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Die Schleifspur wird heftig

Die Kraniche bleiben länger, das Filmfest in Cannes wird verschoben, und dieses Corona-Tagebuch hat nun ein Ende.

© Norbert Millauer/SZ

Es schneit schon wieder. Diesmal sinken weiße Kirschblüten auf die Wiesen. Die Bäume schlagen kräftig aus, der Raps vergelbt die Felder. An einem Teich in der Nähe lagern Kraniche. Normalerweise bleiben sie nur zwei, drei Tage, bevor sie weiter an die Ostsee fliegen. Jetzt verweilen sie länger. Keine Ahnung, auf wen sie warten. Ihre Schreie sind seltsam, wehmütig, suchend. Vielleicht wissen sie mehr.

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Am Vormittag konfrontieren die Kinder uns Eltern mit einem Vorschlag. Sie wollen an ihre Studienorte fahren. Seit über einem Monat sind sie zu Hause. Meine Frau und ich schauen uns an, nicken. Klar, es kommt der Tag, wo Tochter und Sohn das Haus verlassen. Diesmal wirkt es wie ein zweiter Auszug. Wir können sie verstehen.

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Ich bekomme eine Nachricht von Robert Lewetzky. Er ist Projektkoordinator der Dresdner Aktion „Zu Hause in Prohlis“ und organisiert mit dem Societaetstheater ein Kulturfestival, das Zuschauerinnen und Zuschauer kostenfrei besuchen können. Ich darf dort am 17. Juni zum dritten Theatersommer im Zirkuszelt lesen. Der Organisator schreibt: „Wir gehen davon aus, dass das Festival auf irgendeine Art stattfinden wird. Sollten in der nächsten Zeit behördliche Anordnungen getroffen werden, die den Theatersommer in der geplanten Form deutlich einschränken oder ganz unmöglich machen, werden wir uns schleunigst wieder melden. Bis dahin hoffe ich, dass es Dir soweit gut geht, und freue mich auf den Sommer.“

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Der Filmemacher Ralf Kukula schreibt mir, dass neben vielen anderen unabsehbaren Folgen den Bäumen in Dresden faktisch der Hahn abgedreht werde. Der Finanzbürgermeister verhängte eine Haushaltssperre. Gespart werden solle u. a. am Wasser für die Pflanzen, die jetzt schon unter der Trockenheit leiden. Der Regisseur für Animationsfilme schrammte gerade knapp mit seinem Streifen „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ am Deutschen Filmpreis vorbei. In zwei Wochen, so erzählt er mir am Telefon, wäre er nach Cannes gefahren, weil ein anderer seiner Filme, den er mit einer französischen Regisseurin produziert habe, für den Filmpreis nominiert sei. Aber auch die Verleihung der „Goldenen Palme“ an der Cote d’Azur sei verschoben worden. Ob das Festival überhaupt noch dieses Jahr stattfinde, stehe in den Sternen. Das könne er verkraften. Aber dass die Bäume in seiner Heimatstadt austrocknen sollen, weil eine Verwaltung das Gießkannenprinzip missverstehe, ertrage er nicht.

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Nach dem Mittag bearbeite ich meine Tagebucheinträge für das Ende Mai erscheinende Buch „Die Tage mit Corona-Sachsen im Ausnahmezustand“. Am 16. März begann ich mit den Einträgen und schreibe nun den letzten. Sachsen öffnet sich wieder, die ersten Arbeitsplätze aus dem Homeoffice verlagern sich raus aus den Arbeitsheimen. Von einem Zustand der Normalität sind wir noch weit entfernt. Außerdem stellt sich die Frage, was überhaupt noch normal ist. Die Schleifspur der Corona-Notbremsung offenbart sich erst in den nächsten Monaten.

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Gegenüber meinem Fenster werkeln nach wie vor Arbeiter auf der Baustelle. Für sie gab es bisher keinen Krisenmodus. Das Baugewerbe scheint unbeeinflusst wie die Natur. Am Nachmittag frage ich einen der Fliesenleger, was er denkt, wie es denn weitergehen werde: „Das muss. Die könn gar ni anders“, antwortet er.

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Am Abend sehen wir über Netflix in Familie den Film „Systemsprenger“ an. Bisher hatte ich nicht den Nerv dafür. Das Drama erzählt von einem Kind, das nicht nur die pubertäre Rebellion übt, sondern jegliche Orientierung verliert und regelmäßig ausrastet. Ich verzweifle beim Sehen der Geschichte, denn sie beschreibt eine überforderte Gesellschaft, in der scheinbar alle das Beste wollen, aber keiner Verantwortung übernimmt. Wie viel an gegenseitigem Verstehen, an Zuneigung, an Geborgenheit verloren gehen kann, kann in dem Film exemplarisch betrachtet werden.

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Der Mond nimmt schon wieder zu. Mir fallen plötzlich Zeilen aus dem Gedicht „Glück“ von Hermann Hesse ein: Solang du nach dem Glücke jagst / Bist du nicht reif zum Glücklichsein. / Und wäre alles Liebste dein / Solang du um Verlornes klagst / Und Ziele hast und rastlos bist / Weißt du noch nicht, was Friede ist.“

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

Peter Ufer liest aus dem „Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“:

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