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Die Scheintoten baten kräftig zur Kasse

Für Ärzte war vor Jahrzehnten schon eine Gebührenordnung die finanzielle Grundlage.

Symbolbild
Symbolbild © dpa-Zentralbild

Wird für Leistungen Geld erhoben, regelt dies eine Gebührenordnung. Das war auch früher schon so, und wer heute über ärztliche Abrechnungen befindet, wird ähnliche Grundlagen auch in der „Preußischen Gebührenordnung für approbierte Ärzte und Zahnärzte“ von 1924 finden. Damals war sie die Vorgabe für 75 in Görlitz niedergelassene Ärzte, von denen ältere Görlitzer noch heute einige Namen kennen: Dr. Blau, Dr. Schindler, Dr. Mehlhose, Dr. Hütter, Dr. Boeters, Dr. Kautschke, um nur einige zu nennen. Görlitz war vor 85 Jahren in 30 Armenarztbezirke eingeteilt. Von 75 Ärzten hatten übrigens 30 gleichzeitig auch eine Zulassung als Armenarzt.

Schon die preußische Gebührenordnung unterschied zwischen Beratung, Besuch und Verrichtungen. Auch waren höhere Tarife für Nacht- und Feiertagsbehandlungen fällig. Eine interessante Regel lautete: Fordert der Kranke den Arztbesuch zu einer bestimmten Zeit, war eine doppelte Gebühr zulässig. Lag der Ort eines Hausbesuches mehr als einen Kilometer von der Arztpraxis entfernt, durfte der Mediziner Fahrkosten mit Fuhrwerken abrechnen.

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Das Deckblatt der Honorare und Preise nannte die gesetzliche Grundlage.
Das Deckblatt der Honorare und Preise nannte die gesetzliche Grundlage. © Repro: Ralph Schermann

Fast schon lustig klingt dabei eine Passage wie diese: Muss der Arzt zum Besuch ein Dampfschiff benutzen, darf er eine Kajüte geltend machen. Das einst mal auf der Neiße fahrende Dampfboot indes hatte gar keine. Wer sich unbedingt seinen bekannten Hausarzt in den Urlaub nachkommen ließ oder ihn aus sonstigem Grund eine Fahrt von mehr als zehn Stunden zumutete, musste tief in die Tasche greifen. Bis zu 300 Goldmark waren allein für diesen besonderen Aufwand dem Mediziner in die Hand zu drücken.

Die Gebührenordnung von 1924 war sehr detailliert und umfasste 36 kleinbedruckte Seiten. Einige Beispiele davon seien hier mal herausgegriffen: Die „Wiederbelebung eines Scheintoten“ war bis zu 50 Mark wert. Ein einfacher Gipsverband war da mit sechs Mark schon preiswerter. Zusammengewachsene Finger konnte man sich für fünf bis 50 Mark trennen lassen.

Ein Kaiserschnitt bei der Geburt kam bis zu 500 Mark – wohl der Gebärenden, die versichert war. Zahnärzte konnten für das Ziehen eines Zahnes zwischen 1,50 und 20 Mark verlangen. Zusätzlich sollte der Patient aber noch 1,20 Mark übrig haben – so viel kostete nämlich die örtliche Betäubung. Billiger war nur noch das kurze Draufschauen am Tag nach der Behandlung: Mit einer Mark war man dabei.Ein Dankeschön gilt unserem Leser Dr. Jürgen Wenske, der die alte Verordnung zur Verfügung stellte.

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