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Die schöne Holländerin

Von der einstigen Windmühle in Berg blieben nur Geschichten. Sie wäre eine schöne Ergänzung des Muskauer Parks.

Die Holländerwindmühle bei Muskau wurde in den letzten Kriegstagen gesprengt.
Die Holländerwindmühle bei Muskau wurde in den letzten Kriegstagen gesprengt. © Günter Reif

Wie alle Kultureinrichtungen deutschlandweit muss auch das Museum für Handwerk und Gewerbe in Sagar wegen der Kontaktbeschränkungen geschlossen bleiben. Die Saisoneröffnung am 12. April fiel der Corona-Pandemie zum Opfer. Und auch die Frühjahrstagung des Sächsischen Mühlenvereins am 16. Mai findet nicht statt. Es war viel Vorbereitungsarbeit umsonst. „Wir nutzen die Zeit auch, um unseren Internetauftritt neu zu gestalten“, heißt es von den Sagarer Mühlenfreunden.

„Wenn wir Pfingstmontag nicht zum Mühlentag öffnen dürfen, so laden wir zu einem virtuellen Besuch ein und wollen über die circa 70 ehemaligen Mühlen und deren Müller rings um die Standesherrschaft Muskau berichten.“ Eine davon ist die Holländermühle in Berg.

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Am 5. April 1856 kündigte der Zimmermeister Mudra öffentlich an, in Berg eine Windmühle bauen zu wollen. Bereits am 30. April beauftragte er mit seinem Partner Kotschote das Eisenwerk Boxberg, alle Metallteile nach den übergebenen Zeichnungen zu fertigen. Ob Franz Michael oder sein Bruder Julius August Kotschote Mitbesitzer der Holländermühle war, ist nicht bekannt. Das Hüttenamt beschwerte sich am 29. April 1857 bei der Königlichen Generalverwaltung im Muskau über die unbezahlte Rechnung in Höhe von 998 Talern 10 Groschen und 6 Pfennigen. Auch 1859 war die Rechnung noch nicht bezahlt. Die Windmühle entstand am Weg von Muskau nach Gablenz, heute von der Kreuzung Gablenzer/Leopold-Schäfer-Straße aus gesehen circa 500 Meter auf der rechten Seite. Wie lange die Mühlenbesitzer Mudra und Kotschote in der Windmühle waren, an wen sie diese verkauften, war nicht herauszufinden.

Bau sehr sorgfältig ausgeführt

Richard Koall, geboren 1908 in Berg, berichtet dem Mühlenforscher Günter Rapp: „Die Windmühle war von einem sich rund um die Mühle anschließenden Anbau umgeben, der einen Durchmesser von circa 20 Metern hatte. Die aus dem Anbau herausragende Windmühle hatte einen Durchmesser von circa acht Metern. Die Mauerstärke der Windmühle war ungefähr oben 85 Zentimeter und unten 1 bis 1,25 Meter. Der Bau der Windmühle ist sehr sauber und sorgfältig durchgeführt worden. Die besten Ziegel wurden nach außen genommen. Es wurden handgestrichene Ziegel verwendet. Der Anbau beherbergte die Werkstatt, den Lagerraum, den Verkaufsraum, zwei Flure, die Küche, die Wohnstube und das Schlafzimmer. Unter dem Lagerraum befand sich ein Kellerloch. Der Brunnen war 22 Meter tief und ist bis unten mit Ziegeln gemauert. Er lieferte trotz seiner Tiefe wenig Wasser.“

1881 eröffnete der Schneider August Kamenz in einem Nebengebäude der Mühle seine Werkstatt.

Der Mühlenbesitzer Hemme war 1884 Stadtverordneter in Muskau. Nach seinem Tod 1890 wurde die Mühle verkauft. Dem nächsten Eigentümer Friedrich Genige stahlen Handwerksburschen 1893 bei einem Einbruch wertvolle Sachen. Ab 1895 war Wilhelm Bröse Mühlenbesitzer. Sein Vater betrieb die Windmühle in Schönheide bei Graustein, er selber hatte vorher die Windmühle in Jessen besessen.

Am 10. Oktober 1903 riss der Sturm einen Mühlenflügel ab.
Mühlenmeister Bröse starb 1915 in Muskau. Nächster Besitzer wurde Robert Schubert, dem der Kreisausschuss Rothenburg die Mühle wegen Unzuverlässigkeit vom 15. Juli bis 20. August 1920 schloss.

Was Stürme noch so anrichteten

Der Müller Theodor Schneider von der Friedensmühle Muskau berichtete: „Mein Vater hat diese Mühle mal am Biertisch in Muskau vom Vorbesitzer Schubert gekauft. Der Bruder meiner Mutter sollte sie bewirtschaften, der Betrieb ging auch ganz gut in den Zwanziger Jahren und es sollte eine Mühlenbäckerei angegliedert werden. Als jedoch bei einer Gewitterböe ein Flügel abbrach und durch das Dach des Schlafzimmers spießte, bekam es meine Tante mit der Angst zu tun, zog zu uns runter und war nicht mehr zu bewegen, die Mühle zu betreten. Mein Onkel musste den Betrieb aufgeben. Der Vater hat die Mühle wieder verkauft – an einen gewissen Rahn aus Köbeln, welcher die Mühle verludern ließ. Sie lief bei schwachem Winde sehr gut, machte aber bei Sturm immer großen Ärger. Da ist allerhand passiert. Ein Gewitter hat mal die gesamte Haube mit dem Rutenkranz (Gewicht circa 37 Tonnen!) ausgehoben und einen halben Meter daneben gesetzt. Sie musste mit Pressen wieder an Ort und Stelle gebracht werden. Eine plötzlich aus entgegenkommender Richtung kommende Böe riss die Windrose aus der Lagerung, warf sie übers Dach durch die Flügel und schnitt den Giebel des kleinen nebenstehenden Wohnhauses wie mit dem Rasiermesser weg. Rutenbrüche waren trotz eiserner Bruststücken sehr oft passiert. Der Tante war es nicht zu verdenken, dass sie, wenn ein Gewitter in Sicht war, die Mühle verließ und ins Dorf flüchtete.“

In einer Verkaufsanzeige vom 22. Oktober 1925 in der Müllerzeitung „Die Mühle“ steht: „Holländermühle, mit bester Landkundschaft, direkt an der Stadt gelegen, beste Windlage, großer Obst- und Gemüsegarten, massive, 4 Stockwerke hoch, vollständig neues eisernen Rutenkreuz und Flügel, neuzeitlich eingerichtet: 1 Walzenstuhl, 1 Mahl-, 1 Spitz-, 1 Schrotgang, 2 Sichtmaschinen, 1 Schälmaschine, 1 Mehlmischmaschine, Fahrstuhl, 20 PS Elektromotor-Aushilfskraft u. elektrisches Licht mit 500 m eigener Leitung, Wasserleitung, große Wohnung, 3 Zimmer, Küche, Zubehör, sofort zu beziehen, Stallungen, besonderer Umstände halber sofort zu verkaufen. Näheres durch Richard Schneider, Friedensmühle, Muskau O/L, am Bahnhof.“

Müllermeister Hans Rahn war vorher Besitzer der Klein-Mühle in Köbeln. Er hat Mehl mit einem Pferd bis nach Klein Düben gefahren und in Getreide getauscht.

Am 1. April 1940 wurden die Orte Berg und Lugknitz nach Muskau eingemeindet.
Der letzte Müller hieß Rotzold. Er wurde 1940 als Soldat in den Krieg eingezogen. In der Mühle war in den letzten Kriegstagen eine Fliegerbeobachtungsstation. Die abziehenden deutschen Truppen sprengten sie. Heute wäre die „Holländerin“ eine schöne Ergänzung des Muskauer Parks.

Unser Autor Peter Berghof gehört seit 2011, salopp gesagt, zum Inventar des Heimatmuseums Sagar. Seiner heimatgeschichtlichen Ader ist es zu verdanken, dass das Mühlenhandwerk in den Neißedörfern nicht in Vergessenheit geriet. Seit 1987 lebt er in Weißkeißel. Obwohl ihm alle sagten, dass der Ort keine Mühle gehabt hätte, fand er das Gegenteil heraus. Darauf ist er ein bisschen stolz.

www.museum-sagar.de

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