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Die Posaune ist ihr Leben

Lysann Kümmel ist Chefin der Posaunenchöre im Kirchenbezirk Meißen. Mit 29 Jahren ist sie die jüngste in diesem Amt.

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Von Christiane Raatz

Nahezu jede freie Minute ist bei Lysann Kümmel verplant. Sie spielt Posaune und Klavier, singt im Kirchenchor, ist Mitglied im Bläserkreis und im Landesposaunenrat. Ihr wichtigstes Ehrenamt: Als ephorale Chorleiterin hat sie die Oberhand über die 20 Posaunenchöre im Kirchenbezirk Meißen. Sie koordiniert die Auftritte von rund 200 Bläsern, organisiert Posaunenfeste und regelmäßige Treffen. „Eigentlich füllt die Musik meine Freizeit komplett aus“, erzählt die 29-Jährige.

Richtig laut spielen

Musik gehört für sie einfach dazu: Mit 12 Jahren lernte sie Klavier, kurze Zeit später begann sie mit Trompete und ist mit 14 Jahren auf Posaune umgestiegen. Dabei ist sie bis heute geblieben: „Der volle Klang und der Schall des Instruments in einer Kirche sind erhebend“, erklärt sie die Faszination. „Außerdem kann man damit richtig schön laut spielen“, fügt sie lachend hinzu. Von Bach und Schubert über Volkslieder bis hin zu Jazz und Blues – die Hobby-Musikerin entlockt ihrer Posaune die verschiedensten Klänge. Dabei ist ihr das ursprüngliche Anliegen der Posaunenbläser wichtig: Die Botschaft von Gott in die Welt zu tragen – mit jeder Art von Musik. Der christliche Glauben spielt eine große Rolle in ihrem Leben, aber die richtigen Worte zu finden fällt Lysann schwer. „Ich drücke meine Gefühle eben lieber mit der Posaune aus“, so Kümmel. Ein typisches Fraueninstrument ist die sperrige Posaune allerdings nicht. Bis vor wenigen Jahren bestanden die Posaunenchöre vor allem aus Männern. Erst in der letzten Zeit sind immer mehr Frauen in den Ensembles hinzugekommen.

Bedenken bei ihrer Wahl zur Chorleiterin vor eineinhalb Jahren hatte es nicht gegeben, einstimmig haben sich die Posaunenchöre für Lysann entschieden. Eine Frau trifft man selten in dieser Position, noch dazu ist sie mit 29 Jahren die jüngste Amtsinhaberin in Sachsen. Für Lysann ist es aber eher ein Hobby: „Ich organisiere sehr gern und mir macht es Spaß, mit Menschen zusammen zu arbeiten“, sagt sie.

Das Posauneblasen hat bei den Kümmels Tradition: Auch ihre Mutter und ihre ältere Schwester spielen das Instrument. Als jüngstes von insgesamt fünf Geschwistern ist Lysann in Dittmannsdorf bei Freiberg aufgewachsen. Auch heute noch lebt sie in ihrem Elternhaus: Im Erdgeschoss wohnen ihre Eltern, in der zweiten Etage ihr Bruder mit Frau und drei Kindern. Unter dem Dach hat sie ihr Zimmer, gleich neben ihrer Schwester. Teeküche und Wohnzimmer nutzen sie zusammen. „Unsere Jugend-WG“, scherzt sie. Zum Essen trifft sich die Familie oft in der großen Küche, meist kümmert sich die Mutter um die Mahlzeiten. „Hotel Mama ist sehr bequem“, sagt sie. „Sonst hätte ich noch weniger Freizeit“.

Neun Menschen unter einem Dach, da ist immer etwas los, so Lysann. Sie hängt an ihrem Elternhaus und mag das turbulente Leben in der Großfamilie.

Direkt hinter dem Haus beginnt das weite Feld. „Ich bin ein Dorfmensch, in der Stadt könnte ich nicht leben“, so Kümmel. Jeden Tag pendelt sie nach Dresden, dort arbeitet sie als Rechtsanwaltsfachangestellte in einer Kanzlei. Der Ausflug in die Stadt genügt ihr. Sie braucht die Natur, die Ruhe und ihren Freiraum. In dem großen Haus kann sie ungestört musizieren.

Hotel Mama ist bequem

„In einer ruhigen Minute setze ich mich auch schon mal an das Klavier“, sagt die junge Frau. Dann spielt sie meist Stücke von Yann Tiersen, der die Musik für den französischen Kultfilm „Die fabelhafte Welt der Amélie“ komponiert hat. Das Klavier steht in der „guten Stube“, dem Herzstück des zweistöckigen Hauses. Hier trifft sich die Familie zu besonderen Anlässen wie etwa Geburtstagen oder Taufen. Eine große Festtafel wird dann in dem Wohnzimmer mit den antiken Möbeln aufgestellt. Das dunkelbraun-marmorierte Buffet mit den Holzverzierungen und der verglaste Bücherschrank sind Erbstücke, mit denen sich viele Erinnerungen verbinden. „Die Möbel stammen von Opa Karl“, erzählt Lysann Kümmel. Irgendwann hat die Familie die kleinen Schätze auf dem Dachboden wiederentdeckt.

Lysann Kümmel ist ein Familienmensch. „Es ist wichtig zu wissen, woher man kommt“, sagt sie. Deshalb hat sie jetzt noch ein Projekt in Angriff genommen: Den Stammbaum ihrer Familie zu verfassen.

Im Moment bleibt ihr allerdings kaum Zeit dafür, denn die Vorbereitungen für den deutschen Posaunentag laufen auf Hochtouren. 15000 Bläser spielen gemeinsam auf dem Augustusplatz in Leipzig. Und Lysann muss den Auftritt ihrer Posaunenchöre organisieren.