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Die Schlepperei geht weiter

Die Stadt hat neue Bahnhöfe. Die Aufzüge funktionieren seit Monaten nicht. Von der Bahn vertröstet zu werden, regt auf.

© Arvid Müller

Von Karin Domann

Dieter Matthis macht gute Miene zum bösen Spiel. Obwohl der rüstige 70-Jährige sein schweres Fahrrad die Treppe zum Bahnsteig in Radebeul-West hochschleppen muss, senkt die schweißtreibende Leibesübung seine Stimmung nur geringfügig. „Noch bin ich fit und pack das“, sagt er. Doch als er die junge Frau sieht, die sich mit dem Kinderwagen alleine die Treppen hochquälen muss, entfährt es ihm: „Das ist ein Skandal, dass die Aufzüge zu den Bahnsteigen nach so vielen Monaten immer noch nicht laufen.“ Eigentlich sollten die Aufzüge ab Ende März funktionieren. So hatte es Jeanette Seeger in der SZ als Ankündigung von der Bahn gelesen und sich darauf gefreut, endlich wieder entspannter zu ihrem Arbeitsplatz im Dresdner Zentrum zu gelangen.

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Jetzt, eine Woche später, ist alles wie gehabt: Auf keinem der Bahnsteige in West, Weintraube und Kötzschenbroda funktionieren die Lifte. Jeanette Seeger weiß das, sie ist mit ihrem Rad alle drei Bahnhöfe angefahren. Jeden Tag fährt die Radebeulerin in ihr Büro im Staatsschauspiel Dresden. Dafür nutzt sie ihr Fahrrad und die S-Bahn. Eine schwere Tasche voller Bücher und Zeitschriften ist immer dabei. „Es nervt einfach nur noch“, meint die zierliche Frau, die erst die schwere Tasche auf den Bahnsteig schleppt, dann wieder runter geht und ihr Fahrrad nachholt. „So erspare ich mir eben das Fitness-Studio“, versucht sie sich die Situation schönzureden.

Bei der Stadt Radebeul weiß man sehr genau, dass die Volksseele wegen der ungelösten Aufzugfrage mittlerweile kocht. Trotzdem versucht Bürgermeister Jörg Müller (parteilos) zu beschwichtigen. „Selbstverständlich stehen wir bezüglich der noch nicht funktionierenden Fahrstühle mit der DB Projektbau regelmäßig in Kontakt“, berichtet er auf Anfrage und fügt hinzu: „Allerdings ist die Stadt Radebeul nicht Eigentümerin der Bahnhöfe. Das ist die Deutsche Bahn AG. Wir haben leider keinen Einfluss auf das Geschehen, wissen aber, dass intensiv an einer technischen Lösung gearbeitet wird.“

In Weintraube sucht inzwischen der Schüler Tim Renner eine Möglichkeit, sein schweres Hollandrad mit möglichst geringem Kraftaufwand auf dem Bahnsteig zu bekommen. Die Wasserablaufrinne rechts der Treppe unter dem Handlauf soll als Transportspur herhalten. Unter dem Gelächter seines Kumpels Finn Grunewald gibt er das Experiment auf. Das Rad will einfach nicht in den schmalen Spalt passen. Außerdem ist das Geländer im Weg. Der 15-Jährige wundert sich, dass es in Weintraube nicht, wie in der Neustadt oder Pieschen und auf vielen Bahnhöfen Deutschlands üblich, eine spezielle Rinne an der Treppe gibt, mittels der Radfahrer ihre Räder bequem auf den Bahnsteig herauf und auch wieder herunter rollen lassen können.

Auf Nachfrage der Sächsischen Zeitung antwortet die Deutschen Bahn AG in gewohnt unverbindlicher Manier zu den Aufzügen: „Zurzeit wird noch mit der Telekom an der endgültigen Notrufschaltung gearbeitet. Wann die Aufzüge in Betrieb gehen, können wir leider noch nicht sagen.“ Für die Fahrradrinnen gibt es laut Bahn mittlerweile eine zugelassene bauliche Lösung, die derzeit erprobt, aber nur bei der Planung von Neubauten Berücksichtigung finden soll.

Den Radebeulern nützt das alles nichts: Sie müssen weiter schleppen.