merken
PLUS Landtagswahl 2019

Die Schnörkellose

Katja Meier hat sich aus dem Plattenbau an die Spitze der Grünen hochgearbeitet, die nie populärer waren als jetzt. In Sachsen könnte sie vielleicht bald mitregieren.

Als einzige weibliche Spitzenkandidatin der größeren Parteien zieht Katja Meier (39) in die Landtagswahl.
Als einzige weibliche Spitzenkandidatin der größeren Parteien zieht Katja Meier (39) in die Landtagswahl. © dpa/Peter Endig

Es könnte auch ein Stierkampf sein. Menschenvolle Stufen reihen sich im Kreis um eine Plattform, gesprächshungrige Stimmen schwirren durch die heiße Luft. Spätsommer in Sachsen, nur wenige Wochen bis zur Landtagswahl. Hunderte Blicke folgen dem Mann in schwarzer Weste, er tigert durch die Menge. Es könnte auch ein Stierkampf sein, wären die Gastgeber nicht die Grünen. Hier kämpft man nicht gegen Tiere. Aber man kämpft. Um Stimmen.

Der Matador ist Robert Habeck, männlicher Part der Bundesspitze, Polit-Star, dem Ruf nach Wählerinnen-Flüsterer. Seine Arena ist die St. Pauli Ruine im Dresdner Hechtviertel, für die Grünen ein Pflaster mit Heimspiel-Charakter. Habeck kam, um Sachsens Spitzenkandidatin Katja Meier zu unterstützen. Zu zweit stellen sie sich Fragen potenzieller Wähler. Der Grünen-Chef „habeckt“ sich durch den Abend: Philosophiert, gestikuliert, wirft Blicke mit gesenktem Kinn in die Runde, sagt Dinge, die groß, aber tapsig genug für den Sympathie-Bonus klingen. Fast droht Katja Meier neben ihm zu verblassen, ungelenk bis steif zu wirken. Dann tut sie etwas für sie Typisches: Sie weiß etwas mehr.

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

Auf eine Frage zum Verkehr holt erneut Habeck aus. Seine Worte klingen gut, die Gedanken leicht ziellos. Meier beobachtet ihn durch den roten Pony, durch runde, schlicht gerahmte Brillengläser. Sie lächelt, wenn Menschen applaudieren, spitzt den Mund, wartet die richtige Atempause Habecks ab: „Wir hatten ja gesagt, wir wechseln uns bisschen ab“, unterbricht sie den Stargast. „Zur Elektromobilität und zum Wasserstoff würde ich auch gerne noch was sagen.“ Habeck guckt verdutzt, stakst vom Podest.

Wie ein Dieselmotor braucht Meier einen Moment, bis sie warm läuft. Bald wummert der Applaus auch für sie. Das spornt an, Meier grinst. Die 39-Jährige erzählt vom Vater, der bei Sachsenring gearbeitet hat. „Ich will jetzt nicht sagen, ich hab Benzin im Blut, aber“, beginnt sie einen Satz, die Menschen lachen, der Motor läuft. Wenn Meier Laute mit S ausspricht, wird oft ein Sch daraus, die Zwickauer Herkunft dringt durch. „Jetzt wird‘s bissel technisch“, warnt sie vor. Es folgen Fakten und Forderungen, manche klingen kleinteilig. So ist das oft bei ihr: Der Klang ihrer Worte wirkt zuweilen ein wenig eckig, doch die Fakten sitzen – und das sind viele.

Am 21. August stellen sich die sechs Spitzenkandidaten der großen Parteien einer öffentlichen Debatte. Hier ist Katja Meier mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU und Jörg Urban, Spitzenkandidat der AfD, (r.) auf der Bühne. 
Am 21. August stellen sich die sechs Spitzenkandidaten der großen Parteien einer öffentlichen Debatte. Hier ist Katja Meier mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU und Jörg Urban, Spitzenkandidat der AfD, (r.) auf der Bühne.  © Robert Michael/dpa

Sich tief in Themen einzuarbeiten, hat die Grüne geübt. Ihre Parteikarriere begann 2005 mit Praktika bei der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung in Dortmund und der Berliner Bundesgeschäftsstelle. Das Jahr der vorgezogenen Bundestagswahl, „eine spannende Zeit, plötzlich hatte ich mit allen Landesverbänden zu tun“. Als Vorstands-Referentin arbeitete sie für die hessischen Grünen, ab 2010 für die Fraktion in Sachsen. In das Abgeordnetenmandat im Landtag rutschte Meier als Nachrückerin rein, nachdem Eva Jähningen 2015 ausschied und Ex-Landeschef Jürgen Kasek das Mandat ablehnte.

Ein „ganz schöner Schritt, ein Rollenwechsel“. Hitzewellen fuhren Europa auch in jenem Sommer schon ins Mark, Meier verbrachte den Urlaub mit Papier im Gepäck. Alle Kleinen Anfragen zum Verkehr reisten mit nach Brandenburg, „fachlich muss man fit sein“. Bücher lesen, Expertinnen und Experten befragen: Dinge genau wissen zu wollen, zählt Meier zu ihren Stärken. Ehrlich sei sie, geradeheraus, manchmal zu sehr. Meier, die Direkte. „Ich würde mich auch als mutig bezeichnen, sonst hätte ich das hier nicht gemacht.“ Das hier, die Spitzenkandidatur, trat Meier mit einem Spitzenwert an. Gut 97 Prozent der Grünen wählten sie auf dem Landesparteitag in Chemnitz auf Listenplatz eins.

Die natürliche Spitzenkandidatin, sagt Meier, wäre Franziska Schubert gewesen, doch die kandidierte für den Oberbürgermeister-Posten in Görlitz. So geschlossen wie jetzt wirkte die Partei lange nicht, schwärmt manches Mitglied. Seit das Verhältnis zu Ex-Parteichefin Antje Hermenau nach der Landtagswahl 2014 mit Austritt und Desaster endete, entledigten sich Sachsens Grüne mancher Altlast. Hinter Meier könne man sich versammeln, sagt ein Parteikollege. Alleingänge gebe es nicht. Meier verbindet Pragmatismus mit pointierten Überzeugungen. Ideologisch grün ist die Fleischesserin nicht, auch wenn es dann schon „ökologisch und regional erzeugt“ sein soll. Verbote will sie vermeiden, Nahverkehr und Radfahren lieber so attraktiv machen, dass Autos unnötig erscheinen.

Der Einzug in den Landtag kam 2015 überraschend für Meier, sie rückte nach. Hier inspiziert sie als frischgebackene Abgeordnete die Elbe.
Der Einzug in den Landtag kam 2015 überraschend für Meier, sie rückte nach. Hier inspiziert sie als frischgebackene Abgeordnete die Elbe. © Lutz Weidler

In Sachsen ist Meier die einzige Frau, die an der Spitze einer der Parteien mit realistischen Chancen auf den Landtag in den Wahlkampf zieht. „Wer Sachsen sagt, muss auch Sächsinnen sagen“, lautet einer ihrer Lieblingssprüche. Neben dem Ausbau von Verkehr ohne Verbrennungsmotor, Braunkohle-Ausstieg, einer Kennzeichnungspflicht für die Polizei oder Gemeinschaftsschulen fordern die Grünen ein Gleichstellungsgesetz. „Es geht um Frauen in Führungspositionen genauso wie um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch für Männer, denen die Chefs dann zum Beispiel verweigern, in Elternzeit zu gehen.“

Den Sinn für Gleichberechtigung lernte Meier dank Mutter im Dreischicht-System früh. Dass Frauen arbeiten, sei selbstverständlich gewesen. „Meine Mutter hat mich immer bestärkt: Sei selbstständig, Kind. Mach dich nicht abhängig, steh auf eigenen Füßen.“ Der theoretische Hintergrund folgte im Studium. In Jena, Münster und Estland studierte Meier Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte. Nach Estland sei sie gezogen, um gesellschaftlichen Umbruch, den EU-Beitritt zu erleben.

Einen Umbruch könnten auch die Grünen erleben. Nie waren sie so beliebt wie jetzt. In Deutschland kommen sie aktuellen Umfragen zufolge auf mehr als ein Viertel der Stimmen, in Sachsen auf 11,5 Prozent. Ein historisch gutes Ergebnis in einem Bundesland, wo sie es traditionell schwer haben. Rund 1.000 Mitglieder kamen seit der Landtagswahl vor fünf Jahren hinzu, mehr als 2.300 zählen sie jetzt. Die Dringlichkeit des Klimawandels, heiße Sommer und trockene Flussbetten – sie helfen der Partei, so zynisch das klingt. Massenweise politisiert „Fridays for Future“ junge Menschen. Als Straßenarm der Grünen stilisieren manche den Protest. Ganz so einfach ist es nicht.

Katja Meier und Wolfram Günther, Spitzenkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen für die Landtagswahl, präsentieren Anfang Juli im Dresdner Alaunpark ihr Wahlplakat. 
Katja Meier und Wolfram Günther, Spitzenkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen für die Landtagswahl, präsentieren Anfang Juli im Dresdner Alaunpark ihr Wahlplakat.  © dpa

Tropfen brechen durch den dichten Himmel, als Meier aus dem Sprinter hüpft. Wie eine Halbinsel klebt Pödelwitz vor der Kante, dahinter klafft eine kilometerweite Schlucht. Kohlebagger haben sich bis kurz vor das Dorf gegraben, der mehr als 700 Jahre alte Ort südlich von Leipzig soll weichen. Die meisten Häuser hat der Kohlekonzern Mibrag leer gekauft, 23 Menschen weigern sich. Ein Klimacamp protestiert im August, rund 1 000 Menschen nehmen teil.

Dass Grünen-Politikerin Meier mit Presse-Begleitung kommt, missfällt. „Wir sind eine basisdemokratische Bewegung, die sich nicht für Parteien positioniert“, sagt ein Sprecher. Für Wahlkampf lasse man sich nicht vereinnahmen. Ein Organisationsfehler der Grünen, ein kurzes Ärgernis. Es ist Meiers zweiter Besuch im Camp, als Privatperson dürfe sie sich gern über das Gelände bewegen. Nur keine Fotos. Sie willigt ein und kehrt zur Meierschen Normalform zurück: Fragen stellen, Gegenüber angucken, nicken, zuhören.

Dorfbewohner Jens Hausner, Sprecher der Bewegung Pro Pödelwitz, führt sie herum. Girlanden mit schillernden Fetzen schmücken eine Wiese im Dorfkern, die Rücken von Männern mit Gitarren haben Kuhlen in Strohballen gepresst. Ein Hauch von Woodstock für Sachsen, nur ohne LSD. In Zelten diskutieren Menschen über globale Gerechtigkeit, Umweltschutz, Rassismus. Ziviler Ungehorsam, sagt Hausner, sei manchmal Pflicht. Meier lauscht. „Die CDU redet immer von Heimat, aber denen will sie ihre wegreißen“, sagt sie. Von der CDU redet Meier häufiger als von jeder anderen Partei. Erstmals könnten die in Sachsen traditionellen Feinde koalieren, um AfD und Minderheitsregierung zu entgehen. Zusammen mit der SPD würde es der aktuellsten Umfrage zufolge knapp reichen. Dann müsse es anders als 2014 laufen, sagt Meier. Damals endeten die Gespräche schnell, die CDU habe sich „null bewegt“. Vor allem bei erneuerbaren Energien, Verkehrswende, Gleichstellung und der Bekämpfung von Rechtsextremismus müsse man vorankommen. Verantwortung wolle man übernehmen, ein Selbstzweck sei regieren nicht.

Katja Meier mit Jens Hausner, Sprecher der Bewegung Pro Pödelwitz.
Katja Meier mit Jens Hausner, Sprecher der Bewegung Pro Pödelwitz. © dpa/Peter Endig

Ob man noch mehr Verantwortung wolle, irgendwann Ministerpräsidentin sein? Meier schnaubt. „Diese Frage stellt sich nicht. Aber natürlich sollen die Punkte, die mir wichtig sind, sich wiederfinden.“ In der vergangenen Legislaturperiode waren für Meier immer wieder Minderheiten wichtig, etwa als Beauftragte für Häftlinge oder als Expertin für den Schutz von Prostituierten.

Auch bei den Linken hätte Meier durchaus landen können, wäre da nicht der Umgang mit Vergangenem. Zwei Praktika absolvierte sie bei der Partei. Die Bespitzelung, die Stasi, das alles hätte eine ältere Linke vom Bundesverband im Gespräch mit Meier abgeblockt. „Das hat mich sehr irritiert und abgestoßen. Mein Hauptantrieb, Politik zu machen, war immer schon die Verwirklichung von Freiheit und Gerechtigkeit.“ Die DDR hat Meier selbst noch miterlebt, wenn auch nicht lange.

In einem Zwickauer Plattenbau wohnte sie damals. Freudig seien ihre Eltern eingezogen. Keine Kohlen mehr, ein Bad, ein Zimmer fürs Kind. In der Crashrock-Band Harlekins spielte Meier in ihrer Jugend Bass, als einzige Frau. Mal mit Rastazopf, mal mit grünen Haaren und roten Dreads. Chlorophylla habe ihr Chemielehrer sie genannt. Den Rastazopf hat Meier noch. Den Schlüssel zur inzwischen abgerissenen Wohnung auch. Gut 20 Jahre ist das her, kein Bandmitglied wohnt noch in Zwickau.

Das Foto ist zu der Zeit entstanden, als Katja Meier bei den Harlekins gespielt hab. Sie war die einzige Frau in der Band und hat Bassgitarre gespielt.
Das Foto ist zu der Zeit entstanden, als Katja Meier bei den Harlekins gespielt hab. Sie war die einzige Frau in der Band und hat Bassgitarre gespielt. © privat
Im Alter von Etwa von 16 bis 18 spielte Meier in der  Crashrockband. Die Texte waren sozialkritisch. Heute lebt keins der Bandmitglieder mehr in Zwickau.
Im Alter von Etwa von 16 bis 18 spielte Meier in der  Crashrockband. Die Texte waren sozialkritisch. Heute lebt keins der Bandmitglieder mehr in Zwickau. © privat

In Sachsen lebt nur Meier wieder. Im Westen fehlte ihr der Osten. Dei Mentalität, die Familie. Die Eierschecke. Oft lehrt erst Ferne Nahes schätzen. „Ich wollte damals weg und raus, was anderes sehen.“ Auf eine Hartz IV-Phase nach dem Studium folgte für Meier ein rasanter Aufstieg Richtung grüner Spitze. Außerhalb der Partei ist ihre Bekanntheit einer Umfrage zufolge geringer als die der anderen Spitzenkandidaten. Bei den Grünen begründet man das gern damit, dass man mit Themen statt Gesichtern kämpfe.

Wer Parteikreise nach ihren Eigenschaften befragt, hört oft „mutig, beharrlich“, noch öfter „fleißig und diszipliniert“. Schlagfertig sei Meier, lasse sich „Butter nicht vom Brot nehmen“. Um alles zu wissen, schreibe sie Kollegen auch sonntagnachts noch E-Mails mit Fachfragen. Durch viele Landtagsreden hat Meier dazugelernt, die große Rhetorikerin ist sie bis heute nicht. Ähms und Sozusagens begleiten ihre Sätze. Sie übt weiter. Mit Wolfram Günther zum Beispiel, beim Vorlesetag. Meier muss keine Kinder haben, um Kinderbücher zu lieben. Wenn sie vom grimmigen „Bärbeiß“ erzählt, sackt ihre Stimme um Oktaven ab, Augen und Mundwinkel fallen nach unten. Ein anderes Lieblingsbuch heißt „Der Bär, der nicht da war“. Es stellt philosophische Fragen: Was war zuerst da? Wer bin ich? Vielleicht ist Meier Habeck ähnlicher, als sie denkt. „Vielen Dank Robert, dass du mit deiner philosophischen Art geantwortet hast“, sagt sie am Ende des Abends in der rappelvollen Ruine. „Ich kann das nicht nachmachen. Ich bin eher detailversessen, das gebe ich zu.“ Auch Selbstkenntnis zählt zu Meiers Stärken.

Weiterführende Artikel

Freitaler Grüne rückt in den Landtag nach

Freitaler Grüne rückt in den Landtag nach

Ines Kummer hat lange als Büroleiterin für andere Abgeordnete gearbeitet. Nun greift sie selbst ins Geschehen ein.

"Es wird keine Verbrüderung gegen die CDU geben"

"Es wird keine Verbrüderung gegen die CDU geben"

Im Sächsische.de-Interview spricht die grüne Spitzenkandidatin Katja Meier nach der Wahl exklusiv über die anstehenden Verhandlungen mit CDU und SPD. 

Übrigens: Sie wollen immer gut über das politische Geschehen in Sachsen informiert sein? Dann abonnieren Sie doch den kostenlosen Newsletter „Politik in Sachsen“ von sächsische.de. Jeden Morgen um 5 Uhr erfahren Sie kurz und kompakt, was in und für Sachsen wichtig ist. Hier geht es zur Anmeldung.

Mehr zum Thema Landtagswahl 2019