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Die Saubermänner

Vitali und Wladimir Klitschko pflegen ihr Image als weiße Riesen und teilen sich die Arbeit genial auf.

© dpa

Von Maik Schwert

Diese Brüder sind nicht zu übersehen. Vitali und Wladimir Klitschko kennen die meisten Leute als Boxer und Werbefiguren und inzwischen auch aus der Politik. Vitali Klitschko ist Bürgermeister von Kiew und steht an der Spitze der Parlamentsfraktion seiner ukrainischen demokratischen Allianz für Reformen: Udar. Übersetzt bedeutet das so viel wie Fausthieb und passt bestens zu ihm. Wladimir Klitschko hilft ihm dabei. Beide kämpfen in ihrer Heimat wie viele andere Menschen für eine Anbindung an die Europäische Union und gegen diejenigen, die eine Hinwendung nach Russland einleiten wollen.

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Die beiden Wahl-Hamburger führen ein bewegtes Leben. Neue Einblicke liefert die erste Doppelbiografie über sie. Das Buch von Leo Günter Linder ist das zweite Werk zu den Klitschkos nach ihrer Autobiografie „Unter Brüdern“ von 2004. Ihr Aufstieg verlief nicht immer so geradlinig wie bisher bekannt. „Beide legten als Boxer eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte hin“, sagt der Autor der SZ. „Vitali verfolgt inzwischen das Ziel, das Präsidentenamt in der Ukraine zu übernehmen. Das finde ich schon sensationell genug.“ Für noch spannender hält Linder, wie erfolgreich die Brüder ihr Image als Saubermänner ohne Flecken auf ihren weißen Hemden pflegen: „Boxen ist schon ein ziemlich dreckiger Job. Politik in der Ukraine ist noch schmutziger als anderswo. Das schmälert die Faszination, die von den Klitschkos ausgeht, im Übrigen nicht.“

Viel Platz räumt der Autor der Familie ein. „Die Geschichte ihrer Großeltern väterlicherseits wühlt mich geradezu auf. Ihre Oma Tamara Etinson war Jüdin. Beim Überfall der deutschen Truppen auf die Ukraine 1941 wurden sie und ihr Sohn in ein Lager verschleppt. Ihrem Mann Rodion gelang es, sie freizukaufen, aber für ihren Sohn genügte das Geld nicht. Kurze Zeit später wurde er erschossen. Tamara musste sich bis zum Rückzug der Wehrmacht 1944 in einer engen Truhe verstecken. Sie überlebte, war aber nach drei Jahren in dieser kleinen Truhe seelisch schwer verletzt – furchtbar. Ich könnte es verstehen, wenn Vitali und Wladimir Ressentiments gegenüber uns Deutschen hätten. Doch sie haben keine.“

Linder behauptet, dass das Geld, das den Brüdern ihren Einstieg ins Profigeschäft ebnete, angeblich auch von zwei Personen aus der Kiewer Unterwelt kam. „Ich möchte die Kontakte zwischen den Klitschkos und der Mafia in den 1990er-Jahren moralisch nicht bewerten. Damals, nach der Unabhängigkeit, existierte in der Ukraine weder ein Staat noch eine Sportförderung. Wenn es nur Wölfe gibt, muss man eben mit ihnen heulen oder seine Ziele aufgeben.“

Vitali Klitschko wehrt sich in der SZ gegen diesen Vorwurf: „Ich bin nicht korrupt und ließ mich nie von Oligarchen unterstützen.“ Ihre Kontakte zu Igor Bakai, laut dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel eine Zeit lang Chef der Staatskanzlei, können die Brüder nicht leugnen. 2002 helfen sie ihm beim Wahlkampf. Ein Plakat beweist das. „Mein Bruder und ich kennen ihn seit langer Zeit“, gesteht Vitali Klitschko den „Freundschaftsdienst“. „Ab und zu unterstützt er uns durch einen Rat. Hin und wieder stellt er für uns Kontakte her, die wir für unsere Karriere benötigen.“ Finanzielle Hilfe, gemeinsame Geschäfte oder eine Arbeit als Bodyguard streitet Klitschko ab. Er unterhalte keine Kontakte zu Mafiabossen und spricht von einer Verleumdungskampagne seiner Feinde.

Linder schreibt auch über die Dopingaffäre von Vitali Klitschko, die ihn die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta kostete. Kontrolleure weisen ihm damals die Einnahme des Steroids Nandrolon nach. „Bisher störte sich kaum einer an diesen Flecken in der Biografie, da sie im Westen kaum bekannt waren. Ich finde es schon genial, wie sich die Klitschkos dem deutschen Publikum verkaufen: Vitali, der raue, ehrliche Geselle, und Wladimir, der charmante Glamour-Boy – so sieht die Arbeitsteilung zwischen ihnen aus.“

Linder bemängelt, dass Klitschko als Politiker kaum Inhalte bietet. „Wann immer Vitali vor die Kameras tritt, wiederholt er die gleichen Floskeln von einem Recht der Ukrainer auf Freiheit und ein besseres Leben. Das ist alles gut und schön, aber: Ich erwarte in dieser Lage, dass Vitali als bekanntester Oppositionsführer ein starkes, überzeugendes Motto ausgibt, eine zündende Parole – irgendetwas, das die Massen begeistert. Doch er reißt nicht mit. Was man ihm allerdings bescheinigen muss, sind Mut und Tapferkeit. Vitali ist sich nicht zu fein dafür, sich an vorderster Front den Angriffen der Polizisten auszusetzen.“

Ein Präsident ohne Stallgeruch

Linder befürchtet, dass in einem so tief gespaltenen Land wie der Ukraine jeder Staatschef vor unlösbaren Aufgaben steht. Dennoch traut er Klitschko dieses Amt zu. „Immerhin wäre Vitali als Präsident eine Identifikationsfigur – anders als Viktor Janukowitsch oder auch Julia Timoschenko. Möglicherweise ist das in den entscheidenden nächsten Jahren das Wichtigste: ein Staatschef, dem es gelingt, den westlichen und den östlichen Landesteil der Ukraine miteinander zu versöhnen. Vitali ist, soweit ich sehe, der Einzige, der dieses Wunder schaffen könnte.“ Angeblich wünscht die Europäische Union sich Klitschko als starken Mann. Linder zufolge baut der Westen zu Recht auf ihn. „Aus dem einfachen Grund, weil in dieser unglaublich verworrenen Situation Vitali der Einzige ist, der über den Parteien steht, der vermitteln könnte und dem kein Stallgeruch des einen oder anderen Lagers anhaftet. Hätte er Erfolg, würde auf Dauer den Nationalisten der Wind aus den Segeln genommen.“

Klitschko weist auch den Vorwurf, mit Nationalisten zu kooperieren, von sich: „Wir arbeiten mit der Konrad-Adenauer-Stiftung zusammen.“ Die CDU habe seine Udar als einzige Partei in der Ukraine anerkannt, „worüber ich natürlich glücklich bin“. Klitschko hält sich auch als Politiker für unbestechlich. „Hinter uns steht keiner, der mit seinem Geld unser politisches Handeln dirigiert.“ Experten der Konrad-Adenauer-Stiftung schätzen ein: „Es fehlt ihm zwar noch an politischer Routine und rhetorischer Ausgereiftheit. Es steht aber außer Zweifel, dass er für das Amt des Präsidenten kandidieren will. Dafür benötigt Klitschko vor allem eines: eine kompetente und überzeugende Mannschaft.“

Linder sagt den Brüdern glänzende Aussichten voraus. „Wladimir gewinnt nach dem Rücktritt seines Bruders vom Boxen auch noch den vierten Weltmeistergürtel und tritt anschließend zurück. Vitali könnte, wie es derzeit ausschaut, seine Chance auf das Amt des Staatschefs bekommen. Ausgesorgt haben beide auf alle Fälle. Sie sind erfolgreiche Geschäftsleute, haben Beteiligungen, Immobilien und eine Promotionfirma. Die Klitschkos sitzen zwischen Drachenfliegen, Fernsehauftritten und Golfspielen auch immer mal wieder im Büro.“ Vitali jetzt sogar als Kiewer Bürgermeister. Diese Brüder fallen weiter auf.

Leo Günter Linder: Die Klitschkos. Biografie. Das neue Berlin. 304 Seiten mit vielen Bildern, 19,99 Euro.