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Feuilleton

Die Semperoper, wie Sie sie noch nie gesehen haben

Für Wagners „Meistersinger“ holt sich die Staatsoper selbst auf die Bühne und ermöglicht tiefe Einblicke sogar ins Intendantenbüro.

Der Zuschauerraum von Sempers Oper setzt sich auf der Bühne fort. Dort sind auch das Intendantenbüro und Backstage-Bereiche Spielorte.
Der Zuschauerraum von Sempers Oper setzt sich auf der Bühne fort. Dort sind auch das Intendantenbüro und Backstage-Bereiche Spielorte. © Semperoper/Wilm Heinrich

Wenn sich am Sonntag in der Semperoper der Vorhang zur Premiere „Die Meistersinger von Nürnberg“ hebt, wird sich mancher Zuschauer die Augen reiben. Denn die Seitenlogen und die Proszeniumswände wiederholen sich auf der Bühne. Einige Zuschauersessel – fast wie die im Saal – stehen auf der Bühne. Sänger sitzen darin, als wären sie Zuschauer und sind es teilweise auch. Später wird die Hauptfigur des Hans Sachs in einer Art Intendantenbüro agieren. Man wird Beleuchterbrücken, die Garderoben und andere Backstage-Bereiche erkennen können. Ganz klar: Richard Wagners beliebte Oper spielt diesmal im Theater.

„Die ,Meistersinger’ sind schon in x Varianten inszeniert worden, gern als verkehrte Welt und in jüngster Zeit auch mit provokantem politischem Bezug etwa zu Nürnberg und der Nazi-Zeit. All das wollten wir nicht“, sagt Bühnenbildner Mathis Neidhardt. Stattdessen hätten sie den Ansatz schlüssig gefunden, im Theater zu spielen. „Im Theater werden wie wohl in keinem anderen Umfeld einerseits Traditionen gepflegt, aber auch permanent Regeln über Bord geworfen – genau das ist ja das Thema des Stücks. Es geht schließlich um die Frage nach der Bedeutung von Kunst für unser Leben und die Gesellschaft. Außerdem ist im Theater noch handwerkliche Meisterschaft gefragt, um mit Pappmaschee und anderen Mitteln die perfekte Illusion zu erschaffen.“ Auch das passt zum Stück, in dem Hans Sachs in seiner Schlussansprache aufruft: „Verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst!“

Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Und tatsächlich sind solche am Werk. Mit Dirigent Christian Thielemann, Chef der Staatskapelle, ist der derzeit beste Richard-Wagner-Kenner im Graben. Er hat die „Meistersinger“ an die 40, 50 Male musiziert, weiß, wie wichtig es ist, das Fünf-Stunden-Stück mit „großer Durchsichtigkeit“ zu interpretieren. Kapelle und Staatsopernchor sind erwiesenermaßen eine Klasse für sich. Das Inszenierungsteam um Regisseur Jens-Daniel Herzog, der Intendant des Staatstheaters Nürnberg ist, ist recht erfolgreich. Seine schlüssigen Arbeiten am Haus wie „Giulio Cesare in Egitto“ und „Der Wildschütz“ laufen bestens. Und mit Georg Zeppenfeld als Hans Sachs, Vitalij Kowaljow als Veit Pogner, Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing, Camilla Nylund als Eva und Christa Mayer als Magdalene sind unter anderem fünf der Top-Wagner-Gestalter engagiert.

Bühnenbildner Mathis Neidhardt in der Dekoration der Wagner-Oper.
Bühnenbildner Mathis Neidhardt in der Dekoration der Wagner-Oper. © Semperoper

Sie erzählen eine wunderbare musikalische Komödie. Diese spielt um die Mittsommernacht im mittelalterlichen Nürnberg, wo sich der verwitwete Schuster Hans Sachs, der Stadtschreiber Sixtus Beckmesser und der junge adlige Draufgänger Walther von Stolzing singend, dichtend und auch prügelnd um Eva streiten. Weil der Goldschmied Pogner seine begehrte Tochter als Preis im jährlichen Sängerwettbewerb ausgeschrieben hat, um deutlich zu machen, wie wichtig ihm die Kunst ist.

„Meistersinger“ und mehr

Aufführungen: „Meistersinger“ am 26. und 30. 1. sowie 2., 10. und 16. 2.; ganz wenige Restkarten bis zu 185 Euro.

Einführungsvortrag: Sven Friedrich, Direktor des Wagner-Museums Bayreuth, hält am 25. 1. ab 14 Uhr im Opernkeller einen Vortrag zu Wagners Oper als philosophische „comédie humaine“. Karten für 12 Euro sind in der Schinkelwache, online oder telefonisch unter 0351 4911705 erhältlich.

Semper-Dialog: „Wie politisch ist Oper? Diesmal bei Wagner“ ist das Thema der neuen Veranstaltungsreihe auf Semper Zwei am 31. 1 ab 19 Uhr mit Intendant Peter Theiler und musikalischen Beiträgen. Eintritt frei.

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Da dürfte der Theater-Kunst-Ansatz zur neunten Dresdner „Meistersinger“-Inszenierung seit der ersten im Januar 1869 ein guter sein. Zumal endlich auch jene Meister hinter den Kulissen – zumindest indirekt – gewürdigt werden. „Am Theater gibt es noch Handwerksberufe wie Hut- und Schuhmacher, Kostümmaler, Plastiker und Färber, die es im normalen Leben kaum noch gibt“, sagt Neidhardt. 230 dieser spezialisierten Macher, Maler, Tischler, Bühnenarbeiter und Maskenbildner arbeiten für die Staatstheater. Regelmäßig gibt es Lobeshymnen von Ausstattern und Regisseuren für ihr Wirken. Damit solche Könner, die keine normale Berufsschule ausbildet, auch künftig hier arbeiten, dafür hat der Freistaat Sachsen ein extra Azubi-/Ausbilder-Programm aufgelegt.

Christian Thielemann freut sich auf seine Produktion der "Meistersinger".
Christian Thielemann freut sich auf seine Produktion der "Meistersinger". © Robert Michael

Neidhardt, aus einer renommierten kunstsinnigen Dresdner Familie stammend, weiß, wovon er schwärmt. Der heute 54-Jährige hat vor seinem Bühnen- und Kostümbild-Studium im Malsaal der Staatstheater gearbeitet. Er hat unzählige seiner Entwürfe als Ausstatter vom Staatsschauspiel von 1992 bis 2001 zu Bühnenbildern wachsen sehen. „Spätestens seit der freiberuflichen Arbeit für Bühnen in aller Welt weiß ich, dass die Dresdner Werkstätten zu den besten überhaupt gehören.“ Mehr als 120 Produktionen hat er bislang vorgelegt.

Auch Dirigent Christian Thielemann findet den handwerklichen Aspekt besser als zwanghaft politisch motivierte „Meistersinger“. „Dieser Anstrich passt eigentlich nicht zu dem Stück: Es ist eine heitere Oper, in der mal keiner stirbt. Es steht kein Weltuntergang an und keine Geschichte, die irgendwie trübe oder unklar ausgeht. Die Meistersänger entlassen einen froh in den Abend. Welche weise und schöne Kunst.“