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Die Rakotzbrücke ist Fledermausquartier

Die Brücke im Kromlauer Park soll bald fertig saniert sein. Doch das Vorkommen der Tiere hat Auswirkungen. Nicht nur auf den Bau.

Christian Dick, Steinmetz-Lehrling, verfugt die Vorlandbögen an der Rakotzbrücke, die bis Pfingsten 2020 fertig saniert sein soll.
Christian Dick, Steinmetz-Lehrling, verfugt die Vorlandbögen an der Rakotzbrücke, die bis Pfingsten 2020 fertig saniert sein soll. © Joachim Rehle

Sie fliegen mit den Händen, sehen mit den Ohren, schlafen mit dem Kopf nach unten: Fledermäuse. Nachdem die heimischen Arten die letzten fünf Monate im Winterschlaf und auf Sparflamme verbrachten – wofür sie Herzschlag und Atmung um das bis zu 40-fache verlangsamten –, sind sie seit Anfang April wieder wach und nachtaktiv. Dies gilt auch für die Großen Mausohren und die Langohrfledermäuse, die in Spalten und Kammern der Rakotzbrücke leben und, wie alle europäischen Arten, streng geschützt sind.

Dass im 200 Hektar großen Kromlauer Landschafts- und Rhododendronpark mit Riesenbäumen, Gewässern, Teichen und alten Bauwerken Fledermäuse leben, verwundert nicht. Schließlich leben die flugfähigen Kleinsäugetiere in Baumhöhlen, Hohlräumen, Spalten und ernähren sich von Insekten. Der Park ist somit idealer Lebensraum. Dass Fledermäuse in der Bogenbrücke leben, ist erst seit Sommer 2019 offiziell. Weil das Bauwerk Hohlräume und Spalten hat, erfolgte vor der Sanierungsgenehmigung für das Rakotzensembles eine artenschutzrechtliche Untersuchung durch Fledermausspezialisten. „Dabei wurden Quartiere von zwei Fledermausarten, dem Großen Mausohr und der Langohrfledermaus, nachgewiesen. Letztere bilden dort mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar ein Wochenstubenquartier, in dem die Weibchen ihre Jungen gebären und aufziehen“, erklärt Julia Bjar, Pressesprecherin des Landratsamtes Görlitz.

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Keine Bauarbeiten bei Winterschlaf

Dass die streng geschützten Fledermäuse in der Rakotzbrücke leben, hat Konsequenzen. So darf die Brückensanierung nur mit fledermauskundlicher Begleitung erfolgen, um die Einhaltung von Schutzvorschriften zu garantieren. „Solange die in einer der Brückenkammern lebenden Tiere Winterschlaf halten, darf dort nicht gearbeitet werden“, erklärte der Gablenzer Bürgermeister Dietmar Noack noch in der Februar-Sitzung des Gemeinderates. Inzwischen sind die Nachtschwärmer erwacht, kann die letzte Kammer fertiggestellt werden. „Zu Bauverzögerungen kam es nicht. Aber die Baufirma aus Ilmtal in Thüringen muss nun noch mal anreisen“, weiß Noack. Einfach verschlossen werden dürfen die „Schlupflöcher“ dabei aber nicht, weil auch sie als Fortpflanzungs- und Ruhestätten besonders geschützt sind.
Klar ist auch, dass die Kromlauer Fledermäuse jetzt unter Expertenbeobachtung stehen und die Daten in der zentralen Artdatenbank des Freistaates Sachsen dokumentiert werden. Denn der Bestand an Fledermäusen, die es seit 50 Millionen Jahren gibt, schrumpft stetig. Grund: der Mensch, durch den Lebensräume und Nahrungsquellen im Zuge von Abbruch- und Sanierungsmaßnahmen von Bauten und Gebäuden, durch Wirtschaftswälder, industrialisierte Landwirtschaft und nicht naturbelassene Gärten schwinden.

Schützer und Quartierpaten werden gesucht

Ehrenamtlich für den Schutz von Fledermäusen setzt sich Udo Plesky ein, Regionalbetreuer Fledermausschutz beim Naturschutzbund (NABU). Neben öffentlichen Fledermauswanderungen durch den Muskauer oder Kromlauer Park setzt er vor allem auf Information. Auch und gerade, wenn Bürger ihn zum Einsatz holen, weil sich Fledermäuse in Gardinen vor offenen Fenstern verfangen haben, an Hauswänden, Giebeln oder unter Balkonen hängen. „Die Neugier ist glücklicherweise meist so groß wie die Aufregung. In fast allen Fällen sagen die Leute: «Lassen Sie die Tierchen hängen, die fliegen schon wieder weg.».“

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Dass Udo Plesky nur in den seltensten Fällen eine Fledermaus fangen muss, freut ihn. Ebenso die Möglichkeit, durch solche „Zwischenfälle“ Arten bestimmen und die Menschen für Fledermäuse sensibilisieren zu können. Vor allem, wenn es um Schaffung von Winterquartieren geht. „Wir suchen ständig Leute, die bereit sind, an ihren Gebäuden ein Luftloch als Einflug in Keller oder Böden zu lassen, wo Fledermäuse Hangplätze finden.“ Wie solche Plätze gesichert oder gar Nistkästen gebaut werden können, erklärt Udo Plesky gerne. Selbst Winterquartiere in Obst- und Eiskellern, alten Bunkern, Schulen oder Kirchen legt er mit an. Und er kontrolliert Quartiere und Artenvorkommen. Letzteres ist besonders schwierig, da die Winzlinge selbst unter Baumrinden oder Ziegeln Platz finden. Das A und O beim Erhalt der Populationen sei, so Plesky, jedoch ausreichend Nahrung. „Wer Fledermäusen helfen will, braucht im Garten nur einen Teich, etwas Totholz oder Nachtblüher wie die Nachtkerze, die nachtaktive Insekten anziehen.“

Wer Fledermäuse im eigenen Haus oder Grundstück beherbergt oder Quartiere betreuen und beobachten möchte, kann sich als Quartierpate melden.

Informationen: www.fledermausschutz-sachsen.de

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