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„Die sorbischenVereine sind handlungsunfähig“

Bis zu einer Million Euro sollen in diesem Jahr bei der Stiftung gekürzt werden. Vor allem den Künstlerbund trifft das hart.

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Nur vorläufig gilt der im November beschlossene Haushaltsplan 2014 der Stiftung für das sorbische Volk. „Der Bund will seinen Anteil im Vergleich zu 2013 um 500 000 Euro kürzen. Die Länder Sachsen und Brandenburg werden insgesamt 500 000 Euro kürzen“, sagt Benedikt Dyrlich, Vorsitzender des Sorbischen Künstlerbundes. Mit Briefen an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel will der Verein wachrütteln. Über Anliegen, Echo und Hoffnungen sprach die SZ mit dem Vorsitzenden.

Herr Dyrlich, welchen Hintergrund hat der Brief an die Kanzlerin?

Er soll Notlagen bei der institutionellen und Projektförderungen offenlegen. Viele wissen in Berlin, Potsdam und Dresden nicht einmal, dass die freien sorbischen Initiativen, Vereine und Gruppen an der Basis faktisch handlungsunfähig sind. Die sorbische Stiftung musste ihre geplanten 200 000 Euro für Projekte der sorbischen Vereine einfrieren. Unseren Künstlerbund hat es sehr hart getroffen, alle 20 geplanten Projekte für 2014 können nicht umgesetzt werden, die einzige Mitarbeiterin mussten wir entlassen. Das Fest der sorbischen Poesie wird wohl in diesem Jahr ausfallen. Buchlesungen, Konzerte und Ausstellungen sind gefährdet.

Worauf zielt der Brief an Angela Merkel?

Wir wollen eine Diskussion anstoßen. Jeder im Stiftungsrat weiß: 90 Prozent aller Fördermittel für die Sorben sind mit Tarifen verbunden. Wegen der Anpassungen der Tarife im öffentlichen Dienst und der Inflationsrate steigen jedoch die Kosten. Das wird durch die Fördermittel-Geber nicht in der Konsequenz beachtet.

Woran liegt das? Steckt gar politisches Kalkül dahinter?

Für mich ist es Ignoranz oder Unkenntnis der Zusammenhänge und Nachlässigkeit einiger Vertreter im Stiftungsrat. Es zeigt, wie wenig Sensibilität und konzeptionelles Denken vorhanden ist. Der Bund, Sachsen und Brandenburg sind leider nicht in der Lage, eine abgestimmte Finanzpolitik bei der Förderung der sorbischen Stiftung zu organisieren.

Welche Fehlentwicklungen sind das?

Die einen unterschätzen und ignorieren die so dringend nötige langfristige Sicherung der Finanzierung. Die anderen erkennen nicht die Dimension und den Wert der sorbischen Sprache und Kultur, ihre Innovationskraft, ihre verbindende Rolle.

Welche Folgen hat das jetzt?

Wenn es keine Korrektur gibt, droht in der Endkonsequenz die Schließung komplett einer oder mehrerer sorbischen Kulturinstitutionen. Vor allem das Sorbische Nationalensemble ist existenziell gefährdet.

Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hatte am 12. Oktober verkündet, dass Bund, Sachsen und Brandenburg ab 2013 eine Million Euro zusätzlich zur Verfügung stelle 

Den großen Worten der Politik zum Jubiläum der Domowina sind leider nicht konsequente Taten gefolgt. Es gibt keine transparente Abstimmung zwischen den verantwortlichen Vertretern der Zuwendungsgeber. Wir brauchen ein verbindliches und mittelfristig angelegtes Finanzierungsabkommen zwischen Bund, Brandenburg und Sachsen. Nötig ist ein Staatsvertrag für zehn Jahre. Er sollte die Inflationsrate, die Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst und weitere Kosten beachten. Der Gesamt-Etat für stabile Finanzierung sorbischer Kulturinstitutionen, Wissenschaftseinrichtungen, Vereine und Projekte entspricht ungefähr dem Jahres-Etat eines mittleren Mehrsparten-Theaters mit Musik, Schauspiel, Orchester, Ballett. Er ist also eine überschaubare Größe.

Sie sprechen vom fehlenden politischen Willen. Fehlt es auch am Reformwillen der Sorben selbst?

Ja, es fehlt auch ein gewisser Reformwille in der Lausitz. Derzeit fließen 90 Prozent der Mittel in die Förderung der Institutionen. Mir gefallen Vorschläge, mit denen dieser Anteil auf 85 oder gar 80 Prozent gesenkt werden könnte. Die Bautzener Theaterbühnen, so der Vorschlag des Sorbischen Künstlerbundes seit Februar 2010, sollten fusionieren. Damit könnten Mittel frei werden für Projekte, für die sich Institutionen genauso bewerben könnten wie Vereine, Initiativen sowie Kommunen. Wer Eigen- und Drittmittel aufbringt, könnte dann entsprechend gefördert werden. Die Jugendarbeit und neue Medien könnten angekurbelt werden.

Ein zweiter Brief des Künstlerbundes ging an Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Worauf zielt dieser?

Wir wollen mit ihm offen über die Interessenkonflikte in der Lausitz sprechen. Es geht um den Konflikt Ökonomie-Ökologie. Es geht um den Konflikt zwischen Braunkohle, Kaolin und historisch gewachsenen sorbischen Kulturlandschaften. Wie können wir Arbeitsplätze halten und neue schaffen? Wie können wir zugleich einmalige Sprach- und Siedlungsräume vor einer zügellosen Industrie schützen und entwickeln helfen? Wir wollen einen Dialog über die Neu-Regelung des Bergbau-Rechtes anschieben.

Gespräch: Andreas Kirschke