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Die Sendung mit dem Wolf

Der Deutschlandfunk berichtet aus Neustadt. Es geht nicht nur um Ängste und Sorgen.

Von Anja Weber

Wer einen Wolf oder gar mehrere zu bieten hat, der schafft es auch in den Deutschlandfunk, und da speziell in die Sendung Länderzeit. Denn mit dem Raubtier werden nicht nur sächsische Zuhörer konfrontiert, sondern auch die in Mecklenburg-Vorpommern, in Schleswig- Holstein und auch in anderen Bundesländern. Das wiederum ist Voraussetzung, wenn ein Thema die Hörer des Deutschlandfunks erreichen soll. „Wir suchen nach solchen Themen, die sich speziell in einem Bundesland abspielen, die aber mittlerweile auch auf andere Länder ausstrahlen“, sagt Redakteurin Eva-Maria Götz.

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Nachrichten als Wolfsvertreiber

In Sachsen wäre das der Wolf. Der spalte die Bevölkerung auf der einen Seite. Auf der anderen Seite werde Sachsen deutschlandweit als Vorreiter in Sachen Wolf gesehen, sagt Eva-Maria Götz. Schäfer und andere Nutztierhalter aus Neustadt und Umgebung kämpfen seit über einem Jahr dagegen, dass sich die Raubtiere weiter unkontrolliert ausbreiten. Eine Unterschriftensammlung mit über 10 000 Unterzeichnern wurde bereits als Petition an den Landtag übergeben. Und das blieb auch dem Deutschlandfunk nicht verborgen. Etwa zwei Monate hatte die Redakteurin für ihre Recherchen und konnte die Gesprächspartner für Moderator Jürgen Wiebicke eingeladen.

Gestern, 10.10 Uhr, ging Neustadt mit dem Wolf auf Sendung. Zuvor wurden Namensschilder an die Schäfer Manfred Horn und Eberhard Klose verteilt. Ziegenzüchter Rolf Seim und Pfarrer Wolfram Albert waren ebenfalls gekommen, auch Neustadts Bürgermeister Manfred Elsner (FDP) sowie Vertreter des Naturschutzbundes und des sächsischen Umweltministeriums waren da. Schnell versammeln sich Neugierige auf dem Marktplatz. Direkt mit dem Wolf hatte von ihnen zwar noch keiner zu tun, doch das Thema berühre die Einwohner, sagt eine Frau. Obwohl man ja immer sage, der Wolf lasse Menschen in Ruhe. So richtig glauben könne sie das nicht.

Unter den Zaungästen sind auch Manfred Michler und seine Lebensgefährtin Karin Finke. „Wir sind nicht dafür, dass sich Wölfe hier wieder ansiedeln. Sie sind vor vielen Jahren verschwunden. Wir sollten sie nicht wieder hierher bringen“, so Karin Finke. Und ihr Lebensgefährte hat sogar etwas erfunden, was den Wolf vertreiben soll. Getestet wird das Gerät derzeit auf einer Weide bei Manfred Klose. Auf dessen Hof holt Manfred Michler frische Eier, und natürlich wird beim Einkauf auch über den Wolf gesprochen. Das hat den Neustädter zum Tüfteln bewogen. Das Prinzip der „Wolfsvertreibung“ ist einfach. Ein Gerät, gekoppelt mit einer alten Autobatterie, sendet stündlich Nachrichten. „Musik ist nicht so gut. Aber durch die menschlichen Stimmen könnte der Wolf vertrieben werden“, sagt Manfred Michler. Das Ganze funktioniert über eine Zeitschaltuhr.

10.10 Uhr, der Moderator ist auf Sendung, begrüßt die Hörer. Manfred Klose rückt sein T-Shirt mit der Aufschrift „Wir brauchen keine Wölfe“ zurecht. Wiebicke verkündet die Frage der Länderzeit-Sendung: „Wie sehen Sie die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland?“ Die Hörer können anrufen und ihre Meinung sagen.

Vor allem aber kommen Wolfsbefürworter und Wolfsgegner zu Wort. Ihre Argumente sind nicht neu. Kenner der Wolfsszene wissen um die Ängste und auch um die Beweggründe, weshalb der Wolf wieder angesiedelt werden soll. Und jetzt wissen es auch die Hörer des Deutschlandfunks. Und sie wissen auch, wo Neustadt in Sachsen liegt. Ängste gibt es, bestätigt Bürgermeister Elsner. Er weiß von älteren Leuten zu berichten, dass sie das sonst so beliebte Wandergebiet im Hohwald meiden, aus Angst, sie könnten dort den Wölfen begegnen. In der Region sei die Ansiedlung des Wolfes jedenfalls nicht gut angekommen. Schäfer Manfred Horn und Pfarrer Wolfram Albert nicken. Der Tontechniker hält dem Moderator eine große Uhr vors Gesicht. 10.27 Uhr. Wiebicke muss sich beeilen. 10.30 Uhr ist Nachrichtenzeit.

Jagdzeit beginnt bald

Kurze Verschnaufpause in Sachen Wolf. Dann greift der Moderator wieder zum Mikro. Schäfer Eberhard Klose ist dran. „Wir müssen viel mehr Geld für den Schutz unserer Schafe ausgeben und haben auch einen zeitlich viel höheren Aufwand als in den Zeiten, wo noch kein Wolf da war“, sagt er. Doch an eine Zeit, in der der Wolf nicht mehr durch die heimischen Wälder streift, glaubt auch er nicht mehr. Die Wölfe haben sich hier angesiedelt und werden sicherlich auch hier bleiben.

Eine Lösung für die Probleme der Schäfer auf der einen und den Schutz des Wolfes auf der anderen Seite kann eine Radiosendung nicht finden. Doch eines haben sowohl Befürworter als auch Gegner erreicht: Sie haben mit ihren Argumenten sicherlich viele Radiohörer erreicht.

Den Schäfern jedenfalls dürften demnächst wieder unruhige Nächte bevorstehen. Denn rein statistisch gesehen haben sich in den letzten Jahren die Übergriffe von Wölfen auf Schafe zwischen August und Oktober gehäuft. In der Zeit lehren die alten Wölfe ihre Welpen das Jagen. Doch vielleicht hat Manfred Horn ja in diesem Jahr Ruhe – wenn Manfred Michlers Wolfsvertreibung funktioniert. Per Radio.