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Die Region ist die Religion der Sachsen

Eine Studie bestätigt: Kein anderes Bundesland gibt so viel Geld pro Kopf für Kultur aus. Das liegt auch am Kulturraumgesetz, das die AfD ändern will. 

Auch das große Görlitzer Straßentheaterfestival Viathea könnte es ohne Kulturraumförderung so nicht geben..
Auch das große Görlitzer Straßentheaterfestival Viathea könnte es ohne Kulturraumförderung so nicht geben.. © Viathea

Von Uwe Salzbrenner und Oliver Reinhard

Sachsens kulturelle Infrastruktur ist eine der dichtesten in Europa. Sie gründet nicht allein auf dem Herrschaftsanspruch der Wettiner, die schon im 16. Jahrhundert für Hofkapelle, Kunstkammer und Bibliothek sorgen. Sondern ebenso auf dem Emanzipationsstreben des Bürgertums, das sich später eine Vielzahl von Orchestern und Theatern leistet. Auf Musikverständnis kann man wegen der Tradition der lutherischen Kirchen bauen. Das Theater gilt im 19. Jahrhundert als moralische Anstalt, die dem wirtschaftlich erfolgreichen Bürgertum Ersatz bietet für fehlende Macht.

Sachsen hat ja länger schon zu kompensieren: Seit dem Siebenjährigen Krieg verliert es an Bedeutung und sucht auf anderen Wegen nach Wahrnehmung und Anerkennung. Das Merkwürdige ist, dass Veränderungen und Krisen die kulturelle Versorgung meist verbessern. Ob Arbeiterbildungsvereine in Folge der Industrialisierung, die Gründung von Heimatmuseen während der Weimarer Republik, der Aufbau von Kinder- und Jugendtheatern sowie Dorfbibliotheken in der DDR. Noch als das Fernsehen längst mit dem Theater konkurriert, gründet man Klubhäuser nach sowjetischem Vorbild. Bis in kleinste Orte prägt der Besuch von Kulturveranstaltungen das Selbstverständnis der Bevölkerung.

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Solidarität zwischen den Kommunen

Dies ist der kulturhistorischen Skizze zu entnehmen, die der Dresdner Kulturwissenschaftler Klaus Winterfeld eingangs seiner Untersuchung der kulturellen Infrastruktur Sachsens vorstellt. Ohne das Bild dieser Dichte, des historisch „langen Atems“ wäre nicht zu verstehen, welche Privilegien das Kulturressort hier seit 1990 genießt. Es darf innerhalb der Umbrüche nach dem Ende der DDR vergleichsweise viel bewahren: Der Freistaat Sachsen, vor allem aber die Landkreise und Kommunen werden Träger der meisten Kunst- und Kultureinrichtungen, der Theater, Orchester und Museen. Die damals maßgeblichen sächsischen Politiker sehen darin ein „stabilitätsgebendes Identitäts- bzw. Identifikationsangebot“, wie es Winterfeld nennt.

Kern seiner Studie ist die Bilanz des in Deutschland einzigartigen Kulturraummodells, das auf Solidarität zwischen den Kommunen setzt und die Kulturpflege per Gesetz zur Pflichtaufgabe macht. So können in Sachsen von 16 eigenständigen Theatern 14 gehalten werden, von sieben Orchestern fünf, von den ursprünglich 1 248 Bibliotheken allerdings bloß 506. Die AfD will das Gesetz allerdings ändern. Es werde zu viel Geld für "kulturfremde" Projekte ausgegeben. Gemeint ist die Soziokultur, in der es auch um demokratische Bildung geht wie die Aufklärung über Extremismus und Rassismus.

In einem sind sich Rechte und Linke einig

Zum unbestrittenen Erfolgsrezept des Modells gehört, dass die Entscheidungen zur Kulturförderung nicht in der Landeshauptstadt fallen, sondern in den betroffenen Regionen selbst. Dass die Region die Religion der Sachsen ist; immerhin darin sind sich Rechte wie Linke einig. Zur Bewertung der Wirkung des Kulturraumgesetzes verwendet Winterfeld eigene, frühere Untersuchungen. Als Kriterien für die Finanzierung führt er Selbstverständnis und Tradition der jeweiligen Region an, den Stellenwert für Bewohner und Besucher, aber ebenso sparsame Wirtschaftsführung. Noch nimmt Sachsen bei den Kulturausgaben je Einwohner deutschlandweit Platz eins ein. Die Schwierigkeiten liegen offenkundig darin, das Kulturraummodell über den Bestand hinaus zukunftsfähig zu halten: als Brutkasten für neue Ideen, für bürgerschaftliches Engagement.

Klaus Winterfeld: Der lange Atem. Von der Kunstkammer zum Kulturkraftwerk. Leipziger Universitätsverlag, 335 S., 29 Euro

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