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Görlitz

Die Sorgen der Physiotherapeuten

Sie arbeiten an medizinischen Notfällen und in ständiger Corona-Gefahr. Nun haben sie auch noch massive Ausfälle.

Der Görlitzer Physiotherapeut Hardy Kliese sitzt in seinen Praxisräumen am Mühlweg. Die meisten Patienten haben abgesagt oder sind abbestellt, aber die dringenden Fälle behandelt er weiter.
Der Görlitzer Physiotherapeut Hardy Kliese sitzt in seinen Praxisräumen am Mühlweg. Die meisten Patienten haben abgesagt oder sind abbestellt, aber die dringenden Fälle behandelt er weiter. © nikolaischmidt.de

Am Montag waren sie das letzte Mal zu viert in der Physiotherapie-Praxis von Hardy Kliese auf dem Görlitzer Mühlweg. Alle Kollegen gleichzeitig da – das wird es jetzt erst einmal nicht mehr geben. „Viele Patienten haben wegen der aktuellen Lage von sich aus abgesagt“, erklärt der 55-Jährige. Anderen haben er und seine Mitarbeiter am Montag abgesagt. „Wir müssen unterscheiden, was wichtig ist und was man verschieben kann“, sagt Kliese.

Das heißt im Klartext: Die Praxis bleibt trotz der Corona-Krise geöffnet, mindestens ein Mitarbeiter ist immer da. Physiotherapie sei schließlich kein Wellness, sagt Kliese: „Wir gehören zur medizinischen Grundversorgung.“

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Menschen, die frisch von einer OP kommen, müssen behandelt werden, sonst nutze die tollste OP nichts. Auch dauerhafte Lymphdrainage, zum Beispiel nach einer Brustamputation, könne man nicht einfach aussetzen. Und eine akute Migräne oder ein Hexenschuss frage ebenfalls nicht nach dem Virus: „In solchen Fällen sind wir für die Patienten da.“

Risiko lässt sich verringern, aber nicht ausschließen

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Physiotherapeuten arbeiten am Menschen, sind somit ständig der Gefahr ausgesetzt, dass einer das Corona-Virus mit in die Praxis bringt. Mit Desinfektion lässt sich das Risiko zwar verringern, aber keineswegs ausschließen. Auch aus dieser Sorge heraus hat Kliese nun die Termine abgesagt, die verschiebbar sind.

Doch das hat auch wieder Folgen: Am Freitag hat er für seine drei Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt. Diesen Schritt ist er nicht gern gegangen: „Ich habe ein tolles Team, es macht Spaß, ich will sie so lange wie möglich zusammenhalten.“ Momentan sei es wirtschaftlich noch zu stemmen, drei Monate Krise würden eine Herausforderung: „Aber alles, was länger ist, wird sehr eng.“

Seit 2003 ist Kliese selbstständig: „Da ging es immer wieder auf und ab.“ Sein Praxisumzug vor vier Jahren sei wie ein Neuanfang gewesen. Ob Corona die größte Herausforderung wird, könne er noch nicht beurteilen: „Das hängt davon ab, wie lange es dauert.“ Doch trotz allem: Jammern möchte er nicht. Das Handeln der Politik findet er derzeit vollkommen in Ordnung – auch wenn die Arbeit der Physiotherapeuten nicht die öffentliche Wertschätzung findet, die er sich wünscht. Aber zumindest von den Patienten bekommen seine Kollegen und er viele positive Rückmeldungen: „Da weiß man, wofür man es macht.“

Viele Patienten haben Verständnis, aber nicht alle

Mit seinen Sorgen steht er nicht allein da. Auch Arkadius Bembenek von der Physiotherapie Stadtmitte im Görlitzer City-Center muss derzeit viele Absagen von Patienten verschmerzen. „Wir bekommen auch kaum noch neue Rezepte“, sagt er. Vorige Woche seien es drei gewesen statt der üblichen 20 bis 30. Hausbesuche bei älteren Patienten hat er von sich aus abgesagt, weil er niemanden gefährden will: „Viele haben das verstanden, andere nicht.“

Eine 88-Jährige habe sich heftig beschwert: „Sie ist den ganzen Tag allein, sie will, dass mal jemand vorbeikommt.“ Das sei verständlich. Er habe dann versucht, der Frau zu erklären, dass es um ihre eigene Gesundheit geht: „Ich hoffe, dass sie es verstanden hat.“ Auch Bembenek beschäftigt drei Mitarbeiter. Und auch er hat am Freitag Kurzarbeit beantragt, weil kaum noch Arbeit da ist. Trotzdem will er seine Physiotherapie geöffnet halten. Wirtschaftlich macht er sich noch keine großen Sorgen: „Die Praxis ist bisher richtig super gelaufen, da ist schon ein bisschen Geld auf dem Konto.“

Physiotherapeutin Claudia Taubert aus Niesky freut sich schon jetzt auf ein Ende der Krise und auf stinknormale Arbeitstage.
Physiotherapeutin Claudia Taubert aus Niesky freut sich schon jetzt auf ein Ende der Krise und auf stinknormale Arbeitstage. © Foto: Paul Glaser

Bei der Physiotherapie Claudia Taubert auf der Königshainer Straße in Niesky hat die Mutter einer Mitarbeiterin begonnen, einen waschbaren Mundschutz zu nähen. „Das hilft uns sehr“, sagt die Chefin. Sie hat sechs Mitarbeiterinnen, von denen eine derzeit im Mutterschutz ist. Sie selbst und die anderen fünf sind auch jetzt weiter in der Praxis – allerdings arbeiten sie alle verkürzt, behandeln nur noch die wirklich dringenden Fälle. „Ich musste am Montag die kompletten Pläne umstellen und volle Auftragsbücher absagen“, erklärt Claudia Taubert.

Zudem hat sie vorsorglich Kurzarbeit für alle angemeldet. Ein solcher Schritt sei für sie bisher noch nie ein Thema gewesen: „Das schmerzt mich als Unternehmerin, aber auch menschlich gegenüber meinen Mitarbeiterinnen.“ Die Arbeit im Team mache aber nach wie vor Spaß, auch mit den Patienten: „Wir sind es gewohnt, ihnen Zuversicht zu geben – und das machen wir auch weiterhin.“ Sie hofft nun, dass die Krise möglichst bald überwunden ist.

Praxis kann vorgeschriebene Richtlinien nicht einhalten

Auch bei der Physiotherapie von Heike Zücker im Markersdorfer Ortsteil Friedersdorf geht der Betrieb vorerst nur noch eingeschränkt weiter. Medizinisch dringend notwendige Behandlungen – beispielsweise Lymphdrainagen, akute Schmerzen oder Nachbehandlungen nach Operationen – finden statt. Die Praxis weist allerdings darauf hin, dass sie die nun gesetzlich vorgeschriebenen Richtlinien zur Einhaltung strengster Hygienemaßnahmen nicht einhalten könne.

„Wir besitzen weder Schutzbekleidung noch Schutzmasken“, bedauert Heike Zücker. Diese Ausrüstung sei nicht mehr verfügbar und wenn, dann vor allem und notwendigerweise den Krankenhäusern vorbehalten. Standardhygiene betrifft nun ebenso die Patienten, die genau wie die Therapeuten ihre Hände waschen und desinfizieren müssen. In Pflegeheime fahren die Therapeuten im Moment auch nicht, da diese für Besucher geschlossen sind. Rückenschulen und Gruppenangebote fallen vorerst flach.

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Hardy Kliese versucht derweil, schon wieder nach vorn zu schauen: „Die Krise wird irgendwann vorbei sein, das Leben danach ganz anders sein.“ Inwiefern anders? So richtig weiß er es auch noch nicht: „Es ist derzeit alles sehr spannend, es rödelt unwahrscheinlich in meinem Kopf. Vielleicht lichtet es sich in einer Woche.“

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