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Die Schatzsucher

Der Bohrer senkt sich in die Erde. Mit kurzen Zügen wird der Ventilbohrer angehoben und wieder nach unten fallen gelassen. Die Mitarbeiter der Firma Brunnenbau Bartsch aus der Gemeinde Mücka arbeiten hintereinanderweg.

© Uwe Soeder

Von Kerstin Fiedler

Der Bohrer senkt sich in die Erde. Mit kurzen Zügen wird der Ventilbohrer angehoben und wieder nach unten fallen gelassen. Die Mitarbeiter der Firma Brunnenbau Bartsch aus der Gemeinde Mücka arbeiten hintereinanderweg. Sie sind ein eingespieltes Team und schon viele Jahre für das Kaolinwerk Caminau tätig. An dieser Stelle mitten im Wald gegenüber dem Abzweig der B 96 nach Zescha steht die Technik. Das Kaolinwerk sucht hier nach Kaolin, dem Grundstock seiner wirtschaftlichen Tätigkeit. Und es ist gutes Kaolin, das der Betrieb braucht, Grundlage vor allem für die Papierindustrie.

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Helmut Struchtrup Werkleiter des Caminauer Kaolinwerks
Helmut Struchtrup Werkleiter des Caminauer Kaolinwerks © Uwe Soeder
Spezielles Werkzeug: Mit diesem Bohrer aus besonders hartem Material wird ein Kern des erhofften Rohstoffs aus der Erde geholt. Diesmal ohne Erfolg.
Spezielles Werkzeug: Mit diesem Bohrer aus besonders hartem Material wird ein Kern des erhofften Rohstoffs aus der Erde geholt. Diesmal ohne Erfolg. © Uwe Soeder
Schwere Arbeit: Andreas Köhler von der Firma Brunnenbau Bartsch schraubt eine Röhre auf, damit der Spiralbohrer weiter ins Erdreich vorstoßen kann. Kurz vor Königswartha wird im Wald nach Kaolin gesucht. Je tiefer der Bohrer kommt, desto mehr Röhren werde
Schwere Arbeit: Andreas Köhler von der Firma Brunnenbau Bartsch schraubt eine Röhre auf, damit der Spiralbohrer weiter ins Erdreich vorstoßen kann. Kurz vor Königswartha wird im Wald nach Kaolin gesucht. Je tiefer der Bohrer kommt, desto mehr Röhren werde © Uwe Soeder

Im Bereich Königswartha-Süd ist es die letzte von sieben Bohrungen. Hintergrund ist, dass in absehbarer Zeit die derzeitige Förderstätte leer ist. Der neue Werkleiter in Caminau, Helmut Struchtrup, sagt, dass es sich um keine 20 Jahre mehr handelt. Deshalb wird nach neuen Lagerstätten gesucht. Im vergangenen Jahr haben solche Bohrungen in Holschdubrau, Rosenthal und auch in Neschwitz-West Anlass zur Hoffnung gegeben. Der Beauftragte für Sonderaufgaben des Werkes, Jürgen Schlegel, ist deshalb bei jeder Probebohrung dabei, um eventuell weitere Standorte anzugehen. „Es könnte also zwischen Holschdubrau und dem jetzigen Standort in Richtung Königswartha weitere punktuelle Untersuchungen geben“, sagt Schlegel.

Frank Höher steht an der Bohrvorrichtung und schaltet an den Hebeln. Eine große Röhre wird aus der Erde geholt. Die Fachleute sind jetzt etwa drei Meter tief. Heiko Höher legt die Röhre auf die Erde. Schlammiges Wasser fließt heraus, es folgen Sand und größere Kieselsteine. „Hier findet man wunderbar die eiszeitlichen Hinterlassenschaften“, sagt Jürgen Schlegel. Alles, was über den Spiralbohrer, der sich wie ein Korkenzieher ins Erdreich bohrt, nach oben geholt wird, kommt in hölzerne Kisten. Die werden dann alle zunächst im Labor fotografiert, dokumentiert und untersucht. Jürgen Schlegel muss deshalb nach Ende der Bohrungen gleich noch einmal in den Betrieb. Denn am nächsten Morgen wollen die Laborantinnen das Ergebnis des möglichen Kaolins untersuchen.

Und wieder wird das Standrohr verlängert, der Spiralbohrer kommt immer tiefer ins Erdreich. Als er das nächste Mal nach oben kommt, befindet sich eine braune Masse in den Windungen. Jürgen Schlegel zerreibt das Material zwischen den Fingern. Ton? Nein, nur schluffiger Sand. Immer noch ist der Bohrer nur im Deckgebirge. Bei neun Metern ändert sich die Farbe. Nach dem braunen Material kommt eine graue Masse mit heraus. Gespannt nimmt Jürgen Schlegel einen Teil in die Hand. Kaolin? Eher nicht. „Das sieht eher nach Feldspat aus“, sagt er. Dennoch entschließen sich Frank und Heiko Höher, die die Firma vor zehn Jahren in dritter Generation übernommen haben, eine Kernbohrung zu starten. Die soll dann nicht nur durch den Spiralbohrer zerteiltes Material, sondern einen ganzen Kern nach oben bringen.

Heiko Höher springt auf den Lkw, aktiviert den Kranausleger und hängt die Rohre an Ketten. Es wird Rohr an Rohr geschraubt. Eine schwere Arbeit. Heiko Höher und Mitarbeiter Andreas Köhler reinigen mit der Drahtbürste die Gewinde, fetten sie ein. Langsam und ruhig werden die Rohre in die Erde gelassen – auf neun Metern sind die Männer jetzt schon. Im Spülbohrverfahren wird dann ein Spezialrohr eingesetzt, das einen ganzen Kern der Schicht in dieser Tiefe mit nach oben bringt. „Rund 1  500 Liter Wasser sind zwischen einer Wasserwanne und den Rohren im Umlauf“, erklärt Frank Höher.

Dann kommt der Kern nach oben, wird vorsichtig aus dem Rohr geklopft. Helmut Struchtrup und Jürgen Schlegel sind enttäuscht. Nein, an dieser Stelle wird es kein Kaolin geben. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Suche. „Wir hatten bisher bei fast allen Probebohrungen zwischen zwölf und 14 Metern Abraum. Und an mancher Stelle ging es auch viel tiefer, bis zu 40 Metern“, erklärt Jürgen Schlegel. Dass Kaolin nah unter der Oberfläche liegt wie zum Beispiel in Neschwitz, ist Glück.

Seit einigen Jahren sind die Caminauer auf der Suche nach neuem Rohstoff. In den Lausitzer Heideböden lagert viel Kaolin. Davon künden auch alte Karten im Oberbergamt in Freiberg. „Wir sind daran interessiert, eine neue Lagerstätte möglichst nahe an dem jetzigen Betrieb zu finden. Immerhin geht es uns um über 100 Arbeitsplätze, die erhalten werden sollen“, sagt Jürgen Schlegel. Und Helmut Struchtrup, der sich langsam einarbeitet in Caminau, bringt noch ein zweites Argument: „Die Industrie braucht zuverlässige Partner. Und das sind die Caminauer bis jetzt immer gewesen“, sagt er. Und er sagt auch, dass der Standort nicht einfach wechseln kann. Zu viele gute Voraussetzungen gibt es dort.

Nachdem klar ist, dass an dieser Stelle kein Kaolin vorkommt, packt die Firma zusammen. Die Holzkisten kommen ins Werk. Doch die Arbeit ist noch nicht beendet. In den nächsten Tagen wird das Loch verdichtet, alles gesäubert und in sechs Wochen noch einmal kontrolliert. Dann gibt es vielleicht schon neue Stätten, an denen nach Kaolin gesucht wird.