KB). Dort waren sie genauso unter Beobachtung der zuständigen Organe wie anderswo, zumal die IG als eine der öffentlichkeitswirksamsten Gemeinschaften des KB galt („SZ“ 12/ 1983).

Zur Gründungsveranstaltung kamen 31 Leute, welche zum Teil später aktiv mitarbeiteten. „Für diese Tätigkeit zur weiteren Durchsetzung unserer kulturpolitischen Aufgaben“ – so der Originaltext der Urkunden – wurden Hans-Peter „Hannes“ Schmieder (Leitung), Jürgen „Fisch“ Fischer (Finanzen), Thomas „King“ König (Promotion) und Andreas „Arno“ Gruno (Organisation) als Leitungsmitglieder berufen.

In den folgenden fünf Jahren entstand ein niveauvolles, breit gefächertes Programm vom einfachen Lied mit Puppenspiel über Folk, Blues, Rock, Jazz bis zu Klassikanleihen und visiophonem Spektakel.

Organisatorisch waren einige Hürden zu nehmen. Schon allein, weil „schnell mal anrufen“ nur erschwert möglich war, denn im Normalbürger-Haushalt gab es kein Telefon. Werbeplakate wurden von Hand gestaltet und in Geschäften verteilt. Der Studentenclub des IfL, das Jugendtanzzentrum Horizont, der Zabeltitzer Gasthof Schneider, der wunderschöne Zschillegarten sowie das Sozialgebäude der Schmiede wurden zum Podium der Interessengemeinschaft.

Weniger angenehm ist das Heavy-Rock-Konzert von „MCB Meter“ im Zschillegarten in Erinnerung. Dort zogen die Freunde und Helfer in Grün gleich mal den Stecker, weil es angeblich zu laut war. Als weitere Episode zu diesem Veranstaltungsort sollen die Worte von Stefan Diestelmann stehen: „Auf‘m Friedhof spiele ich nicht!“ Er ließ sich nicht beschwichtigen, also musste trotz Sonnenschein der Schlechtwetterausweich herhalten.

Die zumeist brechend vollen Veranstaltungen bewiesen, dass ein kulturelles Vakuum in der Stadt Großenhain und im Kreis mit Leben erfüllt wurde. Auch wenn dies einige Damen und Herren nicht gerade mit Wohlwollen registrierten. So gab es nach mancher Veranstaltung Aussprachen mit Vertretern entsprechender Dienststellen, die ihrerseits das Ziel verfolgten, weitere Aktivitäten der IG zu unterbinden. Das lief oft nicht ganz fair gegenüber den Jugendlichen, die einen Großteil ihrer Freizeit nutzten, in der Stadt etwas zu bewegen und persönliches Interesse mit kulturpolitischem Anspruch verknüpften.

Langhaarige waren suspekt

Da störten sich die Obrigen beispielsweise an diesen Langhaarigen, welche den Rest der Nacht bis zum ersten Zug in Schlafsäcken auf dem Bahnhof verbrachten. Dieses Bild passte so gar nicht zum Flair des beschaulichen Garnisons-Bürger-Städtchens. Dann wieder schien ein angeblich zu Bruch gegangenes Toilettenbecken im Jugendtanzzentrum Grund genug, den Enthusiasmus der Macher drosseln zu wollen.

Jedoch die Kraft und Seele des Blues, die Wucht des Rock, die Freiheit des Jazz und Folks sowie der Zauber des Musiktheaters ließen die vier nicht los. Sie suchten nach immer neuen Alternativenund ließen sich von den Kleingeistern nicht unterkriegen.