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Die Post neben dem Gemüse

Im einstigen sozialen Musterland ist der Postdienst längst in Supermärkte ausgelagert.

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Von André Anwar

Ich hätte gerne die Sachen hier – und dann ist da noch ein Einschreiben“, sagt die Kundin in der kleinen Supermarktfiliale ICA in Hornstull in Stockholm. Dabei legt sie ihren Personalausweis, eine Fertigpizza und Gemüse auf das Laufband. Die Kassiererin ruft über Mikrofon ihren Kollegen im Lager. Der eilt herbei und kümmert sich um die Postsache, während sie die Lebensmittel abrechnet. Dass die Aufgaben der Post in Supermärkten, Kiosken und Tankstellen erledigt werden, findet in Schweden niemand mehr seltsam.

In Schweden werden Pakete nicht zur Post, sondern in den Supermarkt gebracht. Viele Kunden halten das für eine die Erleichterung. Foto: posten.se/Juha Rahkonen
In Schweden werden Pakete nicht zur Post, sondern in den Supermarkt gebracht. Viele Kunden halten das für eine die Erleichterung. Foto: posten.se/Juha Rahkonen

Schweden war 1993 das erste Land Europas, das den Postmarkt deregulierte. Anfangs waren die Kunden misstrauisch, trotz des schlechten Rufs der Post aufgrund unfreundlicher Bedienung und langer Schlangen. „Die Post ist so tief im Verständnis einer Nation verwurzelt. Inzwischen gibt es aber eigentlich kaum Kritiker mehr“, sagt Susanne Flyckt, die bei der Post die Umstrukturierung begleitet hat.

Für Privatkunden hat sich die 2001 begonnene Auslagerung der Postdienste in über 1600 Supermärkte und Kioske gelohnt. Der Weg für die Aufgabe oder die Abholung von Paketen und Briefen hat sich deutlich verkürzt, ebenso die Wartezeiten. Es gibt deutlich mehr Servicestellen. Zudem profitieren die Kunden von längeren Öffnungszeiten, die im Durchschnitt zwischen acht Uhr morgens und 22 Uhr liegen.

Auch alles rund um den Basispostdienst, wie Briefmarken und Briefumschläge, kann bei den Poststellenvertretern erworben werden. Zusätzlich können Kunden bei über 2 200 Einzelhändlern Briefmarken ohne Aufschlag kaufen. Von den knapp 2 000 offiziellen Filialen der Post wurden 400 zentral liegende in Poststellen für Unternehmen umgewandelt. Die anderen sind verschwunden.

Nach der Reform ist das Servicenetz engmaschiger geworden. Den Kiosken und Supermärkten sind zusätzliche Einnahmen willkommen. Sie werden per bearbeitetem Postauftrag bezahlt. Bei der Post sinken so die Fixkosten. Das Porto wurde seit 2001 kaum erhöht. Die schwedische Bank Nordea hat 2009 auch die Kassenservicefilialen der Post übernommen. Inzwischen sind auch die Kassen der Supermarktketten kleine Bankfilialen, in denen Geld abgehoben werden kann.

Die Kehrseite der Flexibilisierung ist der Abbau von 1 000 Arbeitsplätzen pro Jahr zwischen 2001 und 2008. Weitere Arbeitsplätze fielen durch die Zusammenlegung der schwedischen Post 2009 mit der staatlichen dänischen weg. Beide Staaten sind weiterhin die Eigentümer.

„Wir standen hinter der Umwandlung“, sagt Alf Kellström, damals Chef für den Postbereich bei der großen Gewerkschaft Seko, dieser Zeitung. „Wir wussten, dass Kunden bessere Öffnungszeiten und mehr Filialen haben wollten. Das konnten wir mit den alten Strukturen nicht bieten.“

„Mit der Reform hat sich die Post ganz gut auf gewinnbringende Gebiete spezialisiert und die anderen Bereiche Dienstleistern überlassen, die es besser machen können“, sagt Postmanagerin Flyckt. Einen wichtigen Bereich im Postmarkt der Zukunft sieht sie im Handel per Internet. „Es werden mehr und mehr Pakete über Internetvermittlungen verschickt, und es ist ja immer noch die Post, die diese letztlich transportiert.“