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Die Schmelings spielen Theater

Fünf Mitglieder der Schwarzkollmer Familie sind in diesem Jahr Darsteller bei den Krabatfestspielen - und das nicht zum ersten Mal.

Von Anja Wallner
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Kurz vor dem Auftritt an der Schwarzen Mühle: Die schauspielernde Familie Schmeling mit Lina (vorn li.), Opa Reinhard Schmeling (dahinter), Max (vorn re.), Mutter Ines Schmeling und Opa Dieter Jakobaschk.
Kurz vor dem Auftritt an der Schwarzen Mühle: Die schauspielernde Familie Schmeling mit Lina (vorn li.), Opa Reinhard Schmeling (dahinter), Max (vorn re.), Mutter Ines Schmeling und Opa Dieter Jakobaschk. © Foto: Gernot Menzel

Schwarzkollm.  Hinter etlichen Charakteren, in etlichen Kostümen, die bei den diesjährigen achten Krabatfestspielen auf dem Hof der Schwarzkollmer Krabatmühle zu erleben sind, steckt sozusagen ein „Schmeling“. Gleich fünf Schmelings gehören zu den rund 70 Laiendarstellern in den Aufführungen – damit ist die Familie aus Schwarzkollm die mitgliederstärkste unter den Schauspielern. 

Da sind die Geschwister Max (8) und Lina (10), die Mutter Ines, deren Vater Dieter Jakobaschk und ihr Schwiegervater Reinhard Schmeling. Sie alle sitzen im Mühlenhof auf Bänken, die in gut zweieinhalb Stunden von klatschenden Zuschauern besetzt sein werden. In einer dreiviertel Stunde beginnt der Einlass, noch läuft der Soundcheck. Nach und nach treffen Darsteller und Crew ein. Man herzt sich, klopft zur Begrüßung auf Tische, winkt sich zu. „Das hier ist eine schöne, sympathische Großfamilie auf Zeit“, meint Reinhard Schmeling.

Diese Gemeinschaft auch hinter den Kulissen macht einen Teil der Faszination Krabatfestspiele aus, dass eben praktisch das halbe Dorf bei dem Spektakel dabei ist. Entweder auf der Bühne oder hinter den Kulissen – oder gleich beides. Dieter Jakobaschk tritt in diesem Jahr beispielsweise als „Eiermann“ in einer Zamperszene auf, werkelt aber tagsüber an den Requisiten, hat Ställe und Wagen gebaut. Bis zu 16 Stunden am Tag verbringt der Rentner derzeit auf dem Mühlengelände.

Angefangen hat er mal „hinter dem Vorhang“ als Bratwurstverkäufer. Enkel Max erzählte dann überall herum, sein Opa spiele auch mit. Und so stand der plötzlich auf, statt hinter der Bühne… Die Schmelings sind „alte Krabatfestspiel-Hasen“. Reinhard Schmeling, er verkörpert den Schmied und einen Schwarzkollmer Einwohner, ist jetzt 7 Jahre dabei, Schwiegertochter Ines sechs. Lina gehört seit vier Jahren zum Team, Max seit zwei Jahren, seit er das erforderliche Alter von sechs Jahren erreicht hat. Waren die Familienmitglieder mal nicht Teil des Schauspielensembles, haben sie im Hintergrund anderweitig geholfen. Die Nachfrage nach Laiendarstellern war da – einzig der kleine Max hat „offiziell“ bei der Festspielleitung angefragt, ob er mitspielen dürfe. „Ihn hatte es gewurmt, dass Mutter und Schwester dabei sind, er selbst aber nicht“, erzählt Ines Schmeling schmunzelnd. Und wer könnte da Nein sagen? Max ist gleich in der hübschen Eingangsszene zu sehen, er gehört zu den Knirpsen, die Gänse über den Mühlenhof treiben. Außerdem stellt er einen der Wassertropfen dar und gehört im Stück zur Einwohnerschar der Weißkollmer. Dabei gab es kurz vor Beginn der Festspiele Tränen – nicht vor Schmerzen, sondern weil Max um seine Rollen bangte: Eine Woche vor der Premiere knackste er sich den Arm an. Aber alles ging gut und inzwischen ist der blaue Gipsverband ab.

Für Schwester Lina sind die Festspiele diesmal ganz besondere: Sie hat ihre erste kleine Sprechrolle bekommen und sich sehr darüber gefreut. In der Zamperszene tritt sie auf, als Teil der Schwarzkollmer Dorfbevölkerung und als Schleierkind. Für Ines Schmeling bedeuten die diesjährigen Aufführungen eine „tierische“ Herausforderung. War sie früher „nur“ Darstellerin einer Bauersfrau, ist sie nun in die Rollen eines Raben, einer Schlange und eines Schattenwolfes geschlüpft. Für sie eine neue, interessante und sportliche Erfahrung. Die Kita-Erzieherin gibt zu, dass es trotz der Anweisungen des Choreographen gar nicht so leicht war, die Bewegungen der Tiere nachzuahmen. „Ohne Kostüm war es schwierig, die jeweilige Rolle anzunehmen, mit ist es leichter“, so ihre Erfahrung. Erlebnisse wie die Festspiele bieten den Akteuren also nicht nur Spaß auf der Bühne, sondern lassen sie an sich selbst wachsen – das geht nicht nur den Kindern so.

Apropos Kinder: „Ja, die sind nicht zu bremsen“, sagt Ines Schmeling. Anfangs war sie als Mutter etwas zurückhaltend, weil die Spielzeit doch recht lang und die Verantwortung groß sei. „Aber die Kinder sind im Bilde, worauf sie sich einlassen.“ Zumindest sind jetzt Ferien, die Kleinen können schon mal bis Mittag schlafen nach all den langen Theaterabenden.

Kinder sind genau im Bilde

Und wer die Festspiele über die Jahre verfolgt hat, dem wird aufgefallen sein, dass die Kinderschar unter den Darstellern von Jahr zu Jahr größer geworden ist. Opa Dieter ergänzt: „Die Kinder wissen ganz genau, wo sie hinmüssen, welche Requisiten sie brauchen, welches Kostüm dran ist – und zwar auch dann, wenn die Eltern nicht in Sichtweite sind.“ Sie meistern – auch für die Erwachsenen ist das mitunter nicht leicht! – weite Wege backstage, kurze Umziehzeiten und das Kostüm-Management.

Ines Schmeling meint, dass die Kinder zum Festspiel-Team schon enge Bindungen aufgebaut haben. „Sie vermissen es, wenn es vorbei ist. Da fließen schon ein paar Tränchen“, sagt sie mit Blick auf Tochter Lina. Auch die „Großen“ fallen erst mal in ein Loch, wenn der letzte Vorhang und der Adrenalinspiegel gefallen sind, bestätigen die Großväter Schmeling. Die Krabatleute, das ist halt wie ein kleines Dorf im Dorf.

Nicht alle Mitglieder der Familie sind in die Festspiele eingebunden. Das wäre auch kaum möglich, denn irgendjemand muss sich während der wochenlangen Auftrittszeit um Haus, Hof und Garten kümmern. „Und selbst aufzutreten ist auch nicht jedermanns Sache“, ergänzt Dieter Jakobaschk. Dafür, betont Ines Schmeling, schauen aber alle gern zu.

Nächstes Jahr wieder dabei

Am Sonntag enden die Krabatfestspiele, dann werden 15 ausverkaufte Veranstaltungen Geschichte sein. Bis zum nächsten Jahr. Sind Schmelings wieder dabei? „Ja!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen von den Kindern, und auch die Großen freuen sich schon darauf, liebgewonnene Menschen wiederzusehen.

Zunächst aber steht in der Adventszeit noch ein Höhepunkt an, wenn sich Darsteller und Crew alljährlich in Schwarzkollm zusammenfinden, um sich gemeinsam den Film der aktuellen Aufführung anzusehen. „Denn während der Festspiele kriegt man selbst gar nicht viel mit“, erklärt Dieter Jakobaschk.

Es ist nun 18 Uhr. Die Parkplatzeinweiser werden auf ihre Plätze geschickt, aus der Mühlenscheune dringt Plinsenduft. Gleich beginnt der Einlass; die erste Autokolonne nähert sich. Für Familie Schmeling ist es ebenfalls Zeit, sich vorzubereiten. Max kann da ganz entspannt sein: „Seine“ Gänse hat der Achtjährige längst an ihren Platz gebracht.

Die Vorstellung kann beginnen.