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Meißen

Die Sorgen der Pflege auf dem Land

Ein Pflegedienstleister in Lommatzsch feiert 20-jähriges Jubiläum. Ein Selbstläufer ist das Unternehmen nicht.

Kerstin Klug aus Lommatzsch leitet seit 20 Jahren einen Pflegedienst. An die Wand ihres Büros hat sie ihr Lieblingszitat von Guy de Maupassant schreiben lassen.
Kerstin Klug aus Lommatzsch leitet seit 20 Jahren einen Pflegedienst. An die Wand ihres Büros hat sie ihr Lieblingszitat von Guy de Maupassant schreiben lassen. © Claudia Hübschmann

Lommatzsch. Am Tor hängen blaue Luftballons, aus großen Boxen dringt Schlagermusik, jemand dreht ein Würstchen auf dem Grill. Hier, direkt am Lommatzscher Marktplatz, feierte am Freitag der ambulante Pflegedienst von Kerstin Klug sein 20-jähriges Bestehen. Eine beachtlich lange Zeit in einem zunehmend fordernden Geschäft.

Am 1. August 1999 hatte es in Lommatzsch ganz klein begonnen: In ihren eigenen vier Wänden gründete die Krankenschwester und geprüfte Pflegedienstleiterin ihren Dienst, anfangs mit nur einer Mitarbeiterin und fünf Patienten. Inzwischen hat sie 15 Mitarbeiter – bis auf ihren hin und wieder aushelfenden Mann sind alle weiblich.

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Wie auf Zuruf tippt in diesem Moment eine Frau auf Kerstin Klugs Schulter und präsentiert einen komplett mit firmenblauem Fondant überzogenen und mit Glückwünschen verzierten Geburtstagskuchen. „Weil Sie die beste Chefin sind“, sagt die Gratulantin, Klug erscheint gerührt.

Dass gutes Personal vor allem in der Pflege sehr umkämpft ist, weiß man seit Jahren. Das ist auch in Lommatzsch nicht anders, wo der Job noch auf dem Land liegt und mit viel Fahrerei verbunden ist.

 Der Pflegedienst versorgt derzeit knapp 150 Menschen im Umkreis – die meisten davon mehrmals am Tag. Eine Mitarbeiterin übernimmt auf ihrem Dienst rund 15 Patienten. Bei manchen muss nur kurz nach dem Rechten gesehen werden, andere müssen gewaschen oder medizinisch versorgt werden. Manchmal geht es auch um Soziales, wie Gespräche oder Spaziergänge. 

„Als es in dieser Woche zu heiß zum nach draußen gehen war, hat eine Mitarbeiterin ihrer Patientin aus der Zeitung vorgelesen“, sagt Klug. Trotzdem sei der Job häufig psychisch und körperlich anstrengend und vor allem ältere Kolleginnen kämen oft an ihre Grenzen. Besonders die viele Zeit im Auto – eine Pflegekraft hat täglich eine Strecke von 100 bis 150 Kilometern zu bewältigen – ist eine Belastung.

Es müsste Nachwuchs her, doch der fehlt in der Branche und auch in Lommatzsch. Da sie wenig Einfluss auf die Zeit auf der Straße und bei den Patienten hat, kümmert sich Kerstin Klug, so gut es geht, um ihre Mitarbeiterinnen, wenn sie vor Ort sind. 

Das Büro des Pflegedienstes ist wie eine große Wohnung aufgebaut, die Räume sind karg, aber hell. Es gibt eine zentrale Umkleide und einen Frühstücksraum. „Wir haben das gemeinsame Frühstück eingeführt, damit die Pflegerinnen sich über ihre Erfahrungen austauschen“, sagt Klug. 

Darüber hinaus gibt es Betriebsfeiern, Geburtstagsgeschenke, bezahlte Weiterbildungen, ein Bonusprogramm und Urlaubsgeld. Doch die Mitarbeiter bleiben fern, obwohl der Pflegedienst sofort einstellen würde. Immerhin kommt im Oktober eine neue, zweite Auszubildende in den Betrieb.

Das ist deshalb fatal, weil die Patienten mehr werden. Zum einen, weil die Gesellschaft im Durchschnitt älter und damit auch kränker wird, und zum anderen, weil die Angehörigenpflege seit vielen Jahren abnimmt. Die Kinder ziehen vom Dorf weg, die Eltern bleiben zurück, und sind im Alter auf sich allein gestellt.

Eine besondere Herausforderung ist die Begleitung von Sterbenden. Kerstin Klug hat über die Jahre beobachtet, dass immer häufiger junge Leute betroffen sind. „Man lässt sich vielleicht dickes Fell wachsen, doch wen solche Schicksale kalt lassen, der ist falsch in dem Job“, sagt sie.

 Plätze in Hospizen seien nicht immer verfügbar, außerdem sei es ein nachvollziehbarer Wunsch, seine letzten Tage zu Hause zu verbringen. Dann muss besonders darauf geachtet werden, dass immer die gleiche Pflegekraft die Schmerztherapie übernimmt. „Wenn man mehrmals täglich zu Besuch ist, wird man ein bisschen Teil der Familie“, sagt Klug. Der Pflegedienst hat ein Zertifikat für die sogenannte Palliativbehandlung.

Für die nächsten Jahre hat sich Kerstin Klug wenige Projekte vorgenommen. Sie selbst arbeitet hauptsächlich in der Koordination, nur in Notfällen übernimmt sie auch selbst Pflegefahrten. Um räumlich etwas flexibler zu sein, wurde erst kürzlich eine Außenstelle in Stauchitz eröffnet. 

Aller Anfang ist schwer, da gibt es noch viel zu tun“, gibt die Chefin zu. Für sie dürfte es beruhigend und herausfordernd zugleich sein, dass es in den kommenden Jahren wohl kaum an Arbeit mangeln wird.

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