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Dresden

Die Retter der hungernden Stadttauben

In Zeiten von Corona und Ausgangssperre haben es die Vögel in Dresden besonders schwer. Ein Verein will ihr mieses Image aufpolieren - und hilft mit letztem Einsatz.

Jodie Lentwojt setzt sich für einen besseren Umgang mit den Dresdner Stadttauben ein.
Jodie Lentwojt setzt sich für einen besseren Umgang mit den Dresdner Stadttauben ein. © Sven Ellger

Dresden. Drama unter dem Dach des Hauptbahnhofes: Gegen 8.30 Uhr beobachten Tierfreunde eine Taube, die sich in einem Vergrämungsnetz verfangen hat und kopfüber um ihr Leben zappelt. Ein Fall für die Dresdner Stadttauben-Initiative. Die informiert rasch die Deutsche Bahn, die jedoch nur auf einen möglichen Einsatz der Feuerwehr verweist. 

Auch das Veterinäramt will nicht eingreifen. Stunden vergehen. Gegen 14.30 Uhr trifft endlich die Feuerwehr ein, die nach kurzer Beratung feststellt, nichts tun zu können. Weitere zwei Stunden später erreicht ein Baumkletterer den Hauptbahnhof und rettet das geschwächte Tier. Wenig später kollabiert die Taube und stirbt.

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So geschehen am vergangenen Freitag. Jodie Lentwojt ist die Wut noch immer anzumerken. "Wäre das ein Hund oder eine Katze gewesen, hätten sich die Behörden nicht so gegen Hilfe gesperrt", sagt die 27-jährige Immobilienkauffrau, die sich dem Schicksal der Dresdner Stadttauben angenommen hat. Offiziell wurde ihr Verein erst vergangenes Jahr gegründet. Das Projekt selbst ist schon einige Jahre älter.

Jedem, der nun meint, "ist doch nur eine Taube", hält sie bereitwillig einen Vortrag darüber, was Tauben für soziale Tiere seien und dass wir alle eine Verantwortung ihnen gegenüber hätten. Schließlich seien die heutigen Stadttauben verwilderte Haustiere, die abhängig von der Gunst des Menschen seien.

Das Problem der Vögel ist nur: Tauben haben ein ziemlich übles Images. Sie gelten als "Ratten der Lüfte", die überall hinkacken, sich unkontrolliert vermehren und die schlimmsten Krankheiten übertragen. 

Wenig geschätzte Gäste: Mit den "Ratten der Lüfte" will heute kaum mehr jemand etwas zu tun haben.
Wenig geschätzte Gäste: Mit den "Ratten der Lüfte" will heute kaum mehr jemand etwas zu tun haben. © Dietmar Thomas

"Niemand muss Tauben lieben", sagt Jodie, "aber auch sie verdienen Respekt." Stattdessen würden die Tiere auch in Dresden grausam behandelt. Sie würden gejagt,  beschossen, vergiftet, ja sogar mit Lackspray besprüht und mit heißem Öl übergossen. Auf der anderen Seiten droht für das Füttern der Tauben in der Stadt seit zwei Jahren eine Strafe von bis zu 1.000 Euro.

Doch so leicht lassen sich die Tauben-Unterstützer nicht unterkriegen. Es könne es ja jedem mal passieren, dass er unterwegs auf der Straße versehentlich ein paar Körner aus der Tasche verliere. Auch Bodybuilder Sebastian Hotz, der sein Studio nahe des Neumarkts betreibt, geht ab und zu gern mal draußen "krümeln", wie er sagt. Gerade jetzt könne das für die Vögel lebenswichtig werden.

Durch die Ausgangssperre sind mit einem Mal Abertausende von krümelnden Touristen weggefallen und damit die Nahrungsgrundlage für die rund 2.000 bis 3.000 Stadttauben in Dresden, die sich vor allem an den Bahnhöfen, aber auch am Blauen Wunder und im Gorbitzer Wohngebiet angesiedelt haben. 

Auf seiner Facebookseite wirbt Hotz deswegen für eine Petition, die Fütterungsverbote deutschlandweit aussetzen will. Auch der Verein warnt: "Verwirrt und hungrig sind die Stadttauben unterwegs und suchen verzweifelt nach etwas Essbarem. Einige von den haben kleine Küken, die vermutlich im Nest verhungern werden."

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Selbst in dieser Ausnahmesituation fehle es den Menschen noch immer an Mitgefühl, klagt Jodie. Selbst viele Tierfreunde fragten sie in diesen Tagen, ob man in Zeiten von Corona überhaupt eine verletzte Taube anfassen sollte. "Denen sage ich dann gern, dass es gerade gefährlicher ist, einen Geldschein in die Hand zu nehmen, als eine Taube."

Sie verweist auf Studien, die belegen, dass Tauben mitnichten so viele Krankheiten auf den Menschen übertragen, wie gemeinhin angenommen. Überhaupt könne das Zusammenleben mit den Vögeln durch einfache Maßnahmen verbessert werden. Wer weiß denn bislang schon, dass Pommes und Weißbrot der Grund für all die unansehnlichen Kot-Kleckse sind? Mit besserem Futter würde sich auch die Verdauung der Tauben normalisieren.

 "Wenn Stadttauben zentrale Taubenschläge als festes Zuhause angeboten werden, bringt das gleich mehrere Vorteile", sagt Jodie. Der Großteil des Kots bleibe dann im Taubenschlag. Außerdem könnte die Vermehrung wirkungsvoll kontrolliert werden. So wie im bislang einzigen zentralen Dresden Stadttaubenschlag am Bahnhof Mitte. Hier  betreut der Verein zwischen 150 und 200 Tauben.

Es ist längst nicht die einzige Baustelle für die Organisation, die sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert. Regelmäßig werden verletzte und geschwächte Tiere in Wohnungen aufgepäppelt. 

In den Volieren in Mockritz kommen Dutzende verletzte und gestrandete Tauben unter.
In den Volieren in Mockritz kommen Dutzende verletzte und gestrandete Tauben unter. © Sven Ellger

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Außerdem gibt es in Mockritz mehrere Volieren auf einem Gartengrundstück. Hinter einem der Gitter bekommen die behinderten Tauben ihre Gnadenkörner. In einer anderen Voliere flattern Brieftauben umher. "Allein vergangenes Jahr haben wir mehr als 50 Briefis einsammeln müssen", sagt Jodie. In den heißen Sommermonaten strandeten sie auf dem Weg zu ihrem Ziel erschöpft in Dresden. Ihre Züchter im ganzen Land, in Polen, Tschechien und Belgien, wollen sie nicht zurückhaben, weil die Abholung zu teuer ist.

Bevor in diesem Jahr wieder Dutzende Neuankömmlinge erwartet werden, sollen die jetzigen Gäste eigentlich wieder in die Freiheit geschickt werden. Vermutlich werden sie aber gar nicht wegfliegen, sondern einfach hier bleiben. An diesem seltenen Ort, an dem sie willkommen sind. 

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