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Die Puppenmacherin

Siegrun Zenker aus Weißig fertigt aus Vinyl und Stoff Babypuppen – mit garantiert lebensechten Pausbäckchen.

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In der guten Stube haben sich alle versammelt. Der kleine Martin schläft noch im Stubenwagen, Franz sitzt mit seinen Geschwistern auf der geräumigen, apricotfarbenen Eckcouch, die Großen stehen vor den weißen Gardinen am Fenster. Hui, sind das viele in dem kleinen Zimmer. Und alle haben sich für den Besuch fein gemacht, sind ganz still und brav und lächeln mit ihren rosigen Pausbäckchen selig in die Runde. Die perfekte Illusion hat sich Siegrun Zenker zwischen rustikaler Schrankwand und Standuhr geschaffen. Die echten Menschen müssen sich da schon etwas anstrengen, Adventsschmuck verrücken oder Puppen verschieben, um auch einen Platz in dem sonnigen Raum zu ergattern. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Herr Zenker – seines Zeichens Modelleisenbahnfan –, während er im feinen Porzellan den heißen Kaffee serviert.

Vor sechs Jahren ist aus seinem gemütlichen Haus in dem kleinen Dörfchen Weißig eine Puppenwerkstatt geworden. Zuvor ähnelte es dagegen eher einer Art Mini-Museum. „Die Puppen waren wirklich überall“, erinnert sich die Ehefrau, „auf dem Sofa, in den Schränken.“ Ihre Leidenschaft für Puppen war eben schon immer groß gewesen. Doch irgendwann reichte Siegrun Zenker das Kaufen und Dekorieren nicht mehr aus. Im Laufe der Jahre hatte sie eine ganz genaue Vorstellung von der perfekten Babypuppe entwickelt. Und so verkaufte die blonde Frau ihr Potpourri an bunten Mädchenträumen und finanzierte sich damit den Start als Puppenmacherin.

Einfach einen Bausatz bestellen – ein Reborn-Set gibt es im Internet schon für 30 bis 80Euro – funktioniert aber nicht, weiß Siegrun Zenker, nachdem sie viele schlechte Beispiele gesehen hat. Sie selbst stellte ihre erste lebensechte Babypuppe in einem Kurs her. Lernte dort, aus den teuren Genisis-Farben aus den USA die richtige Hautfarbe zu mischen und auf das Vinyl des Puppenkörpers mit dem Pinsel einzustampfen, um die Farbe dann in einem speziellen Ofen einzubrennen. Lernte, die Wimpern und Kopfhaare aus Mohair mit einer großen Nadel durch das Plastik zu ziehen und mit dem Skalpell eine nicht zu große oder zu kleine Öffnung für die Lauschaer Glasaugen zu schneiden. Und lernte auch, den Stoffkörper mit Füllstoff zu stopfen und mit Glasperlen für das richtige Gewicht zu beschweren, um die Puppe perfekt zu machen.

Monate hat Siegrun Zenker an ihrem kleinen Arbeitstisch im Partykeller verbracht, während ihr Mann im gegenüberliegenden Raum an den Eisenbahnen baute oder sich auch schon mal ums Mittagessen kümmerte. „Man muss hintereinander weg arbeiten“, erklärt die Puppenmacherin, die hauptberuflich Fahrkartenverkäuferin ist. Hat sie Dienst auf den Bahnhöfen in Meißen oder Großenhain, ist an ihr Hobby nicht zu denken. Ein, zwei Tage müsse man erst einmal runterfahren, damit die Hände ruhig feine blaue Äderchen auftragen oder die Fingernägel mit einem zarten Weiß überziehen können. Am besten gehe das im Urlaub, dann nimmt sie sich gleich zwei Bausätze mit einem Mal vor, um die Zeiten im Ofen oder zum Trocknen zu überbrücken. Sieben neue Modelle liegen derzeit unangetastet in Kartons. Viele hat sich Siegrun Zenker von der Puppenmesse in Eschwege letztes Wochenende mitgebracht. Doch die müssen noch bis zu den nächsten freien Tagen im Januar warten, bis sie vielleicht auch einen Platz auf der Couch bekommen.

Einen Stammplatz hat bereits Martin: Der trägt nicht nur den Namen des zweiten Enkels, sondern auch dessen Züge. Da aber nicht alle Puppen wie die Enkel aussehen können, holt sich die Weißigerin Anregungen aus Fachzeitschriften oder der Sächsischen Zeitung. „Ich schneide jeden Montag die Babyseite aus.“ Am wichtigsten ist Siegrun Zenker, dass die Babys rosig und gesund aussehen, mit sogenannten Charakterpuppen kann sie nichts anfangen. Antje Steglich

Siegrun Zenker ist mit ihren Puppen am 3.Dezember um 15 Uhr zu Gast beim Kaffeeklatsch im Riesaer Stadtmuseum. Exponate stehen außerdem im Spiele Max Riesa, im Ross in Diesbar und auf dem Bahnhof Meißen.