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Die Semmelmilda kann einfach alles sagen

Sabine Nowraty aus Schellerhau verwandelt sich. „Ich werde immer mehr zur Semmelmilda“, gesteht sie schmunzelnd. „Nur ihr Kopftuch trage ich noch nicht immer.“ Gemeinsam mit dem Kutscher-Maxe - alias Renate Baudisch - ist sie zu einer Symbolfigur des Schellerhauer Heimatvereins geworden.

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Von Volkmar Fischer

Sabine Nowraty aus Schellerhau verwandelt sich. „Ich werde immer mehr zur Semmelmilda“, gesteht sie schmunzelnd. „Nur ihr Kopftuch trage ich noch nicht immer.“ Gemeinsam mit dem Kutscher-Maxe - alias Renate Baudisch - ist sie zu einer Symbolfigur des Schellerhauer Heimatvereins geworden.

Beide treten gemeinsam zu Heimatfesten und anderen Veranstaltungen auf. Dabei sprechen sie erzgebirgische Mundart und nehmen Kritikwürdiges in Schellerhau und Altenberg aufs Korn. So mancher Mitbürger bekommt dabei sein Fett weg, und dazu gehören auch der Ortsvorsteher und der Bürgermeister. Das kommt bei den Leuten an, und sie können es kaum erwarten, wenn die Milda und der Maxe wieder „zuschlagen“.

Hören, was die

Leute so reden

„Um zu Themen zu kommen, brauchen wir nur hinzuhören, was die Leute so reden“, erklärt die 58-jährige Sabine Nowraty. „Manche wenden sich auch direkt mit Hinweisen an uns.“ Die jeweils auf die Schippe Genommenen scheinen das dann ganz gut zu verkraften. „Bis jetzt grüßen mich noch die Leute“, sagt die Schellerhauerin lachend. „Die Milda kann einfach alles sagen und ihr verzeiht man das auch.“

Und Verschiedenes hat sich auch geändert. „So haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder den Bau eines Fußweges im Ort angesprochen, jetzt haben wir einen“, freut sich Frau Nowraty. Mit der Semmelmilda ist ein Gedanke des einstigen Schellerhauer Bürgermeisters Heimo Kempe aufgegangen. Anfang der 90er Jahre hatte er jemanden gesucht, der den Leuten all das sagte, was sich mit Dienstanweisungen und Verordnungen im Ort nicht gut machen ließ. So griff Sabine Nowraty zur Feder und meldete sich von nun an regelmäßig im Gemeindeboten zu Wort. Sie wurde damit zu einer Institution, und so war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch in Fleisch und Blut vor die Leute trat.

Dabei ist die Semmelmilda keine Kunstfigur, es hat sie wirklich gegeben. Sie lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Schönfeld und trug in den umliegenden Orten Brötchen aus. Da sie überall herumkam, wusste sie viel und in Gesprächen nahm sie auch kein Blatt vor den Mund. So ersetzte sie den Leuten die Zeitung. Als Beleg für ihre Existenz gelten zwei Abbildungen: ein nicht genau zu datierendes Foto und ein Holzschnitt, den die Schellerhauerin Johann Schmidt 1938 anfertigte. Eine Erfindung der Jetztzeit ist hingegen der ebenfalls von Sabine Nowraty dargestellte Clown Hansi, der gemeinsam mit dem Harlekin die Schellerhauer und ihre Gäste zum Rodelfasching unterhält.

Dass der wieder auferstandenen Semmelmilda die Themen ausgehen könnten, kann sich Sabine Nowraty nicht vorstellen. Es gebe immer wieder neue Probleme, die ihr auf den Nägeln brennen, sagt sie. Eines davon sei die Bewahrung landschaftstypischer Traditionen. „Das Erzgebirge ist ein landschaftliches Kleinod, dessen Reiz vor allem in seiner Ursprünglichkeit liegt“, erklärt sie. „Es soll kein Museum werden, aber manches Neue passt meines Erachtens nur schlecht in unsere Gegend.“ Als Beispiele erwähnt sie das immer stärkere Zubetonieren von Grund und Boden, die unsensible Modernisierung historischer Gebäude oder der Neubau von Häusern, die sich nicht dem Charakter der vorhandenen Siedlungsstruktur anpassen.

Die Milda hat auch Angst, dass eines Tages der Botanische Garten im Ort geschlossen werden könnte, weil die öffentlichen Zuschüsse dafür immer weniger werden.

Natürlichkeit und

Kultur der Region

„Das Erzgebirge und vor allem der Ort Schellerhau, in dem ich schon seit meiner Kindheit lebe, sind meine Heimat, die ich nie verlassen möchte“, gesteht Sabine Nowraty. Die noch vorhandene Natürlichkeit und die Kultur dieser Region würden ihr gut tun. Ihrem Mann gehe es ebenso, und sie sei glücklich, die damit verbundene Lebenseinstellung an Kinder und Enkelkinder weitergeben zu können.

Sie sei deshalb auch im Vorstand des Schellerhauer Heimatvereins aktiv und freue sich, dass der nach der Wende im Ort etwas verloren gegangene Gemeinschaftssinn wieder wachse. „Und vielleicht können wir irgendwann auch die für uns gewinnen, die heute noch hinter den Gardinen stehen und uns aus der Ferne zuschauen. Das wäre schön“, sagt sie.