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Mutig durch Kriebsteins Baumwipfel

Der Kletterwald an der Talsperre Kriebstein trotzt Corona. Es sind vor allem Tagesgäste, die hier 2020 das Abenteuer suchen. Teil 8 unserer Sommerserie.

Mut statt Leichtsinn ist im Kriebsteiner Kletterwald gefragt: Anja Hauptmann aus Zwenkau fühlt sich sicher - und offenbar pudelwohl in den mittelsächsischen Baumkronen.
Mut statt Leichtsinn ist im Kriebsteiner Kletterwald gefragt: Anja Hauptmann aus Zwenkau fühlt sich sicher - und offenbar pudelwohl in den mittelsächsischen Baumkronen. © Dietmar Thomas

Talsperre Kriebstein. "Ja, kommen Sie gegen elf, da ist der erste Schwung durch“, heißt es am Ende der Leitung, als der Redakteur von Sächsische.de einen Termin vereinbaren will. Gut eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Treff bestätigt sich: Es herrscht ordentlich Andrang am Kassenhäuschen des Kletterwaldes Kriebstein.

„Zu uns kommen mehr Besucher als in anderen Jahren“, bestätigt Julian Knipping. Er ist an diesem sonnigen, nicht zu warmen Tag sozusagen der Chef eines fünfköpfigen Teams, das sich um das Wohl und Wehe von Kletterbegeisterten kümmert. Wer vorher online oder telefonisch gebucht hat, ist klar im Vorteil.

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Besucherandrang im Corona-Sommer

Eine junge Mutti und ihr Söhnchen machen zunächst die Erfahrung, auf eine spätere Tageszeit vertröstet zu werden. Die Mama lässt sich bei Julian registrieren. 

„So lange gehen wir eben ein Stück wandern“, sagt sie und lächelt verschmitzt. Wenn es passe, „nehmen wir auch Laufkundschaft an“, bestätigt Julian.

Doch die Zahl der Kletterer, die gleichzeitig rein dürfen, ist begrenzt. Wegen Corona, aber vor allem der Sicherheit wegen. „Wir kalkulieren mit den Gurten. 

Davon haben wir rund 65“, so der Experte, der an diesem Tag gleichzeitig der „Retter“ ist. Denn für den Fall, dass doch mal etwas passiert, muss mindestens ein Retter mit entsprechender Befähigung vor Ort sein.

Kletterwald seit 2007 in Betrieb

Seit 2007 gibt es den Kletterwald in Kriebstein. Sieben Parcours mit rund 90 Kletterelementen sind es inzwischen, die je nach Größe und Alter absolviert werden können. Für die 2020-er Saison hatten die Betreiber alles vorbereitet. In den Wintermonaten waren einige Plattformen ausgebessert worden.

Zudem sind die Plattformen zum Teil neu befestigt worden – schonender für die Bäume, an denen sie installiert sind. Ein neues Sicherheitssystem, bei dem die Karabinerhaken nicht mehr einfach so ausgeklinkt werden können, wurde eingeführt. 

Stabile Klettergurte mit neuartigen Karabinerhaken und doppelt gesicherte Seile sorgen dafür, dass Eltern ihre Kinder unbesorgt auf die Reise durch den Kletterwald schicken können.

Partner für zweieinhalb Stunden: Maxi Vogel (rechts) gehört zum Team des Kletterwaldes Kriebstein, ist unter anderem für die Einweisung der Kletterwilligen zuständig. Diesmal dabei Anke und Cassandra Herrmann, Thomas Enke aus Zwenkau sowie Anja und Rene.
Partner für zweieinhalb Stunden: Maxi Vogel (rechts) gehört zum Team des Kletterwaldes Kriebstein, ist unter anderem für die Einweisung der Kletterwilligen zuständig. Diesmal dabei Anke und Cassandra Herrmann, Thomas Enke aus Zwenkau sowie Anja und Rene. © Dietmar Thomas

Maxi Vogel blickt in fünf erwartungsvolle Augenpaare. Anja und Rene Hauptmann sind extra aus Chemnitz zum Klettervergnügen angereist. Für Thomas Enke, Anke und Cassandra Herrmann aus Zwenkau steht ebenso eine völlig neue Erfahrung auf dem Programm des Tagesausfluges.

Maxi ist für die Einweisung des Quartetts zuständig – und die blonde junge Frau ist bemüht, keinerlei Hektik oder mulmiges Gefühl auskommen zu lassen. „Wenn Ihr irgendein Problem beim Klettern habt, dann schreit einfach nach einem von uns“, sagt die 20-Jährige. Es ist ihre dritte Saison im Team des Kletterwaldes. Eigentlich studiert sie in Leipzig Lehramt.

Bergbahn "wie die Faultiere im Zoo"

Eine Freundin überredete sie 2018, in den Semesterferien in Kriebstein mitzumachen. Das lag nahe, denn Maxi kommt aus Gersdorf bei Hartha. An ihre erste Einweisung kann sie sich noch ziemlich genau erinnern. 

„Da war ich sehr aufgeregt, habe viel gestottert“, erzählt die sympathische junge Frau. „Ich hatte ordentlich Muffensausen.“ Doch die Kollegen hätten ihr den Einstieg damals sehr leicht gemacht, Tipps gegeben.

Davon profitiert sie inzwischen. Auch wenn Rolle, Karabiner und „rote Ufos“ den Kletterfreudigen vielleicht erstmal ein bisschen wie böhmische Dörfer vorkommen mögen. Doch alles macht Sinn. 

Und schnell erkennen auch Anja und Rene, Thomas, Anke und Tochter Cassandra, dass man eine Bergbahn rückwärts „wie die Faultiere im Zoo“ bewältigt, eine Seilbahn dagegen mit den Füßen nach vorn auf die grünen Auffangmatten gerichtet.

Kletterpark ist "viel Kopfsache"

Es gibt sieben Parcours mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Anfänger absolvieren zunächst einen Übungsparcours mit drei Elementen. Die weiteren Strecken haben Namen wie „Spaß“, „Risiko“ oder „Wahnsinn“. 

Es geht von Baum zu Baum, über Netzbrücken, schwankende Bohlen, an schwingenden Seilen entlang. Die Mutigsten können 120 Meter weit an Seilbahnen durch den Wald rasen und 13 Meter im Sprung überwinden – der sogenannte Tarzansprung.

Willkommen im Kletterwald!
Willkommen im Kletterwald! © Dietmar Thomas
Augen zu und durch? Von wegen. Maxi zeigt den Kletterfreunden, wie sie die Hindernisse exakt und „mit Haltung“ absolvieren müssen.
Augen zu und durch? Von wegen. Maxi zeigt den Kletterfreunden, wie sie die Hindernisse exakt und „mit Haltung“ absolvieren müssen. © Dietmar Thomas
Cassandra (15) lässt zunächst Vorsicht walten, klettert sich aber zuverlässig durch die Elemente.
Cassandra (15) lässt zunächst Vorsicht walten, klettert sich aber zuverlässig durch die Elemente. © Dietmar Thomas
Sicherheit geht vor - und auch beim Anlegen der Ausrüstung gilt: Abstand halten!
Sicherheit geht vor - und auch beim Anlegen der Ausrüstung gilt: Abstand halten! © Dietmar Thomas
„Das ist viel Kopfsache“, sagt Thomas Enke.
„Das ist viel Kopfsache“, sagt Thomas Enke. © Dietmar Thomas

Die 15-jährige Cassandra freut sich, erst einmal die von Maxi vermittelten Grundkenntnisse verstanden zu haben. Der Kletterausflug mit den Eltern aus Zwenkau nach Kriebstein schließt sich nahtlos an den Urlaub in Dänemark an. „Eigentlich war ja Italien geplant“, erzählt Cassandra. Doch wegen Corona wurde umdisponiert.

Eine Erfahrung, die Vater Thomas Enke nicht missen möchte. „Dänemark – das war alles so entspannt“, sagt er. Ehefrau Anke Herrmann braucht dagegen schnell eine Pause. „Das schlaucht ganz schön“, beschreibt sie ihre Konditionslage nach den ersten Hindernissen. 

Die Sache mit dem „roten Ufo“ zwingt zu zusätzlicher Konzentration auf die Kletterei. „Das ist viel Kopfsache“, sagt Partner Thomas Enke.

Sicherheit steht im Vordergrund

Maxi freut sich, wenn die Besucher mit Bedacht und einem großen Sicherheitsgefühl in die Parcours starten. „Sicherheit hat bei uns absolute Priorität“, hat sie den Klienten bei der Einweisung mit auf den Weg gegeben. Anja Hauptmann, die Chemnitzerin, bestätigt nach Absolvierung eines Hindernisses im dritten Parcours.

„Es hält, man fühlt sich total sicher hier.“ Expertin Maxi weiß, wovon sie spricht. „Manche sind übermütig“, spricht sie aus Erfahrung. „Und Erwachsene sind da oft schlimmer als Kinder. Die wissen alles besser“, ergänzt sie. 

Mancher glaube, weil er schon mal einen Felsen in den Alpen absolviert hat, sei er ein Kletterprofi. Aber: „Jeder Kletterpark ist anders“, so Maxi. Und während sie aus dem Nähkästchen plaudert, schweift der Blick permanent durch den Kriebsteiner Kletterwald.

Denn passieren soll nichts, auch wenn die Retter durchschnittlich zwei- oder dreimal pro Woche gebraucht werden. Das sei vergleichsweise und zum Glück wenig, sagt Julian Knipping. Häufigste Einsatzgründe: Überschätzung, fehlende Kraft.

Dann rücken die Retter mit entsprechender Ausrüstung zum Ort des Geschehens, beruhigen und behandeln die Betroffenen, rufen notfalls den ärztlichen Bereitschaftsdienst. „Wir haben in der Regel einen oder zwei zugelassene Retter vor Ort. Aber eigentlich wissen alle im Team, was im Notfall zu tun ist“, sagt Julian.

Eis lockt zur Belohnung

Zweieinhalb Stunden, so die Erfahrung, braucht man, um den Kriebsteiner Kletterpark zu erkunden und zu absolvieren. Das Quartett aus Chemnitz und Zwenkau ist ordentlich ins Schwitzen gekommen. Und glücklich. Die Warteschlange am Kassenhäuschen wird gerade wieder länger. Der nächste Schwung kommt.

Wer es „hinter sich“ hat, freut sich, dass „Jeschky’s Eisbude“ kurz vor dem Eingang jetzt geöffnet hat oder die kleinen Kneipen und Imbissgelegenheiten zur Stärkung einladen. Für manchen Kletterneuling ist der ein Kilometer lange Rückweg – bergauf – zum Parkplatz dann schon fast eine Strapaze…  Aber sie lohnt sich!

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Die nächste Folge unserer Sommerserie lesen Sie ab 3. September auf Sächsische.de.

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