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Die Riesen-Rodelbahn von Kötzschenbroda

Hinter der Friedensburg war der Start. Von dort führte die Bahn bis zu Schwarzes Teich. Im Winter und im Sommer konnte gerodelt werden.

Von Nina Schirmer
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An manchen Tagen, wie Pfingsten, herrschte an der Bahn Massenansturm. Dann mussten gesonderte Beamte eingesetzt werden, die für Ordnung sorgten.
An manchen Tagen, wie Pfingsten, herrschte an der Bahn Massenansturm. Dann mussten gesonderte Beamte eingesetzt werden, die für Ordnung sorgten. © Stadtarchiv Radebeul

Radebeul. Gänzlich gefahrlos und schönste Sport-Belustigung – so wurde Jyrichs Rodelbahn in einer Werbung im Generalanzeiger Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben. Was würden die Kinderaugen strahlen, gebe es heute noch die riesige Rodelbahn, die einst am Waldpark entlang ins Tal führte. Doch der Spaß – nicht nur für Kinder, auch Erwachsene und Vereine nutzen die Bahn mit großem Vergnügen – ging nur wenige Jahre.

Der Kiesgrubenbesitzer Hermann Jyrich aus Kötzschenbroda richtete am 2. März 1910 ein Gesuch an die königliche Amtshauptmannschaft Dresden-Neustadt mit der Bitte, eine Rodelbahn für den Sommer- und Winterbetrieb errichten zu dürfen. Die Anlage sollte auf seinen Waldgrundstücken entlang der östlichen Grenze des Waldparkes, der zu dieser Zeit auch gerade erst angelegt wurde, entstehen.

Der Gemeinderat von Kötzschenbroda genehmigte das Bauvorhaben am 4. März, worauf am 28. April die Erlaubnis der Amtshauptmannschaft folgte. Danach ging alles ganz schnell. Landvermesser A. Fiedler vermaß die Streckenführung, den Bau übernahm die Kötzschenbrodaer Baufirma A. Menzel. Keine zwei Wochen später – für heutige Verhältnisse vollkommen unvorstellbar – stand die Bahn, und die polizeiliche Prüfung erfolgte. Gleichzeitig stellte die Amtshauptmannschaft die Genehmigung zur Inbetriebnahme aus. Das fröhliche Rodeln konnte beginnen.

Während des Baus: Rechts stehen der Bauherr Hermann Jyrch mit Ehefrau, davor wahrscheinlich die Töchter, links vorn Adolf Menzel, Bauleitung und Bauausführung, dahinter Hugo Pietzsch, der die Rodelbahn baute.
Während des Baus: Rechts stehen der Bauherr Hermann Jyrch mit Ehefrau, davor wahrscheinlich die Töchter, links vorn Adolf Menzel, Bauleitung und Bauausführung, dahinter Hugo Pietzsch, der die Rodelbahn baute. © Stadtarchiv Radebeul

34 Meter Höhenunterschied

Im Heimatführer „Unsere Lößnitz“ von 1910/11 steht: „Hier, zwei Minuten hinter der Friedensburg, haben wir die Rodelbahn von Jyrich erreicht. Wahrhaft eine Riesenrodelbahn, einen viertel Kilometer lang, zieht sich das Holzgebäude bis in den dunklen Laubwald. Hier können wir als Wintersportfreunde einmal im sommerlichen Grün der malerischen Waldlandschaft den kühnen Rutsch wagen. 

Wir brauchen keine Schienbeinbrüche zu riskieren. Denn unsere Sommerrodelbahn verhält sich zur winterlichen wie der Rollschuh zum Schlittschuh – sie geht auf Rädern und noch dazu in glatten Geleisen und gesichert durch Drahtnetze. Das Gefälle ist mächtig schwungvoll. Für lustiges, junges Blut und selbst Kinder mag sie wohl viel Spaß machen, ist aber auch für echten Wintersport mit Kufenschlitten tauglich.“

Die Bahnanlage hatte laut Bauplan eine Gesamtlänge von 215,4 Metern. Bei einem Höhenunterschied von 34 Metern war Rodelspaß garantiert. Komfortabel: Die schlitten mussten die Rodler nicht selbst nach oben schleppen. Neben der 1,2 Meter breiten Fahrspur verlief eine schmalere Aufzugbahn, in der die Schlitten mittels Seilaufzug wieder nach oben gezogen wurden. Wer nicht selbst fahren wollte, konnte die Fahrbahn von einem Gehweg daneben beobachten.

Der Eingang war oberhalb von Schwarzes Teich. Hier stand ein kleines Billettausgabehäuschen, an dem Tickets gekauft werden konnten. Der Startplatz lag oben auf dem Berg, in der Nähe des heutigen Wasserturmes, der damals aber noch nicht gebaut war. Die Sicherheitsbestimmungen schrieben vor, dass auf der Abfahrtsbühne nie mehr als fünf Personen stehen durften.

So sah das Baugerüst der Rodelbahn aus. Keine zwei Wochen dauerte es, bis die Anlage in Oberkötzschenbroda stand und in Betrieb genommen wurde. Die Gesamtlänge maß mehr als 215 Meter, auf denen man den Berg hinunter rauschen konnte.
So sah das Baugerüst der Rodelbahn aus. Keine zwei Wochen dauerte es, bis die Anlage in Oberkötzschenbroda stand und in Betrieb genommen wurde. Die Gesamtlänge maß mehr als 215 Meter, auf denen man den Berg hinunter rauschen konnte. © Stadtarchiv Radebeul

Offenbar hielten sich die Rodler nicht immer daran. Bei Massenansturm, zum Beispiel zu Pfingsten, mussten sogar besondere Beamte eingesetzt werden, die für Ordnung sorgten und das Publikum daran hinderten, zu nahe an die Schutzgeländer der Bahn zu treten. Auch der Bauherr selbst soll sich durch eigenen Übermut leicht verletzt haben, als er am Gerüst der Abfahrtsbühne herunter kletterte, anstatt die Treppe zu nehmen.

Die Einnahmen, welche die Rodelbahn erzielte, waren gering im Vergleich zu den Kosten für den Aufbau und die aufwendige Wartung und Pflege. Da liegt die Auffassung nahe, dass der Besitzer mit dem Betrieb der Rodelbahn weniger seinen Geldbeutel aufbessern wollte. Vielmehr war sie wohl selbst ein Hobby von Jyrich.

Obwohl die Anlage wohl überaus beliebt bei Groß und Klein war, hielt sie sich nur wenige Jahre. Schuld war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Vergnügungen solcher Art, ebenso wie Tanzveranstaltungen waren in Anbetracht der Kriegsnot nicht gestattet. Auch nach dem Krieg wurde die Bahn nie wieder aufgebaut.

Quellen: Manfred Richter (IG Heimatgeschichte), Kötzschenbrodaer Geschichten, Stadtarchiv Radebeul