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Die schnellen Schwestern von der Elbe

Stehpaddeln ist der Sommertrend. Diese Dresdner Geschwister sind sogar die Besten in Deutschland.

Auf der Elbe trainieren die Stand-up-Paddlerinnen Finja (links) und Hannah Krah oft gemeinsam.
Auf der Elbe trainieren die Stand-up-Paddlerinnen Finja (links) und Hannah Krah oft gemeinsam. © dpa/Sebastian Kahnert

Diesen Moment wird sie so schnell nicht vergessen. Wie sie über die Spree paddelte, vorbei an der East Side Gallery vor mehr als 1.000 Zuschauern – und dann noch als Erste ins Ziel. „Ich war aufgeregter als vor anderen Wettkämpfen. Wann kommt denn unser Sport schon mal im Fernsehen?“ Die Frage, die sich Hannah Krah vor drei Wochen bei den Finals in Berlin stellt, ist berechtigt. Die Dresdnerin betreibt Stand-up-Paddeln, auch Stehpaddeln genannt.

Die meisten Zuschauer dürften bis zum ersten August-Wochenende nicht mal gewusst haben, dass in diesem Sport Meisterschaften ausgetragen werden. Dabei boomt Stehpaddeln seit ein paar Jahren – und ist sogar ein Fall für den Internationalen Sportgerichtshof.

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Alle Welt steht auf Stand-up-Paddling, kurz SUP, könnte man meinen, wenn man in diesem Sommer seinen Urlaub an einem See verbracht hat. Viele Kurse werden angeboten, ob an der Elbe in Dresden oder an der Talsperre Malter. Ein großer Vorteil und der Grund für den Hype: Der Sport ist unabhängig von Windbedingungen, er kann auf jedem Gewässer ausgeübt werden. Und jeder mit Seepferdchen-Abzeichen an der Badehose ist schon qualifiziert, sich auf einem Brett als Kapitän zu fühlen.

Wie schnell allerdings die 18-jährige Hannah Krah und mittlerweile auch ihre vier Jahre jüngere Schwester Finja durchs Wasser mit dem Stechpaddel pflügen, hat nichts mehr bloß mit einem Hobby zu tun.

Viele kommen aus der Surferszene

„Viele haben die Vorstellung, man kauft sich mal schnell ein Brett bei Aldi und dümpelt auf dem Wasser vor sich hin“, meint ihr Vater und Trainer Thomas Unterrainer. „Doch SUP ist im Leistungssport angekommen“, sagt er, und seine große Tochter gehört zu den Besten in Deutschland.

Dabei war Hannah Krah 2016 noch Kanutin an der Sportschule, als sie von Jan Diestel, dem letzten DDR-Windsurfmeister und Pionier des SUP-Sports hierzulande, angesprochen wurde. Nur eine Woche später probierte sich die Athletin vom TSV Rotation Dresden bei einem Wettkampf aus. „Ich hatte von Anfang an ein super Gefühl. Es ist vielseitiger als Kanu, weil es mehr Disziplinen gibt.“ Und noch eine Sache sei ihr gleich aufgefallen: „Die Leute sind etwas lockerer im Umgang miteinander, viele kommen aus der Surferszene.“

Anfangs versuchte sie, beide Sportarten parallel zu betreiben, seit ihrem Schulabschluss im vorigen Sommer konzentriert sich Hannah Krah nur noch auf Stehpaddeln – und das als Profi. „Wir wollen ihr das gern ein paar Jahre ermöglichen, wenn sie daran Freude hat und erfolgreich ist“, sagt Vater Thomas, der sich die Sportart als Kanu-Trainer erst anlernen musste. „Es gibt noch keine richtige Struktur im Leistungssport. Vieles passiert in Eigenregie.“

In Berlin hat Hannah Krah ihren neunten Meistertitel gewonnen, für die WM in China ist sie gesetzt. Diesen Sommer war sie kaum zu Hause. Mit ihrem Freund Claudio, der zur italienischen Nationalmannschaft gehört, war sie zwei Monate im portugiesischen Peniche, trainierte in den Wellen und tourte im Bus der Eltern auf der Europatour von Rennen zu Rennen. Das Leben hat etwas von einem Roadtrip.

Erste Preisgelder hat sie schon kassiert. Für ihren letztjährigen EM-Titel, den Hannah Krah in der Klasse der aufblasbaren Boards gewann, gab es 1.000 Euro. Wer SUP wie die zwei Schwestern als Leistungssport betreibt, muss auch einiges investieren. Ein gutes Wettkampfboard kostet um die 3 500 Euro, das Paddel zwischen 400 und 500 Euro. Beide haben mittlerweile Sponsoren, die das Material stellen.

Sind Stand-Up-Paddler nun Surfer oder Kanuten?

Als Profi hat die deutsche Meisterin in Dresden trotz der Elbe nicht die besten Bedingungen, weil der Zugang zum Meer fehlt. Die internationalen Meisterschaften finden meist in offenen Gewässern statt. Die großen Konkurrenten kommen aus den Ländern mit Meerzugang wie den USA samt Hawaii, der Insel im Pazifik, Australien und Frankreich. „Es ist eine der am schnellsten wachsenden Sportarten überhaupt“, sagt Thomas Unterrainer.

Doch eine Frage ist ungeklärt, und daran hängt auch die Zukunft der Sportart. Sind Stand-Up-Paddler nun Surfer oder Kanuten? Darüber wird jetzt sogar vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas gestritten. Beide Weltverbände bestehen auf ihre Sicht, und das aus einem guten Grund. Bei den Spielen 2020 in Tokio werden erstmals Medaillen im Surfen vergeben. Sollte zukünftig das Stehpaddeln ebenfalls als olympische Sportart ernannt werden, dürfte man weiteren Zulauf erfahren – und der zuständige Dachverband mit erheblichen Einnahmen rechnen.

Stehpaddeln ist vielfältig – vom 200-Meter-Sprint bis zum Marathon über 18 Kilometer. Hannah Krah liebt vor allem die technischen Rennen über drei Kilometer. Dort müssen die Athleten mit dem Brett im Arm am Strand starten und dann im Wasser einen Bojenkurs zurücklegen. Das Ziel ist wieder an Land. Auch Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel versucht sich ab und zu bei Wettkämpfen der SUP-Paddler, allerdings mit weniger Erfolg.

Finja Krah, die an der Sportschule noch im Kanu sitzt, ist von dem Trendsport angetan und hat das Vorbild in der eigenen Familie. „Bei Wettkämpfen gibt mir Hannah viel Tipps, wie man Rennen taktisch angeht. Und viel Technik kann ich auch von ihr lernen“, sagt Finja, die sich auch für die Finals der besten acht deutschen Frauen in Berlin qualifiziert hatte und mit ihren 14 Jahren die jüngste Starterin war.

Bei Rennen werden die Schwestern oft verwechselt, weil beide lange, blonde Haare und dazu noch ähnliche Klamotten auf dem Brett tragen. Das sei übrigens der einzige Punkt, der laut dem Vater zu Streitereien zu Hause führe. „Wenn sich die Kleine bei der Großen im Kleiderschrank bedient, gibt es schon mal Ärger. Auf dem Brett halten sie zusammen wie Pech und Schwefel“, sagt Thomas Unterrainer ein wenig stolz.

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